Es ist für uns eine Zeit angekommen

Volkslied

Musiknoten zum Lied Es ist für uns eine Zeit angekommen

Liedtext

Es ist für uns eine Zeit angekommen,
es ist für uns eine große Gnad'.
Unser Heiland Jesus Christ,
der für uns, der für uns,
der für uns Mensch geworden ist.

In der Krippe muß er liegen,
und wenn’s der härteste Felsen wär’:
Zwischen Ochs’ und Eselein
liegest du, liegest du,
liegest du, armes Jesulein.

Drei König’ kamen, ihn zu suchen,
der Stern führt’ sie nach Bethlehem.
Kron’ und Zepter legten sie ab,
brachten ihm, brachten ihm,
brachten ihm ihre reiche Gab’.

Karaoke

Entstehung

Der Text Es ist für uns eine Zeit angekommen geht auf ein Dreikönigslied aus dem Schweizer Kanton Aargau zurück. Er wurde laut dem der Volksliedforscherin Waltraud Linder Beroud 1902 handschriftlich aufgezeichnet und 1906 erstmalig in einem Liederbuch veröffentlicht. Ein ähnliches Lied mit leichten Textvarianten wurde bereits um 1900 im Kanton Luzern gesungen (vgl. Linder-Beroud im Historisch kritischen Liederlexikon des Deutschen Volksliederarchivs).

In der deutschsprachigen Schweiz wurde am 6. Januar jeden Jahres der Heiligen Drei Könige gedacht, die dem Christkind in der Krippe ihre Gaben brachten. An diesem Tag oder am Sonntag vor dem Dreikönigstag zogen die Sänger, oft wie Könige gekleidet, abends durch die Dörfer und Kleinstädte und sangen vor jedem Haus Weihnachtslieder, insbesondere auch das Lied Es ist für uns eine Zeit angekommen. Ein Sänger trug einen an einem Stab befestigten, aus buntem Papier gebastelten, Stern voran, der häufig von einer innen befestigten Kerze beleuchtet wurde. In Erinnerung an die Gaben der Könige erhalten hier die Sänger von den Zuhörenden Geld oder Süßigkeiten, erwachsene Sänger oft auch selbstgemachten Most. Danach ging es weiter, währenddessen der Sternträger den Stern drehte. Daher heißt dieses Lied auch das Sterndreherlied.

Auch in Deutschland, in vorwiegend katholischen Gegenden, wird noch heute dieser Brauch gepflegt (vgl. die Videos bei Youtube unter Stichwort ›Sternsinger‹ oder ›Sterndreher‹).

Die Melodie, die auf alten Volksweisen aus den Schweizer Kantonen Luzern und Aargau beruht, erschien 1906 zum ersten Mal gedruckt in der Studie Das Volkslied im Luzerner Wiggertal und Hinterland, die auf den Forschungen des Musikers, Komponisten und Volksliedsammlers Alfred Leonz Gassmann (1876 - 1962) beruht. Diese Melodie, die noch heute in Deutschland und Österreich bekannt ist, wurde der 1940 in der Nazizeit erfolgten Umdichtung durch den Komponisten und Musiklehrer Paul Hermann (1904 - 1970) ›Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns große Freud‹ zu Grunde gelegt.

Interpretation

Während das Originallied ein christliches Lied ist, das die Geburt Jesu besingt, ist der Version von Paul Hermann, die hier wegen des noch bis 2040 bestehenden Urheberrechts nicht angeführt werden kann, jeglicher christliche Bezug genommen worden. Aus "es ist für uns eine große Gnad‘" ist "es ist für uns eine große Freud" geworden. Statt der Gewissheit, dass der Gottessohn Jesus Christus "für uns Mensch geworden ist", "wandern wir übers schneebeglänzte Feld …durch die weite, weite Welt".

Beschreibt die christliche Fassung, dass Jesus in einem Stall zwischen den Tieren in einer harten (Futter-)Krippe (im Schweizer Original: "Jesulein lag in der Krippe / Auf einem harten Felsenstein"; nach einer anderen Version: "auf Heu und Stroh in der kalten Nacht") liegen muss, so schildert das entchristlichte Lied eine winterliche, an romantische Naturbeschreibungen erinnernde, Idylle von "schlafenden Bächlein und See unterm Eise" und vom Wald, der einen "tiefen Traum" träumt. Dazu passt es, dass leise der Schnee fällt (vgl. Leise rieselt der Schnee), durch den, wie es sich die Sänger ("wir") vorstellen, in die weite Welt wandern.

In der dritten Strophe von Paul Hermann könnte man eine Andeutung christlichen Gedankenguts sehen: "die Herzen werden mit Seligkeit erfüllt"; und zwar durch das "leuchtende Schweigen" vom "hohen Himmel". (vgl. Vom Himmel hoch, da komm ich her). So vage wie diese Zeilen sind, so konkret berichtet das Originallied die uns aus dem zweiten Kapitel des Lukas-Evangeliums und aus Weihnachtspredigten bekannte Geschichte vom armen Jesus, der von den (heiligen) drei Königen angebetet wird. Melchior, Kaspar und Balthasar sind dem Stern gefolgt, der ihnen den Weg zum Stall in Bethlehem gezeigt hat (vgl. das Evangelium des Matthäus 2, Vers 2) und beschenken das Christuskind mit reichen Gaben (vgl. Psalm 72, Vers 10), nämlich mit Gold, Weihrauch und Myrrhe (vgl. Matthäus 2, Vers 11).

Rezeption

Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Gnad ist bis 1934 in keinem der mir online und in Privatbibliotheken zugänglichen Liederbücher, mit Ausnahme schweizerischer, enthalten. Erstaunlicherweise ist diese christliche Version sogar in NS- Liederbücher, wie in Aus allen Gauen (1934) und Die Singstunde (1937) aufgenommen worden.

Als die Nationalsozialisten eine Umgestaltung des Weihnachtskultes vorbereiteten, passte dieses Lied nicht in das Julfest, den neuen, vermeintlich germanischen Sonnenwendkult. Daher wandelte - wie oben erwähnt - Paul Hermann den Aargauer Sterndrehermarsch um in ein Winterwanderlied: "Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud". Während Liederbücher mit der christlichen Version nicht mehr aufgelegt wurden, fand dieses 1940 gedichtete Lied Aufnahme in verschiedene NS-Liederbücher, so z.B. in Weihnacht macht die Türen weit (1941) oder in Deutsche Kriegsweihnacht (1944), herausgegeben von der Propagandaabteilung der NSDAP.

Seit 1940 ist dieses weltliche Lied weitaus bekannter als das Original. Für mich erstaunlich ist, dass die christliche Version weder in das katholische Gesangbuch Gotteslob noch in das evangelische Einheitsgesangbuch (EG) aufgenommen wurde. Nur im evangelisch-lutherischen Gesangbuch der niedersächsischen Landeskirche ist Es ist für uns eine Zeit angekommen enthalten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg findet sich in den Liederbüchern überwiegend die weltliche Version und nur noch vereinzelt das christliche Original. Auch die Aufnahmen auf Schallplatten und CDs des Deutschen Musikarchivs weisen fast ausschließlich die Fassung von Paul Hermann auf. Gesungen wird dieses Lied hauptsächlich von Kinderchören wie dem Tölzer Kinderchor und anderen rennomierten Chören wie z.B. den Fischer Chören oder dem Botho Lucas Chor. Auch berühmte Sänger wie der Bariton Hermann Prey und der Folksänger Pete Seeger haben das Lied interpretiert, ebenso der Schlagerstar Heino. Wie beliebt diese Fassung noch heute ist, kann man den zahlreichen Videos bei Youtube entnehmen, obwohl auch da selbst in katholischen Gegenden überwiegend die weltliche Fassung von 1940 zu hören ist.

Georg Nagel, 27.12.2017