Es geht eine dunkle Wolk herein

Volkslied

Musiknoten zum Lied Es geht eine dunkle Wolk herein

Liedtext

Es geht eine dunkle Wolk herein.
Mich deucht, es wird ein Regen sein,
ein Regen aus den Wolken
wohl in das grüne Gras.

Und kommt die liebe Sonn nit bald,
so weset alls im grünen Wald;
und all die müden Blumen,
die haben müden Tod.

Es geht eine dunkle Wolke herein.
Es soll und muß geschieden sein.
Ade Feinslieb, dein Scheiden
macht mir das Herze schwer.

Herkunft und Entstehung

Es geht eine dunkle Wolk‘ herein wurde lange Zeit aufgrund des Entstehungsjahres (1646) als »Zeitdokument des Dreißigjährigen Krieges« (Wikipedia) charakterisiert, wozu der Text und die schwermütige Melodie beigetragen haben. Da es jedoch viel älter ist, wird es, vor allem wegen der dritten Strophe, eher als Liebes- und Abschiedslied eines Handwerksgesellen angesehen.

Die 1. Strophe steht in der Liederhandschrift des Benediktinerpaters Johann Werlin (1588 – 1666), der sie 1646 in der Einführung zum neunten Kapitel in sieben Bänden mit 3.000 geistlichen und weltlichen Liedern aufgeführt hat. Als Textfragment findet sie sich bereits 1540 in Georg Forsters (um 1500 – 1568) »Frischen Teutschen Liedlein«, Band 2: »Es geht ein finster Wöckle herein« (vgl. Theo und Sunhilt Mang, Liederquell, 2015, S. 289). Aus dem Jahr 1630 existiert eine Flugschrift mit einem 13-strophigen Abschiedslied, von dem jedoch nur die oben aufgeführte erste Strophe beginnend mit Es geht ein dunckels Wölcklein herein in unser Lied übernommen wurde.

Später hinzugekommen sind die Strophen zwei und drei. Ob die 2. Strophe tatsächlich von Hans Breuer (1883 – 1918), Herausgeber des für die Jugendbewegung bedeutendsten Liederbuchs »Der Zupfgeigenhansl«, stammt, ist nicht gesichert. Vermutlich ist diese Zuweisung dadurch entstanden, dass Breuer zum ersten Mal die heute gesungenen drei Strophen zusammenhängend in die späteren Ausgaben des »Zupfgeigenhansl« aufgenommen hat (2. Auflage 1910 und 4. Auflage 1911).

Gemäß den Liedforschern Mang wurde die 3. Strophe, unter Abänderung der letzten Zeile dem Handwerksburschenlied »Ich waß wohl, wenn‘s gut wandern ist« entnommen, das etwa seit 1840 im Kuhländchen, eine ehemalige deutschsprachige Region an der Oder in Tschechien, bekannt war.

Die noch heute gesungene Form der Melodie hatte Wolfgang Schmeltzl (geboren 1500 oder 1505, gestorben 1564) in seine Quodlibet-Sammlung 1544 aufgenommen.

Interpretation

Vergleicht man Es geht eine dunkle Wolk‘ herein mit anderen Volksliedern, die eine Geschichte erzählen, eine Stimmung wiedergeben oder chronologisch aufgebaut sind, so fällt auf, dass die drei Strophen so recht nicht zueinander passen wollen. Das ist nicht weiter verwunderlich, stammen sie doch aus verschiedenen Zeiten und verschiedenen Liedern.

Die Metapher ›dunkle Wolk‘‹ - als schicksalsschweres Ereignis in Bezug auf den Dreißigjährigen Krieg - lässt sich meines Erachtens aus dem Text nicht ableiten. Die erste Zeile könnte sich an dem Einleitungssatz (Incipit) des aus dem Jahr 1535 stammenden Liedes »Es dunkelt schon in der Heide« orientiert haben. Im »Heidelied« ist man froh, dass das Korn, bevor es regnet, schon geschnitten ist; in unserem Lied scheint man auf den Regen zu warten, der dafür sorgt, dass das Gras grün bleibt und sich nicht wie häufig in heißen Sommern gelb-bräunlich färbt.

In der zweiten Strophe dagegen wünscht man sich die Sonne herbei, da sonst alles im Wald verwesen würde. Gemeint dürfte sein, dass die Sonne feuchte Stellen bzw. Pflanzen trocknen soll, bevor sie der Fäulnis anheimfallen. Dass jedoch die "müden Blumen" ohne Hilfe des Sonnenscheins einen "müden Tod" erleiden, ist für mich nicht nachzuvollziehen, benötigen Blumen, die ihre Köpfe haben hängen lassen, doch eher Wasser als zusätzlichen Sonnenschein.

In der dritten Strophe ist "dunkle Wolk‘" eine Metapher, die andeutet, dass es sich um ein trauriges Ereignis handelt, und zwar, wie in den Folgezeilen erkennbar, um ein Abschiednehmen. Es wird klar, warum das Lied als Abschiedslied und Lied der Wandergesellen gilt, zumal einige Zeilen der dritten Strophe wörtlich aus der letzten Strophe des Wanderliedes »Ich waß wohl, wenn‘s gut wandern« stammen (s.o.), das Wandergesellen gern sangen.

In der Zeit der Entstehung der dritten Strophe musste man, um ein bestimmtes Handwerk ausüben zu dürfen, einer zuständigen Zunft beitreten und die jeweilige Zunftordnung erfüllen. Unabhängig von der Art der Zunft, mussten die jungen Männer, nachdem sie ihre Gesellenprüfung abgelegt hatten, drei Jahre und einen Tag von Meisterbetrieb zu Meisterbetrieb durch ganz Deutschland wandern. Diese »Lehr- und Wanderjahre« dienten dazu, ihre bereits erworbenen handwerklichen Fähigkeiten anzuwenden und zu verbessern und auch neue, in anderen Regionen gebräuchliche Techniken und Fertigkeiten zu erlernen. Hier, wie auch in anderen Liedern der Handwerksburschen (vgl. auch: Liederarchiv Es, es, es und es, es ist ein harter Schluss und Das Wandern ist des Müllers Lust), muss der Sänger schweren Herzens von seiner Liebsten scheiden.

Rezeption

Einer der Ersten, die das Lied mit drei Strophen in seine Liedersammlung »Altdeutsches Liederbuch« aufnahm, war 1877 der Liederforscher Franz Magnus Böhme (1827 – 1898).

Ab 1909 folgten Liederbücher des Wandervogels, darunter »Der Zupfgeigenhansl« (Auflage, bis etwa 1930 geschätzt, über 1 Million) und ab 1921 zahlreiche der Jugendbewegung, einige davon mit mehreren Auflagen, z. B. das 1925 von Fritz Sotke (1902 – 1970) herausgegebene »Unsere Lieder« (5. Auflage 1931) und »Was singet und klinget« - Lieder der Jugend (9. Auflage 1926). Auch einige Schulbücher übernahmen Es geht eine dunkle Wolk‘ herein. Geht man von den mir in Online-Archiven und Privatbibliotheken zugänglichen Liederbüchern aus, wurde von 1921 bis 1931 im Durchschnitt pro Jahr ein Liederbuch mit der "dunklen Wolk‘" herausgegeben.

In der Zeit des Nationalsozialismus erschienen mit dem Lied nicht nur dem NS-Regime nahestehende Liederbücher wie »Lieder der Arbeitsmaiden« (2. Auflage 1939, herausgegeben vom Reichsarbeitsdienst) und Schulbücher mit NS-Liedern, sondern auch von der katholischen Pfadfinderschaft St. Georg das »Lied der deutschen Jugend« (1935) und von evangelischer Seite »Ein neues Lied – Liederbuch für die deutsche evangelische Jugend« (1938). Erstaunlich für mich ist, dass die Deutsche Wehrmacht das traurige Abschiedslied noch 1944 in ihr »Chorbuch für Front und Heimat – Kameradschaft im Lied« aufgenommen hat.

Die Anzahl der Liederbücher mit Es geht eine dunkle Wolk‘ herein nach dem Zweiten Weltkrieg ist schier unüberschaubar. Hier sollen nur einige exemplarisch angeführt werden. Bereits 1946 erschien das Liederheft »Singt mit« (herausgegeben vom Magistrat der Stadt Berlin), »Der helle Ton« der evangelischen Jugend (1948 in der 5. Auflage) und 1951 das »Altenburger Singebuch« der katholischen Jugend. Etliche Schulbücher folgten, wovon das Chorbuch »Die Garbe - ein Musikwerk für die Schule« wegen der 12. Auflage 1956 und »Musik im Leben - Schulwerk für die Musikerziehung« (12. Auflage 1963) hervorzuheben sind.

Auch in der Schweiz (z.B. »Fahrtenlieder der Schweizer Wandervögel«), Österreich (z.B. »Deutsche Weise - Die beliebtesten Volkslieder«) und in der damaligen DDR (z.B. »Leben, kämpfen, singen«, 10. Auflage 1964, 17. Auflage 1985) ist das Lied gut bekannt.

Von der Vielzahl der Liederbücher seit 1970 sollen nur das Fischer-Taschenbuch »Volkslieder aus 500 Jahren« (herausgegeben 1978 von dem Volksliedforscher Ernst Klusen), die vom Folkduo Zupfgeigenhansel gesammelte Ausgabe »Es wollt‘ ein Bauer früh aufstehn« (1979) und die »Jurtenburg« des Verbands christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (2010) erwähnt werden.

Angesichts der überaus zahlreichen Liederbücher (fast 200) finde ich es bemerkenswert, dass im Katalog des Deutschen Musikarchivs (DMA) nur 2 Tonträger aufgeführt werden; allerdings weist das DMA 27 Musiknoten, hauptsächlich Chorpartituren, aus. Wie beliebt Es geht eine dunkle Wolk‘ herein noch heute ist, zeigen auch die mehr als 180 Videos bei YouTube, darunter Aufnahmen mit Gisela May, Hannes Wader und Manfred Krug.

Georg Nagel, 26.07.2018

Anhang: Es geht ein dunckels Wölcklein herein

Es geht ein dunkels Wölklein herein.
Mich dunkt, es wird ein Regelein sein,
in Regelein aus den Wolken,
wohl in das grüne Gras.

Ja regnet es sehr, so werden wir naß,
bei meinem Buhlen wär mir wol baß,
bei meinem Buhlen alleine,
bei der Herzallerliebsten mein.

Ja scheinet die Sonn, so werden wir trucken
Bei meinem Buhlen so wäre gut schmucken,
bei meinem Buhlen alleine,
in seim Schlafkämmerlein.

Wann G’sellen zu Nacht auff der Gassen gahn,
braun’s Annelein an dem Laden tut stahn.
"Ach, Annelein, bist du drinnen?
Steh auf und laß mich ein!"

"Ich stehe nicht auf und laß dich nicht ein,
mein Türelein muß verschlossen sein,
mein Türelein ist verschlossen.
Der Riegel, der ist für."

Ich weiß nicht, was der dem Maidlein verhieß,
dass es den Riegel dannen stieß.
Sie stieß ihn an eine Ecke,
sie ließ den Knaben ein.

"Ach Annelein, laß mich zu dir ein!
Aufs Jahr will ich dein eigen sein.
Dein eigen will ich bleiben,
das glaub mir sicher zwar."

"Du verheißt mir viel und haltest mir wenig
und gibest mir weder Heller noch Pfennig,
dann nur ein guldine Hauben,
die ich nicht tragen darf."

"Ein guldine Hauben, ein perlene Schnur,
damit bind du dein Härlein zu."
"Mein Härelein darf keins binden,
muß allezeit fliegen lahn."

"So stehe ich auf, mach mich darvon.
So musst du nun in Trauren stohn.
In Trauren muß ich doch dich lassen.
Tut dir im Herzen weh."

"Zeuchst du dahin und lassest mich hie,
was lassest du mir zur Letze hie?
Ein Kindelein in der Wiegen
In eim gelbkrausen Haar."

Da griff er in sein Säckelein weiß,
und gab ihr zehen Taler mit Fleiß
"Nimm hin wohl für deine Ehre,
die du verschlafen hast!"

Wer ist der uns das Liedlein sang:
Ein junger Schnitter ist er genannt.
Er sange wohl in der Ernte
Bei Met und kühlem Wein.