Die Lorelei

(Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin)

Heinrich Heine (1823)

Das von Heinrich Heine (1797-1856) gedichtete und von Friedrich Silcher (1789-1860) vertonte Lied besingt eine sagenhafte Zauberin, die auf dem Lorelay-Felsen am Rhein bei Oberwesel ihr blondes Haar kämmend den Geliebten erwartet und mit ihrem Gesang die Schiffer auf dem Rhein so betört und ablenkt, dass diese mit ihren Schiffen auf Grund laufen und ertrinken.

Musiknoten zum Lied Die Lorelei

Liedtext

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
daß ich so traurig bin;
ein Märchen aus alten Zeiten,
das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt,
und ruhig fließt der Rhein,
der Gipfel des Berges funkelt
im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
dort oben wunderbar;
ihr gold'nes Geschmeide blitzet,
sie kämmt ihr gold'nes Haar.
Sie kämmt es mit goldenem Kamme
und singt ein Lied dabei,
das hat eine wundersame,
gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
ergreift es mit wildem Weh,
er schaut nicht die Felsenriffe,
er schaut nur hinauf in die Höh'.
Ich glaube, die Wellen verschlingen
am Ende Schiffer und Kahn,
und das hat mit ihrem Singen
die Lorelei getan.

Entstehung und Vorgeschichte

Im Alter von 25 Jahren verfasste Heinrich Heine (1797 - 1856) das Gedicht Ich weiß nicht, was soll es bedeuten und nahm es in sein ›Buch der Lieder‹ (1823/1824) in den Gedichtzyklus ›Heimkehr‹ auf.

Bereits 1799 (nach anderen Quellen 1800 oder 1801) hatte der spätere Mitherausgeber des Standardwerks ›Des Knaben Wunderhorn‹ Clemens Brentano (1778 - 1848) eine Ballade mit dem Titel ›Die Lore Lay‹ gedichtet, deren erster Vers wie folgt lautet:

Zu Bacharach am Rheine
Wohnt eine Zauberin,
Sie war so schön und feine
Und riss viel Herzen hin.

Die 1802 in dem Roman ›Godwi‹ zum ersten Mal veröffentlichte Ballade erzählt Brentano in 26 Versen von einem Mädchen mit Zauberkräften, das auf dem Schieferfelsen am Rhein sitzt. Die Schiffer sind von ihrer Schönheit derart fasziniert sind, dass sie nicht mehr auf die Felsen im Rhein und die gefährlichen Stromschnellen achten. Ihre Schiffe zerschellen und die Schiffer verlieren in dem Stromstrudeln ihr Leben. Um dem ein Ende zu machen, stürzt sich die Lore Lay in den Rhein und ertrinkt.

Der Name Lore Lay geht auf die Bezeichnung lei, ley oder lay für einen Schieferfelsen zurück; lore stammt aus dem Mittelhochdeutschen Lur = Elfe oder luren für lauern.

Der Loreleifelsen liegt in der Nähe von St. Goarshausen. Dort ist der Rhein sehr tief und wegen seiner starken Strömungen und den im Wasser verborgenen Felsen besonders gefährlich, so dass trotz der Sprengung einiger Felsen auch noch 2003 ein Fahrgastschiff und 2011 ein Tank-Motorschiff gekentert sind.

Liedforscher nehmen an, dass Heinrich Heine Brentanos Ballade gekannt hat, aber eher das Gedicht ›Der Lureleyfels‹ des romantischen Dichters Otto Heinrich Graf von Loeben (1786 – 1825) als Vorlage für seine ›Lorelei‹ diente (vgl. z.B. Theo und Sunhilt Mang, Der Liederquell, 2015, S. 304). Der erste Vers von sechs Versen lautet:

Da wo der Mondschein blitzet
Ums höchste Felsgestein,
Das Zauberfräulein sitzet
Und schauet auf den Rhein.

Im Gegensatz zu Brentanos Ballade, in der von Lore Lays Gesangskünsten nicht die Rede ist, heißt es hier in der Strophe drei:

Sie singt dir hold zum Ohre,
Sie blickt dich töricht an,
Sie ist die schöne Lore,
Sie hat dir's angetan.

Von den vielen Vertonungen, u.a. von Franz Liszt (1811 - 1886) und Clara Schumann (1819 - 1896), die Ich weiß nicht, was soll es bedeuten erfahren hat, fand die 1838 von Friedrich Silcher (1789 - 1860) komponierte Melodie den stärksten Anklang. In dieser Fassung wurde das Lied weltberühmt.

Interpretation

"Ein Märchen aus alten Zeiten", wie es in der ersten Strophe heißt, ist der Inhalt des Liedes nicht. Sowohl Brentano als auch Otto von Loeben haben keine rheinische Sage verarbeitet, sondern auf antike Vorbilder zurückgegriffen. So hat die Nymphe Echo allein durch ihren Blick Männer versteinert und die Sirenen haben mit ihrem Gesang Schiffer auf eine Route gelockt, von der es keine Wiederkehr gab.

Heines Einleitungssatz ist so populär geworden, dass er noch heute als stehende Redewendung dient. Warum der Dichter traurig ist, erfährt man erst am Ende des Liedes: er nimmt Anteil am Schicksal der bedauernswerten Schiffer.

Was wie eine idyllische Beschreibung – noch ganz im Sinne der Romantik – im zweiten Vers anklingt, gibt die abendliche Stimmung wieder bis auf die Tatsache, dass am Loreleifelsen der Rhein nicht gerade ruhig dahinfließt, sondern eine erhebliche Strömung aufweist und sogar nach dem Sprengen der Unterwasserfelsen heute immer noch für Schiffe und Schiffer eine Gefahr darstellt.

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar

im dritten Vers geht ganz offenbar auf Otto von Loebens

Das Zauberfräulein sitzet
Und schauet auf den Rhein

zurück. Wie "der Gipfel des Berges in der Abendsonne funkelt" (s. Strophe 2), so blitzet - man ist versucht, zu sagen - und glitzert es: das Geschmeide, das Haar, der Kamm, Gold, wohin man auch guckt. Könnte es sein, dass manch Schiffer auf einem Schiff mehr am Gold interessiert war als am Gesang?

Doch hier ist das Blitzern des Goldes nur Beiwerk. Heine fühlt sich ein in die Empfindungen des Schiffers, der von der (blendenden) Schönheit der Jungfrau und ihrem Singen einer "gewaltigen Melodei" derart angetan ist, dass er die lauernden Gefahren in Form der Felsenriffe unter Wasser missachtet. Prompt läuft sein Schiff auf, schlägt leck und geht unter, und der Schiffer verliert in der Strömung und in den Strudeln um die Unterwasserfelsen sein Leben.

Rezeption

Seit der Veröffentlichung des Lorelei-Liedes in den Liederbüchern der bedeutenden Volksliedsammler Ludwig Erk (1807 - 1883) und Franz Magnus Böhme ( 1827 - 1898) sowie der Aufnahme in zahlreiche studentische Kommersbücher und Schulbücher ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nahm die Beliebtheit des Gedichts Ich weiß nicht, was soll es bedeuten in der Vertonung von Friedrich Silcher stetig zu. Über die Grenzen Deutschland hinaus wurde es noch Ende des 19. Jahrhunderts auch in österreichischen und schweizerischen Liederbüchern abgedruckt.

In der Zeit von 1900 bis 1932 wurde es in Familien und in Chören, in Schulen und in studentischen Kreisen viel und gern gesungen, wovon allein die über 50 Liederbücher zeugen, die das Lied in ihr Repertoire aufnahmen.

Dagegen war die Lorelei nach 1933 bei den Nationalsozialisten wegen der jüdischen Abstammung Heines nicht gerade beliebt. Sofern überhaupt Gedichte von Heine veröffentlicht wurden, erschienen sie häufig mit der Angabe "Verfasser unbekannt" oder "Anonym".

Mit dem Hinweis auf den Komponisten Friedrich Silcher und den Dichter Heinrich Heine konnte jedoch noch 1933 das in ganz Deutschland weit verbreitete ›Rheinische Liederbuch‹ in der 133. Tsd. Auflage mit dem Lied erscheinen. Auch 1934 scheint die Zensur noch nicht so streng oder nicht flächendeckend gewesen zu sein. Im ›Thüringer Liederbuch für die Volksschule‹ und im ›Liederbuch für die NS-Frauenschaften‹ (beide 1934) wird Heinrich Heine namentlich als Dichter angegeben.

Die Popularität des Lorelei-Liedes blieb auch nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs ungebrochen. Bereits 1945 ist es im ›Volksliederbuch zur demokratischen Erneuerung Deutschlands‹ vertreten. Und bis 2017 habe ich das Lorelei-Lied in über 550 Liederbüchern in Online Archiven und mir zugänglichen Privatbibliotheken gefunden.

Fast 150 Tonträger, vor allem in Form von Schellackplatten, weist das Deutsche Musikarchiv in seinem Katalog aus mit Vertonungen von Friedrich Silcher, Franz Liszt und Clara Schumann, ebenso rund 50 Partituren.

Weltberühmte Sänger, wie Heinrich Schlusnus und Richard Tauber, haben Ich weiß nicht, was soll es bedeuten interpretiert. Der Bassbariton Willy Schneider, der Tenor Peter Schreier und der Bariton Gunther Emmerlich haben das Lorelei-Lied ebenso gesungen wie die Chansonette Mireille Mathieu und Nina Hagen, Achim Reichel und - natürlich auch - Heino. Von den zahlreichen Chören die Ich weiß nicht, was soll es bedeuten in ihrem Repertoire haben, seien hier nur die Gotthilf Fischer Chöre, die Mainzer Hofsänger und die Regensburger Domspatzen genannt.

In der Vertonung von Silcher gehört Heines Lorelei seit 1884 "zum festen Bestand der japanischen Schulliederbücher" und es "wird noch heute von jedem Japaner in einer Übersetzung auswendig gesungen" (Hermann Josef Dahmen, Friedrich Silcher, Komponist und Demokrat, 1989, S. 145). Auch in China und Korea ist das Lorelei-Lied bekannt. Wictionary weist zusätzlich Übersetzungen in 11 Sprachen aus.

Georg Nagel, 26.09.2018