Der Mai, der lustige Mai

Volkslied (19. Jh.)

Volksweise (19. Jh.)

Musiknoten zum Lied Der Mai, der lustige Mai

Liedtext

Der Mai, der Mai, der lustige Mai,
der kommt herangerauschet.
Ich ging in den Busch und brach mir einen Mai,
Faldera, vi-dub-be dub-be dub, der Mai, und der war grüne.

Ich ging vor Herzliebchens Fenster stehn,
ich redt mit falscher Zunge:
Herzlieb, steh auf und laß mich ein,
ich bringe dir den Mai von Grune!

Den Mai, den du mir bringen willst,
den laß du mir da draußen.
So setz ihn auf die weite, breite Straß,
so wird er nicht erfrieren.

Ich setz ihn nicht auf die weite, breite Straß,
lieber wollt ich ihn begraben,
so soll das Grab auf ein ander Jahr
drei Rosen und eine Lilie tragen.

Trägt das Grab keine Rosen mehr,
so trägt es Mandelkerne.
Und wer ein fein Herzliebchen hat,
der siehts von Herzen gerne.

Zu Rheindorf steht ein neues Haus,
das ist gedeckt mit Leien.
Da kommt alle Morgen mein Liebchen heraus,
braun Nägelein sind ihre Kleider.

Sind sie nicht braun Nägelein,
so sind sie rot Scharlachen.
Und wer ein fein Herzliebchen hat,
der kann wohl herzlich lachen.

Vorgeschichte

Dichter des Textes und Komponist der Melodie sind bis heute unbekannt geblieben. Überliefert ist das Lied Der lustige Mai seit der Mitte des 18.Jahrunderts aus dem rheinischen Siebengebirge. Zum ersten Mal ist es 1847 von einem Kölner Lehrer namens Wacker aufgeschrieben worden. Wacker war auf einer Wanderung durch das Vorgebirge zufällig Zeuge einer Maifeier im Dorf Hemmerich (heute Ortsteil der Stadt Bornheim im nordrhein-westfälischen Rhein-Sieg-Kreis) geworden, in der das Lied gesungen wurde, allerdings mit einer anderen zweiten und vierten Strophe ( vgl. Maibrauchtum heute und einst und Theo Mang und Sunhilt Mang, Der Liederquell, 2015, S. 87). Der Mai, der Mai , der lustige Mai war auch in anderen Orten in der Region bekannt und gehörte zu den Liedern, die »in lokalen Dialekten« im dritten Band einer mehrbändigen Beispielsammlung mundartlicher Texte mit dem Titel Germaniens Völkerstimmen, herausgegeben von dem Germanisten und Dichter Johannes Matthias Firmenich (1843ff.), erschienen ist.

In der heute uns in Hochdeutsch vorliegenden Form wurde Der lustige Mai erstmals 1851 abgedruckt im Sammelband Deutsche Volkslieder des Germanistikprofessors und Sammlers von Märchen, Sagen und Liedern Karl Simrock (1802 - 1875).

1860 lag dem Elberfelder Musikverlegers Friedrich Wilhelm Arnold (1810–1864) eine handschriftliche Sammlung mit dem Titel Volksmelodien aus dem Siebengebirge vor, die jedoch nie gedruckt wurde. Aus diesem Manuskript entnahm der Musikwissenschaftler Max Friedlaender (1857 - 1934) die Melodie und brachte den »Lustigen Mai«, als Lied erstmals gedruckt, 1886 in seiner Sammlung Hundert deutsche Volkslieder heraus. Mit dem Titel Reigen um den Maibaum übernahmen 1894 die Volksliedforscher Ludwig Erk 1807 - 1883) und Franz Magnus Böhme (1827 - 1898) das Lied mit hochdeutschem Text in den zweiten Band ihres weit verbreiteten Standardwerk Deutscher Liederhort.

Der Volksliedforscher und -sammler Theo Mang nennt Der Mai, der Mai, der lustige Mai »eines der schönsten Mailieder« (a.a.O., S. 87).

Interpretation

Der Sänger (das »Ich« in dem Lied) freut sich über das Kommen des Monats Mai; er geht in den Wald um »einen Mai zu brechen«. Das ist in ländlichen Gegenden ein alter Brauch, der noch heute am Vorabend des 1. Mai in einigen Regionen des Rheinlands und, wie ich es selbst erlebt habe, in Ostwestfalen gepflegt wird. Meistens ist es ein junger Mann, der seiner Liebsten oder der von ihm Umworbenen eine junge Birke vor das Fenster stellt oder Birkenzweige an der Haustür oder am Fenster anbringt. Im ländlichen Sprachgebrauch genannt: einen »Mai«. Auch im von Hoffmann von Fallersleben aus Holland nach Deutschland gebrachten Lied Der Winter ist vergangen heißt es in der zweiten Strophe »ich ging ein Mai zu hauen«. »Hauen« bedeuten dort, eine Birke fällen. Hier könnte es sich um einige Zweige handeln, die abgebrochen wurden.

Der junge Mann belässt es nicht beim Anbringen der frischen Birkenzweige, er möchte von seinem Herzlieb«, wie er seine Angebetete nennt, in ihre Stube eingelassen werden. Nicht ganz klar ist, ob dieser Wunsch ernst gemeint war. »Ich red mit falscher Zunge« bedeutet ja, dass er nicht unbedingt gemeint hat, was er ausgesprochen hat. War es also nur ein Versuch zu sehen, wie weit sie bereit ist, auf ihn einzugehen?

Ihre Antwort ist eindeutig, indem sie die Annahme verweigert: er solle »den Mai« irgendwohin auf die Straße setzen, aber nicht vor ihrem Fenster aufstellen. Hier erst wird klar, dass es sich nicht um ein paar Zweige, sondern um einen Maibaum handelt.

Doch auf diese Weise abgewiesen, will er die kleine Birke, und damit seine Liebe begraben und das Grab mit drei Rosen und einer Lilie schmücken. Seit dem Mittelalter symbolisiert die Rose die Liebe. Auch im berühmten ursprünglichen Liebeslied von Brahms Guten Abend, gute Nacht drückt wird die Zuneigung ausgedrückt in der Zeile »mit Rosen bedacht«. Wenn der junge Mann das Grab, in das er die verschmähte Birke vergraben hat, manchmal besuchen wird, sollen ihn die Rosen an seine nicht erhörte Liebe erinnern.

Lilien, speziell weiße Lilien, sind Symbole für die Reinheit, die Unschuld und die Zuversicht, daher werden sie sowohl zu einer Geburt, als auch zu einer Hochzeit und sogar zu einer Beisetzung überreicht. Steht »eine Lilie« hier für die Anerkennung des Mannes, dass das Mädchen ihre Unschuld bewahren wollte oder ist die Lilie Ausdruck seiner Trauer?

Doch ganz scheint der junge Mann die Hoffnung, das seine Umworbene ihn doch noch erhört; nicht aufgegeben zu haben. Mandeln sind wie Nüsse Symbole des Lebens, die zeigen, dass man eine Mandel erst knacken muss, um an den Kern zu gelangen, etwas aufwenden und sich einsetzen muss, um an das Besondere heranzukommen. Weil der Mandelbaum in mediterranen Ländern bereits im Januar blüht, gilt er dort als Symbol des Erwachens, der Wiedergeburt.

Die sechste Strophe allerdings deutet daraufhin, dass der junge Mann im Laufe der Zeit im Nachbardorf Rheindorf (in einer anderen Version Hemmerich; s.o. Entstehung) ein anderes Mädchens gefunden hat. Aus einem neuen (ist gleich: anderen) mit Dachpfannen aus »Leien« (Schieferfelsen) gedeckten Haus kommt sein »Liebchen« hinaus, das mit braunen »Nägelein« geschmückte Kleider hat.

»Nägelein« ist ein alter Ausdruck für Nelken, der einerseits für Gewürznelken steht. Sie wurden wegen ihres ausgestrahlten ätherischen Öls als Schutz vor Insekten und Krankheitserregern geschätzt. Daher wird verständlich, dass ein Mann seiner Angebeteten wünscht, sie möge vor Insektenstichen und Krankheiten gewahrt bleiben (vgl. »mit Näglein besteckt« in der ersten Strophe von Guten Abend, gute Nacht).

Der junge Mann aber freut sich besonders (s. letzte Strophe), wenn das junge Mädchen sich mit roten Nelken schmückt, besonders - nicht ausdrücklich im Liedtext erwähnt - wenn er sie seinem »Herzliebchen« geschenkt hat. Wie rosa Nelken innige Liebe symbolisieren, so stehen rote Nelken für Erotik.

Es ist anzunehmen, dass am Vorabend des nächsten 1. Mai eine kleine Birke vor dem Fenster der jungen Frau steht oder grüne Birkenzweige an ihrer Tür angebracht sind.

Rezeption

Außerhalb des Rheinlands, speziell der Region des Siebengebirges, wurde Der lustige Mai weiten Krisen erst in den 1920’er Jahre bekannt. Viele Liederbücher für die Grundschule bis hin für die Höheren Lehranstalten nahmen das Lied in ihr Repertoire auf, allerdings von ursprünglich sieben Strophen reduziert auf ein oder zwei Strophen, was verständlich ist, da das Liebeslied nicht unbedingt für Schüler geeignet ist. Daher wurde die zweite Strophe häufig in folgender Version wiedergegeben:

Der Mai, der Mai, der lustig Mai,
der kann mir sehr gefallen.
Ich laufe durch die Stadt
und singe froh dabei
und grüße fröhlich alle Leute.
Tra lala, tra la la la la la
Und grüße fröhlich alle Leute.

Mit Ausnahme der Lieder der bündischen Jugend war das Lied in Liederbüchern der Jugendbewegung, wie z. B. Der Zupfgeigenhansl oder das Wandervogel Liederbuch, nicht vertreten, jedoch in anderen Gebrauchsliederbüchern wie Wie es singet und klinget mit sieben Strophen (9. Auflage 1926) und das Wanderliederbuch für Mädchen (1927) mit einer Strophe.

In der Zeit des Naziregimes war es - geht man von der Anzahl der Liederbücher aus - außerordentlich beliebt. Von 1934 bis 1944 kamen 40 Veröffentlichungen mit Der lustige Mai heraus, davon ein Großteil Schulliederbücher und Liederbücher von Nazi-Organisationen, wie z. B. Liederblätter der Hitlerjugend (2. Jahresband 1936), Wir Mädel singen - Liederbuch des Bundes Deutscher Mädel (1937) und Lieder der Arbeitsmaiden (Reichsarbeitsdienst, 2. Auflage 1939).

Die Aufnahme in viele Schulliederbücher, meistens mit zwei bis drei Strophen, setzte sich nach 1945 fort, manche davon erreichten mehrere Auflagen, so 1956 Die Garbe, und 1960 Musik im Leben – Schulwerk 1. Band jeweils in der 12. Auflage.

Nach einer Untersuchung des Deutschen Musikarchivs (heute Zentrum für Populäre Kultur und Musik, angeschlossen der Universität Freiburg) liegt »der Rezeptionshöhepunkt des Liedes in den 1950er und 60er Jahren« (Thomas Widmaier im Historisch-kritischen Liederlexikon, Nov. 2008). In diese Zeit fallen auch die Veröffentlichungen mit dem Lied in Österreich, in der Schweiz und in der DDR. Erwähnenswert ist das Liederbuch der Freien Deutschen Jugend (FDJ) Leben, kämpfen, singen wegen der 10. Auflage 1964.

Während in den Folgejahren weitere Gebrauchsliederbücher, herausgegeben vor allem von christliche Kreisen und, Wandervereinen, mit zwei bis drei Strophen herauskamen, brachte der Inselverlag das zweibändige Standardwerk des Musikwissenschaftlers Ernst Klusen 1975 mit sieben Strophen heraus. Auch Der Liederquell (2015) des Volksliedforschers Theo Mang weist alle Strophen aus.

Georg Nagel, 23.03.2019