Als die Römer frech geworden

Josef Victor von Scheffel (1848)

Musiknoten zum Lied Als die Römer frech geworden

Liedtext

Als die Römer frech geworden,
simserim sim sim sim sim
zogen sie nach Deutschlands Norden,
simserim sim sim sim sim.
Vorne mit Trompetenschall,
täterätätätä,
ritt Herr Generalfeldmarschall,
täterätätätä.
Herr Quintilius Varus, wau, wau wau.
Herr Quintilius Varus,
schnätterängtäng, schnätterängtäng,
schnätterängtäng, schnätterängtäng.

In dem Teutoburger Walde,
Huh! Wie piff der Wind so kalte,
Raben flogen durch die Luft,
Und es war ein Moderduft,
Wie von Blut und Leichen

Plötzlich aus des Waldes Duster
Brachen kampfhaft die Cherusker,
Mit Gott für Fürst und Vaterland
Stürzten sie sich wutentbrannt
Auf die Legionen.

Weh, das ward ein großes Morden,
Sie schlugen die Kohorten,
Nur die röm'sche Reiterei
Rettete sich noch ins Frei',
Denn sie war zu Pferde.

O Quintili, armer Feldherr,
Dachtest du, daß so die Welt wär'?
Er geriet in einen Sumpf,
Verlor zwei Stiefel und einen Strumpf
Und blieb elend stecken.

Da sprach er voll Ärgernussen
Zum Centurio Titiussen:
"Kam'rad, zeuch dein Schwert hervor
Und von hinten mich durchbor,
Da doch alles futsch ist."

In dem armen röm'schen Heere
diente auch als Volontäre
Scaevola, ein Rechtskandidat,
Den man schnöd gefangen hat,
Wie die andern alle

Diesem ist es schlimm ergangen,
Eh daß man ihn aufgehangen,
Stach man ihm durch Zung und Herz,
Nagelte ihn hinterwärts
Auf sein corpus iuris.

Als das Morden war zu Ende,
rieb Fürst Hermann sich die Hände,
und um seinen Sieg zu weih'n,
lud er die Cherusker ein
zu 'nem großen Frühstück.

Wild gab's und westfäl'schen Schinken
Bier, soviel sie wollten trinken
Auch im Zechen blieb er Held
Doch auch seine Frau Thusneld
soff walküremäßig

Nur in Rom war man nicht heiter,
Sondern kaufte Trauerkleider;
G'rade als beim Mittagsmahl
Augustus saß im Kaisersaal,
kam die Trauerbotschaft.

Erst blieb ihm vor jähem Schrecken
ein Stück Pfau im Halse stecken,
Dann geriet er außer sich
und schrie: "Vare, schäme dich
Redde legiones!"

Sein deutscher Sklave, Schmidt geheißen
Dacht': Euch soll das Mäusle beißen
Wenn er sie je wieder kriegt
denn wer einmal tot daliegt
wird nicht mehr lebendig

Wem ist dieses Lied gelungen?
Ein Studente hat's gesungen
in Westfalen trank er viel
drum aus Nationalgefühl
hat er's angefertigt

Und zu Ehren der Geschichten
tat ein Denkmal man errichten,
Deutschlands Kraft und Einigkeit
kündet es jetzt weit und breit:
"Mögen sie nur kommen!"

Endlich nach so vielen Mühen
ist von Bandels Werk gediehen
Hermann ist jetzt aufgestellt
zusammen kommt die ganz Welt
in dem lippschen Reiche.

Entstehung

Als die Römer frech geworden erschien 1848 (nach manchen Quellen 1849) unter dem Titel ›Die Teutoburger Schlacht‹ in der humoristisch-satirischen Zeitschrift ›Fliegende Blätter‹. Verfasst wurde das Gedicht mit 13 Versen von dem 22-jährigen Jurastudenten und späteren viel gelesenen Schriftsteller Joseph Victor von Scheffel (1826 – 1876) zu dessen bekanntesten Werken ›Der Trompeter von Säckingen‹ und ›Ekkehard‹ gehören.

Der Leitende Bibliotheksdirektor der Lippischen Landesbibliothek Detmold Detlev Hellfaier vermutetet, dass von Scheffel »die unmittelbare Anregung zu seinem Bänkelgedicht mit ziemlicher Sicherheit durch Heines ›Deutschland, ein Wintermärchen‹ erhalten hat, das 1844 erschienen war und das sich gerade in Studentenkreisen ausgesprochener Beliebtheit erfreute.« Über Varus und Hermann den Cherusker heißt es in Kapitel XI: Das ist der Teutoburger Wald, / Den Tacitus beschrieben, / Das ist der klassische Morast, / Wo Varus stecken geblieben. / Hier schlug ihn der Cheruskerfürst / Der Hermann, der edle Recke; / Die deutsche Nationalität, / Die siegte in dem Drecke.

Scheffels Gedicht wurde zu mehreren Melodien gesungen, vorwiegend für lange Zeit auf die Melodie von ›Als die Hussiten zog‘n vor Naumburg‹. Diese Melodie geht auf eine ungarische Volksweise zurück. Bereits 1855 wird im Magdeburger ›Commers-Buch‹ auf dieses Volkslied verwiesen. Scheffel hatte nach dieser Melodie von Anfang an das Versmaß seines Gedichtes zugrunde gelegt (vgl. Detlev Hellfaier Druckfassung in: Lippische Mitteilungen 79/2010, S. 170 f.). Die Zeile des Hussiten-Liedes »und zu Ehren des Mirakel / Ist nun jährlich ein Spektakel« hat Scheffel als Anregung zu der zeitweiligen (d. h. vor Errichtung des Herrmannsdenkmals s. u.) Schlussstrophe (s. Liedtext 15. Strophe) »und zu Ehren der Geschichten / Will ein Denkmal man errichten« genommen.

Heutzutage wird das Lied nach der 1875 geschriebenen Melodie von Ludwig Teichgräber (1840 - 1904) gesungen, wobei Teichgräber sich am ›Sturmmarsch‹ von Joseph Gungl (1810 - 1889) orientiert hat. Dies ist ein Grund, weshalb in manchen älteren Liederbücher als Komponist Gungl angegeben wird. Die Melodie des Dortmunder Musikalienhändlers und Gelegenheitskomponisten Teichgräber wurde zur feierlichen Einweihung des Hermannsdenkmals1875 unter dem Titel ›Die Varusschlacht‹ herausgegeben.

Vergleich Liedtext und Historisches oder Dichtung und Wahrheit

Zu der Zeit, als Römer ihr Imperium nach Nordosten ausdehnen wollten, beherrschte Rom bereits den gesamten Mittelmeerraum einschließlich des Südens und einen großen Teil des Westens von Germanien. Der Feldherr Quintilius Varus war keineswegs so weltfremd, wie ihm in der 5. Strophe unterstellt wird: »O Quintili, armer Feldherr, / Dachtest du, dass so die Welt wär?« Bevor er 7 n.Chr. als nach Germanien kam, hatte er schon in Syrien als Statthalter politische und militärische Erfahrungen gesammelt.

Was von Scheffel noch nicht wissen konnte, die sogenannte Varusschlacht fand nicht im Teutoburger Wald bei Detmold statt, sondern rund 100 km nördlicher in Kalkriese bei Bramsche (Nähe Osnabrück). Dieser heute als authentisch angesehene Ort der Schlacht war lange Zeit unbekannt, so auch als geplant war, in der Nähe Detmolds an die Schlacht zu erinnern: »Und zu Ehren der Geschichten / Will ein Denkmal man errichten, / Schon steht das Piedestal, / Doch wer die Statue bezahl / Weiß nur Gott im Himmel!.« Dieser Spottvers bezog sich auf die Finanzierungsschwierigkeiten, in die der Architekt und Bildhauer Ernst von Bandel und die Bauherren geraten waren. Nach der Einweihung und Vollendung des Hermannsdenkmals 1875 lösten die von einem unbekannten Dichter verfassten Verse 15 und 16 den Spottvers ab.

In Vorahnung, was im Folgenden passieren wird, heißt es zweiten Vers: »Und es kam ein Moderduft / wie von Blut und Leichen.« Das Geschehen geben in verkürzter Form die Verse 3 bis 6 wieder. Tatsächlich hatten sich verschiedene Stämme der Cherusker, deren Siedlungsgebiet zwischen Elbe, Weser und Harz lag, unter Cheruskerfürst Arminius (um 17 v.Chr. bis etwa 21 n.Chr.) vereinigt, um dem Vordringen des römischen Heeres unter Varus Einhalt zu gebieten.

Arminius, erst später Hermann genannt, hatte als Führer eines germanischen Verbandes im römischen Heer gedient, erfolgreich in einigen Kriegen gekämpft, den Rang eines Ritters erworben und das römische Bürgerrecht erhalten. Erst etwa in den Jahren 7 oder 8 n.Chr. kehrte er nach Germanien zurück.

Als Kenner der römischen Kriegstaktik, der Phalanx vorzugsweise in offener Feldschlacht unterstützt von Reitersoldaten, griffen Arminius und seine Kämpfer zu einer Gegentaktik: Locken der Legionen bei ihrem Vormarsch in lange Hohlwege, plötzlicher Überfall (s. Vers 3) von beiden Seiten und Abdrängen der Reiterei in ein Sumpfgebiet. Wie wir aus der Geschichte wissen, ging diese Taktik auf.

Von den drei Legionen mit je 5.000 Soldaten und zusätzlichem Begleittross kamen rund 18.000 Menschen im Kampf oder im Sumpf zu Tode oder wurden als Verwundete getötet. Varus, der mit seinen Reitern in einen Sumpf geriet, wurde auf seinen Befehl vom Hundertschaftsführer Titus erstochen und später von den Cheruskern enthauptet.

Wegen der Ähnlichkeit des Namens des Jurakandidaten Scaevola (s. 7. Vers) mit Scheffel, wird vermutet, dass sich der Dichter hier im Lied verewigt hat, zumal sich Scheffel zur Zeit der Entstehung des Liedes auf das Juraexamen vorbereitete. Als Kenner des corpus iuris, des römischen Rechts, waren ihm die möglichen Strafen bekannt, die er in der achten Strophe anprangert.

Und während Fürst Hermann, wie hier zum ersten Mal der Cheruskerfürst benannt wird, mit seinen Soldaten den Sieg mit einem Festessen begeht (Verse 9 und 10), trauert man in Rom (Vers 11).

Während die beiden ersten Zeilen der Fantasie des jungen Scheffel entsprungen sein dürften, geben die beiden letzten Zeilen den historisch belegten Ruf des Kaisers Augustus (63 v.Chr. bis 14. n. Chr.) wieder: »Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder« (Vers 12).

Im 13. Vers werden die Folgen der römischen Niederlage angedeutet: Die Rückeroberungsversuche wurden erfolgreich abgewehrt. Augustus musste sich auf die Sicherung der bestehenden Grenzen mit Hilfe des etwa 300.000 Mann zählenden Berufsheers beschränken.

Da das Gedicht mit 13 Versen 1848 in den ›Fliegenden Blättern‹ erstmals veröffentlicht wurde, können die Verse 14 bis 16 nicht von Scheffel gedichtet worden sein. Die Autorenschaft der später nach der Errichtung des Hermannsdenkmals 1875 hinzugefügten Verse ist unbekannt.

Rezeption

Nach der Veröffentlichung des Liedes von der »Teutoburger Schlacht« in den ›Fliegenden Blättern‹ fanden die 13 Strophen Eingang in das 1855 erschienene ›Commersbuch für den deutschen Studenten‹. In Folge des >Liederbuchs für das deutsche Volk< (1876) mit 15 Strophen erschienen bis 1900 elf weitere Liederbücher, hauptsächlich Commersbücher für Studenten, wie z.B. ›Schauenburgs Allgemeines Deutsches Commersbuch‹ (1888, Auflage 1914: 101.- 110. Tsd.).

Mit 32 Liederbüchern 1900 bis 1920 erreichte Als die Römer frech geworden eine erste Blütezeit. Titel und Herausgeber deuten auch hier daraufhin, dass es sich überwiegend um Ausgaben für Studenten handelt. Im berühmten ›Zupfgeigenhansl‹ war das Lied nicht vertreten, wohl aber in einigen anderen Liedersammlungen der Wandervögel.

Die Blütezeit setzte sich fort, als das Lied in 13 Jahren (1920 bis 1932) Aufnahme in 34 Liederbücher fand. In dieser Zeit fand das Lied in vielen Kreisen Anklang: von christlichen bis völkischen Kreisen, bei der Arbeiter- und bei der Kaufmännischen Jugend, bei Turnern und Soldaten sowie bei Wanderern und Pfadfindern.

Abgesehen von auflagestarken Liederbüchern der Nationalsozialisten, wie ›Weckruf‹ (1933, Deutscher Arbeitsdienst) und ›Die Fahne hoch‹ (1934, Hitlerjugend) scheint - gemessen an der Anzahl der mir aus Online-Archiven bekannten Liedersammlungen - Als die Römer frech geworden in der Nazi-Zeit nicht sehr populär gewesen zu sein.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Beliebtheit des Liedes weiterhin stark nachgelassen. Ist es noch von 1953 bis 1960 in der weit verbreiteten ›Mundorgel‹ vertreten, so fällt auf, dass in 50 Jahre nur 10 Liederbücher mit dem Varus-Schlacht-Lied herauskamen, darunter die zweibändige Liedersammlung ›Deutsche Lieder‹ von Ernst Klusen (51. - 100. Tsd. Auflage 1981), der relativ weit verbreitete ›Deutsche Liederschatz‹ des Weltbild Verlages (1988) und die umfangreiche Sammlung ›Der Liederquell‹ von Theo und Sunhilt Mang (2015). Zu erwähnen ist noch die 165.Tsd. Auflage von ›Schauenburgs Allgemeinem Deutschen Commersbuch‹ (2008).

Wie eingeschränkt die Aussagekraft über die Popularität eines Liedes ist, misst man sie nur an der Anzahl bzw. der Auflage von Liederbüchern, zeigen die über 120 Videos bei YouTube. Von den Schlagersängern Bill Ramsey und Heino, den Liedermachern Peter Rohland und Schobert Schulz bis hin zu dem 1998 verstorbenen Opernsänger Hermann Prey und dem Violinisten André Rieu haben viele Als die Römer frech geworden interpretiert bzw. in ihr Repertoire aufgenommen.

Georg Nagel, 9.1.2020