Alle meine Entchen

Volkslied

Musiknoten zum Lied Alle meine Entchen

Liedtext

Alle meine Entchen
|: schwimmen auf dem See, :|
Köpfchen in das Wasser,
Schwänzchen in die Höh'.

Alle meine Täubchen
|: gurren auf dem Dach, :|
eins fliegt in die Lüfte,
fliegen alle nach.

Alle meine Hühner
|: scharren in dem Stroh, :|
finden sie ein Körnchen,
sind sie alle froh.

Alle meine Gänschen
|: watscheln durch den Grund, :|
suchen in dem Tümpel,
werden kugelrund.

Karaoke

Entstehung und Herkunft

Einen ersten Hinweis auf das Lied Alle meine Entchen gibt es in dem 1859 erschienenen Roman Die Kinder von Finkenrode des niedersächsischen Erzählers Wilhelm Raabe (1831 - 1910). Auf Seite 140 finden wir allerdings nur die erste Strophe in einer nicht verniedlichten Form:

Alle unsre Enten
Schwimmen auf dem See:
Kopf in dem Wasser,
Schwanz in die Höh!

Der in einigen Liederbüchern als Verfasser der ersten Strophe bezeichnete Komponist und Dichter Ernst Anschütz (1780-1861), Urheber bekannter Lieder wie O Tannenbaum und Fuchs, du hast die Gans gestohlen, ist nicht korrekt. Anschütz hat weder den Text gedichtet noch die Melodie komponiert. Auch der Hinweis, dass Anschütz die erste Strophe aufgezeichnet und in sein Musikalisches Schulgesangbuch (Heft 1, Reclam, Leipzig 1824) aufgenommen hat, trifft nicht zu.

Ebenfalls nicht zu belegen ist die Angabe, der Volksliedsammler und Pädagoge Gustav Eskuche (1865 - 1917) sei der Autor von Alle meine Entchen. Das Missverständnis um die Autorenschaft Eskuches entstand dadurch, dass Franz Magnus Böhme (1827 - 1998) in seinem umfangreichen Werk Deutsches Kinderlied und Kinderspiel: Volksüberlieferungen aus allen Landen deutscher Zunge (1897, S. 140) den Abdruck der ersten Strophe mit der Anmerkung "Eskuche 1891"“ versehen hat. Die Anmerkung bezog sich ausschließlich darauf, dass Eskuche 1891 das Lied in seiner Sammlung Hessische Kinderliedchen als Herausgeber - zusammen mit Johann Lewalter - nur erwähnt hat.

In den Hessischen Kinderliedchen sind zusätzlich folgende Strophen enthalten:

Alle meine Fröschlein
|: Hüpfen auf und ab :|
Schrein dabei recht lustig,
Quack, quack, quack, quack ,quack.

Alle meine Vögel
|: Fliegen hin und her :|
Fliegen auf und nieder
Und das freut sie sehr.

Alle meine Häslein
|: Sitzen in dem Klee :|
Schwänzchen in dem Rasen,
Köpfchen in der Höh'.

Alle meine Puppen,
|: Susi und Marie :|
Schlafen in der Wiege,
Bis ich wecke sie.

Alle meine Kinder
|: Tanzen lustig heut' :|
Tanzen voller Freude
In der Sommerzeit.

Belegt ist: die Melodie geht auf eine französische Weise aus dem 17. Jahrhundert zurück, nach der Bourrée getanzt wurde. 1784 findet sich im Österreichischen Volksliedarchiv eine anonyme Handschrift mit der Anmerkung zur Melodie: "ca. 1750" und "Mitteldeutschland, vielleicht Franken". Auch einige Liederbücher geben die Herkunft der Melodie "Franken" an, aber auch "Nassau" wird genannt.

Rezeption

Seit der ersten Veröffentlichung ist Alle meine Entchen bis heute als Kinderlied außerordentlich verbreitet. Der Grund dafür dürfte in dem schnell zu lernenden Text und der einfachen Melodie liegen. Die Erfahrung zeigt, dass schon Zweijährige, manchmal sogar Einjährige, die Melodie mitsummen können.

Von den Liedersammlungen Ende des 19. Jahrhunderts und den Spielliederbüchern abgesehen fand das Lied bald Eingang in die Gebrauchsliederbücher, z.B. 1914 in Was die Kinder singen – Heimatliche Kinderlieder und 1922 in Ringel, Rangel, Rosen, herausgegeben von dem Liedersammler und Komponisten Fritz Jöde (1887 - 1970). Auch viele Schulliederbücher für die Unterstufe nahmen das Lied in ihr Repertoire auf, wie das Musikbuch Teil 1 für das 1. Bis 4. Schuljahr Liederborn (7. Auflage ohne Jahresangabe).

Im Gegensatz zu den Liederbüchern in der Weimarer Zeit, in denen Alle meine Entchen mit den uns noch heute geläufigen vier Strophen zu finden ist, war es in der Mehrheit der 1933 bis 1945 herausgegebenen Liederbücher nur mit den beiden ersten Strophen vertreten. Ausnahmen waren das Schulbuch für die deutsche Jugend Singkamerad (8. Auflage 1937) und Sonnenlauf I – In Lied und Spruch um die Gezeiten des Jahres (1938).

Von den nach 1945 zahlreich erschienen Liederbüchern sollen hier nur die auflagenstarken Taschenbücher er wähnt: Kinderlieder - Eine Auswahl der schönsten Kinderlieder in Wort und Melodie (Reclam, 1987), Deutscher Liederschatz, Band 3: Kinderlieder, Liebeslieder, Heimatlieder (Weltbild 1988) und Die schönsten Kinderlieder (Moewig, 1992). Alle drei nur mit den ersten beiden Strophen.

Für mich erstaunlich ist, dass im Katalog des Deutschen Musikarchivs nur 25 Tonträger ausgewiesen werden, wahrscheinlich wird das Lied lieber gesungen als angehört. Interpretiert wird das Lied von vielen Kinderchören, aber auch von der Popsängerin Nena und der Folk-Gruppe Silbermond.

Die Popularität eines Liedes zeigt sich auch darin, dass die erste Zeile, das Incipit, auch für andere Zwecke verwendet wird. In diesem Fall ist die Anzahl der Bücher, die den gleichnamigen Titel tragen, beachtlich. Im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek sind mehr als mehr als 40 Bilderbücher, mehrere Kinderbücher mit Reimen und sogar ein Fachbuch von 2014 mit dem Untertitel "Artgerechte Pflege und Haltung" aufgeführt.

Wie beliebt Alle meine Entchen noch heute ist, sieht man nicht nur an der Vielzahl der Videos bei You Tube (über 170), sondern auch daran, dass immer wieder neue Strophen hinzukommen. Die mir zuletzt bekannt gewordenen stammen von Jens Bernet, der 21 Verse auf einheimische und exotische Tiere verfasst hat (s. Blauer Bote Magazin). Die 13. und die 18. Strophe sollen hier wiedergegeben werden:

Alle meine Eulen
|: Fliegen in der Nacht :|
Wenn die Menschen schlafen
Sind sie alle wach.

Alle meine Schäfchen
|: Weiden auf dem Damm :|
Essen gutes Grünzeug
Schmusen stolz ihr Lamm.

Bewegungsspiel

Sehr früh ist erkannt worden, dass das Lied sich hervorragend als Spiellied eignet. Als Bewegungsspiel war Alle mein Entchen bereits 1905 in dem Buch Macht auf das Tor - Alte deutsche Kinderlieder - Reime, Scherze und Singspiele vertreten, das 1942 eine Auflage von 160.000 Exemplaren erlebte. Und 1908 erschien das Lied in der Sammlung Singspiele mit einer 6. Auflage 1927. Aufgrund der Beliebtheit in Kindergärten und Kindertagesstätten folgten bis heute weitere Bücher mit Sing- bzw. Bewegungsspielen (s. dazu auch Dornröschen, Backe, backe Kuchen, Häschen in der Grube oder auch Wer will fleißige Handwerker seh'n.

Und nun geht’s los:

Die Kinder bilden zunächst einen Kreis und singen einmal das ganze Lied.

Danach gehen sie langsam im Kreis herum und das Lied wird noch einmal gesungen. Sobald sie begonnen haben, die erste Strophe zu singen, laufen sie langsam im Kreis herum und machen Schwimmbewegungen mit den Armen. Bei "Köpfchen in das Wasser" gehen alle in die Hocke und legen sich dann schnell auf den Rücken (in einem Raum auf bereit gelegte Decken, im Freien auf das Gras, am Strand auf den Sand u.Ä.). Bei "Schwänzchen in die Höh" strampeln alle mit den Beinen in der Luft.

In der zweiten Strophe ahmen während des langsamen Laufens alle Kinder mit den Armen das Fliegen von Tauben nach. Dabei können sie sich weiter im Kreis bewegen oder aber auch durcheinander "fliegen". Dann bleiben die Kinder stehen, gurren wie die Tauben und bilden mit den Händen ein Dach über den Kopf, indem sie die Fingerspitzen aneinander legen und ein offenes Dreieck bilden. Dann beginnt ein vorher bestimmtes Kind wieder zu fliegen, und die anderen Kinder fliegen ihm nach.

Anschließend wird wieder ein Kreis gebildet und die dritte Strophe gesungen. Zunächst scharren alle mit den Schuhen oder Füßen, wobei in einem Raum die Decken das Stroh bilden können. Dann hocken sich die Kinder hin und tun so, als wenn sie mit der Nase Körner aufpicken.

Beim Singen der vierten Strophe watscheln alle Kinder kurz im Kreis, um dann kreuz und quer im Tümpel, in der Kreismitte, weiter zu watscheln. Dabei bücken sie sich ab und zu und ahmen das Aufnehmen von Nahrung nach. Am Ende des Liedes stehen alles Kinder auf und strecken ihr Bäuche raus und / oder zeigen mit den Armen, wie rund sie sich gefressen haben.

Georg Nagel, 15.05.2018