Ade zur guten Nacht

Volkslied (um 1850)

Das Abschiedslied Ade zur guten Nacht wurde erstmals 1848 in Sachsen aufgezeichnet und fand dann in verschiedenen Versionen Verbreitung auf Fliegenden Blättern. Obwohl die erste Strophe ein Abendlied vermuten lässt, geht es im Lied um den (vorübergehenden) Abschied von der Liebsten.

Volksweise (um 1850)

Musiknoten zum Lied Ade zur guten Nacht

Liedtext

Ade zur guten Nacht!
Jetzt wird der Schluß gemacht,
Daß ich muß scheiden;.
Im Sommer da wächst der Klee,
Im Winter, schneit´s den Schnee,
Da komm ich wieder.

Es trauern Berg und Tal,
Wo ich viel tausendmal
Bin drüber gangen;
Das hat deine Schönheit gemacht,
die hat mich zum Lieben gebracht
mit großem Verlangen.

Das Brünnlein rinnt und rauscht
Wohl dort am Holderstrauch,
Wo wir gesessen,
Wie manchen Glockenschlag,
da Herz bei Herzen lag,
das hast du vergessen.

Die Mädchen in der Welt
Sind falscher als das Geld
Mit ihrem Lieben.
Ade zur guten Nacht,
jetzt wird der Schluß gemacht,
daß ich muß scheiden.

Karaoke

Von wem der Text stammt und wer die Melodie komponiert hat, ist bis heute unbekannt geblieben. In der Mehrheit der in online Archiven zugänglichen Liederbüchern wird vage Mitteldeutschland als Entstehungsregion oder konkret Sachsen und Thüringen angegeben, auch Franken und die Rheinpfalz werden genannt.

Das Lied soll Ende des 18. Jahrhunderts entstanden sein; 1806 haben es von Arnim und Brentano für ihre Sammlung "Des Knaben Wunderhorn" eingeschickt bekommen (Bayrischer Rundfunk Klassik, 6.1.2015). Zum ersten Mal mit der heute bekannten Melodie ist das Abschiedslied 1843 gedruckt worden, und zwar in der Sammlung von 1.000 Liedern des Komponisten und späteren Universitätsmusikdirektors in Leipzig Gottfried Wilhelm Fink (1783 - 1846) Musikalischer Hausschatz der Deutschen. Bereits vorher war Ade zur guten Nacht auf fliegenden Blättern verbreitet, auch in Österreich und in der Schweiz.

Bereits der 1. Strophe ist zu entnehmen, dass es sich bei der Person, die Abschied nehmen muss, um einen Mann handelt. Eine junge Frau wäre nicht auf Wanderschaft gewesen, wäre nicht "tausendmal über Berg und Tal gangen". Nicht ganz klar ist, warum "jetzt der Schluss gemacht ist". Hat ihm seine Liebste den Laufpass gegeben? Und will er, um Abstand zu gewinnen oder ihr nicht immer wieder zu begegnen, fort von dem Ort seiner Liebe? Wahrscheinlicher ist: es handelt sich um einen Wanderburschen, der seine Zeit bei einem Meister verbracht hat und nun weiter zu einer anderen Arbeitsstätte ziehen muss. Zur Zeit der Entstehung des Liedes musste ein Handwerksgeselle von Meister zu Meister zu wandern, bevor er nach drei Jahren und einem Tag die Meisterprüfung ablegen konnte (vgl. Es, es, es und es, es ist ein harter Schluss und Am Brunnen vor dem Tore). Nach dem Motto Geteiltes Leid ist halbes Leid hilft es ihm, dass - wie er meint - "Berg und Tal [mit ihm mit-] trauern" (2. Strophe). Und er macht sich selbst Mut: so wie die Jahreszeiten immer wiederkehren, hier beispielhaft und poetisch umschrieben "im Sommer das wächst der Klee, im Winter, da schneit’s den Schnee", ist er gewiss, dass er zurückkommen wird - spätestens nach seiner Meisterprüfung. In seinem Abschiedslied wendet er sich direkt an seine Liebste, preist ihre Schönheit, "die ihn zum Lieben gebracht" hat und er gesteht ihr, dass er sie begehrt (hat): "mit großem Verlangen".

Liebesleid und Trennungsschmerz

Gern denkt der junge Mann zurück, an den Holderstrauch (damals galt ein Holunderstrauch als Sinnbild für die Liebe), wo "das Brünnlein rinnt und rauscht". Wo die beiden (wohl nicht nur) dagesessen und die Zeit vergessen (mancher Glockenschlag“) haben. Er wirft der jungen Frau vor, dass sie (wohl) vergessen habe, dass sie beide "da Herz an Herzen" lagen. Hier könnte man meinen, dass sie es ist, die sich von ihm vorzeitig getrennt hat, vielleicht um ihrem Trennungsschmerz zuvorzukommen. Sie weiß, dass er weiter auf Wanderschaft gehen muss. Nun aber schlägt die Stimmung des jungen Mannes um. Hat er gerade noch gemeint, er käme mit Sicherheit zurück, hat er gerade noch ihre Schönheit und ihre Liebe gepriesen, so ist er jetzt richtig aufgebracht. Verallgemeinernd - vielleicht weil ihn sein Abschiedsschmerz überkommt oder er bereits während seiner bisherigen „Lehr und Wanderjahre ähnliche Erfahrungen gemacht hat - meint er, dass "die [alle] Mädchen falscher als das Geld" sind. Dieser Aussage wird im Liederbuch Hamburger Jugendlieder (1926) eine 5. Strophe entgegengestellt: "Die Mädchen allzumal / sind wie ein Sonnenstrahl / mit ihrem Lieben / Ade…"

Textvarianten

Im Originaltext bekräftigt der Wanderbursche noch einmal "Jetzt ist der Schluss gemacht, dass ich muss scheiden." Nach den hoffnungsvollen letzten Zeilen der 1. Strophe scheint hier ein endgültiges Aus gesetzt zu sein. Das wird auch in einer weiteren Variante eines unbekannten Dichters bestätigt:

Vor deinem Fensterlein
Stand ich manch Stund allein
Und konnt nicht scheiden.
Von dir Herzliebste mein,
muss doch geschieden sein –
Das macht mir Leiden.

Einige Liederbücher weisen statt der "frauenfeindlichen" 4. Strophe („…falscher als das Geld“) folgenden Text auf, der diesmal von der jungen Frau gesungen wird:

Ade zur guten Nacht,
Jetzt ist der Schluss gemacht,
Von dir zu scheiden.
Von dir, o Herzallerliebster mein,
Es muss halt doch geschieden sein,
Das macht mir Leiden.

Als eine Art Stoßseufzer des Mannes hat der Lyriker Eduard Mörike 1870 eine andere 4. Strophe gedichtet:

Ach, wär ich ein großer Herr,
zög niemandem hinterher,
einen Batzen zu erben.
Ich stünd am Heckenzaun,
um nach dir auszuschaun
Und um dich zu wärmen.

Trotz des melancholischen Schlusses ist das Lied als Abschieds- bzw. als Abendlied bis heute populär geblieben. In einer repräsentativen Umfrage in Deutschland, 1975 durchgeführt vom Institut für musikalische Volkskunde, Neuss (heute Institut für europäische Musikethnologie, Universität Köln), haben 2/3 der befragten Frauen und 1/3 der Männer Ade zur guten Nacht gekannt.

Georg Nagel, 15. Mai 2016