Wenn ich ein Vöglein wär

Volkslied (1778)

Musiknoten zum Lied Wenn ich ein Vöglein wär

Liedtext

Wenn ich ein Vöglein wär
und auch zwei Flügel hätt,
flög ich zu dir.
Weils aber nicht kann,
bleib ich all hier.

Bin ich gleich weit von dir,
bin ich doch im Traum bei dir
und red mit dir;
wenn ich erwachen tu,
bin ich allein.

Es vergeht kein' Stund in der Nacht,
da nicht mein Herz erwacht
und an dich denkt,
daß du mir viel tausendmal,
dein Herz geschenkt.

Herkunft

Die uns heute bekannten obigen drei Strophen wurden zum ersten Mal 1778 in Stimmen der Völker in Liedern, Erstes Buch, herausgegeben von Johann Gottfried Herder, veröffentlicht. Das ist ein Grund, weshalb einige der mir in Online-Archiven und Privatbibliotheken zugänglichen Liederbüchern Herder als Dichter dieser Strophen angeben.

Beziehen sich die Liedforscher und -sammler Ludwig Erk und Franz Magnus Böhme in ihrem Deutschen Liederhort (1893, 2. Band, Nr. 512 f.) als Erstveröffentlichung auf ein Flugblatt aus dem Jahr 1757, so hat die Volksliedforscherin und ehemalige Bibliothekarin im Deutschen Volksliederarchiv (heute Zentrum für Populäre Kultur und Musik) in Freiburg, Barbara Book, 1987 ein im Jahr 1756 gedrucktes Flugblatt entdeckt, dessen erste Strophe mit unserem Lied übereinstimmt (vgl. Theo und Sunhilt Mang, Der Liederquell, 2015, S. 352). Teile der zweiten Strophe dieses Flugblatts: »Sei es beim Tag oder Nacht, wenn ich vom Schlaf erwacht an dich gedenk. »Hab ich dir viel tausendmal Liebes-Seufzer geschenkt« wurden später zu den o.a. Strophen zwei und drei. Gemäß Erk/Böhme weist das Flugblatt von 1757 eine weitere vierte Strophe auf (s. unter Liedbetrachtung).

Nachdem das sehnsuchtsvolle Lied 1806 in dem von Achim von Arnim und Clemens Brentano herausgegebenen Deutschen Liederhort erschienen war, wurde es vor allem in Männerchören und studentischen Kreisen beliebt. Zahlreiche Liederbücher (s. dazu auch Abschnitt II. Rezeption) nahmen das Lied in ihr Repertoire auf, wie z.B. 1848 Hoffmann von Fallersleben in Deutsches Volksgesangbuch und die Sammlung geistlicher und weltlicher Volkslieder Des Knaben Liederschatz, die, vor allem verbreitet in bürgerlichen Kreisen, 1887 in der 8. Auflage herauskam.

Die Melodie soll gemäß den Liederbüchern Neues Liederbuch (Erfurt 1950) und Mein Heimatland (Mainz 1955) auf eine Weise aus dem 1784 erschienenen Freimaurer-Heft Lieder der Loge zurückgehen. Gemäß Mang »steht die Melodie in 1800 in Berlin in ›Liebe und Treue‹, einem Singspiel mit Melodien von Johann Friedrich Reichardt«. Jedoch ist Reichardt als Komponist nur in wenigen Liederbüchern aufgeführt.

Liedbetrachtung

Dieses Lied, dessen Text Goethe als »ewig wahr und schön« und dessen Melodie Herder »als dem Inhalt angemessen, leicht und sehnend« (vgl. Ernst Klusen, Deutsche Lieder, Zweiter Band, 2. Auflage 1981, S. 832) charakterisiert hat, gehört zur Kategorie der traditionellen Liebes- und Klagelieder. Wie im rund 20 Jahre später entstandenen Lied Am Brunnen vor dem Tore sehnt sich ein junger Mann nach seiner Liebsten und wünscht sich ihr nah zu sein. Doch er ist »weit« weg; wahrscheinlich handelt es sich um einen Wanderburschen, der zu der Zeit der Entstehung des Liedes, als es eine »Zunftpflicht war, drei Jahre und einen Tag durch die deutschen Lande zu wandern und sich bei Meistern gegen Kost und Logis und einen geringen Lohn zu verdingen«, von seiner Liebsten Abschied nehmen musste. Und die Entfernung zu seiner Liebsten muss so groß sein (vgl. Stehn zwei Stern am hohen Himmel Vers 3: »Gerne wollt ich zu ihr gehen, wenn der Weg so weit nicht wär«), dass er nicht einmal in seiner arbeitsfreien Zeit zu ihr gehen kann. Daher wünscht er sich, ein Vogel zu sein, um zu ihr fliegen zu können, ähnlich wie im Lied Ach, wie ists möglich dann, dass ich dich lassen kann in der dritten Strophe »Wär ich ein Vögelein, wollt ich gern bei dir sein«.

So groß die Entfernung des jungen Mannes zu seiner Liebsten auch sein mag, so fühlt er sich ihr derart innerlich verbunden, dass er von ihr träumt und sie im Traum miteinander sprechen. Doch als Nacht und Traum vorüber sind, muss er beim Aufwachen enttäuscht feststellen, dass er allein ist. So verliebt wie er ist, ist anzunehmen, dass er nicht nur in den Nächten an sie denkt, sondern sicherlich auch, soweit es seine Arbeit zulässt – auch am Tage. Er erinnert sich an die Stunden, die beide miteinander verbracht haben, und er denkt sehnsuchtsvoll zurück an die Zeit, in der sie ihm »viel tausendmal ihr Herz geschenkt« hat.

Ursprünglich hatte das Lied noch einen vierten Vers:

Wenn die Leut' nicht haben woll'n,
dass wir uns lieben sollen, so gute Nacht!
Obs gleich die Leut' verdrießt,
lieb ich dich doch.

Wahrscheinlich haben die Leute etwas gegen den jungen Mann, weil sie ihn als Dahergelaufenen, Umherwandernden ansehen, der eventuell auch in anderen Städten eine Geliebte hat. Doch er versichert seiner Angebeteten nochmals seine Liebe. Angesichts der tiefen Liebe, die der junge Mann empfindet, ist zu vermuten, obwohl dem Lied nicht zu entnehmen, dass er nach seiner Wanderzeit als frischgebackener Handwerksmeister zurückkehren und seine Liebste heiraten wird.

Rezeption

Nach Untersuchungen des Deutschen Volksliederarchivs Freiburg gehört Wenn ich ein Vöglein wär zu den meistgesungenen traditionellen Liedern des 19. und 20. Jahrhunderts. Darauf deuten auch die zahlreichen deutschen Liederbücher mit dem Lied hin: Allein von 1900 bis 1999 waren es über 300. Auch in Österreich war das Lied in Liedersammlungen vertreten, z. B. im Liederbuch für die Deutschen in Österreich (5. Auflage 1905), ebenso wie in der Schweiz, z.B. in Das Rütli - Liederbuch für den Männergesang (35. Auflage 1904).

Waren es bis 1920 vorwiegend Liederbücher der Wandelvögel und Kommersbücher für Studenten, so wurde Wenn ich ein Vöglein wär bis 1932 in allen Schichten der Bevölkerung gesungen: in evangelischen Vereinen und in katholischen Kreisen, wobei das vom Verband katholischer Burschen herausgegebene Mädchenliederbuch 1926 die 10. Auflage erreichte. Auch bei der Angestellten- und Arbeiterjugend, bei Turnern und Wanderern war das Lied beliebt, und gemäß den zahlreichen Musikbüchern für Schulen aller Art wurde es gern auch von den Schülern gesungen, allerdings meistens nur die erste Strophe.

Nachdem bereits 1933 zu Beginn des NS-Regimes das Liederbuch des Bundes deutscher Mädel (BDM) erschienen war, folgten bald vom NS-Lehrerbund herausgegebene Musikbücher für die Schule (hier mit drei Strophen). Während der Reichsarbeitsdienst (RAD) 1938 das Lied in Lieder für die Arbeitsmaiden aufnahm, ist es meines Wissens in keinem Liederbuch der Hitlerjugend, der NSDAP, der SA oder SS vertreten, wohl weil es zu unmännlich galt. Dagegen schien verständlich, dass Soldaten sich nach ihren Liebsten sehnen, wie man den Liederheften Steh ich im Feld (1943) und Kameradschaft im Lied - Chorbuch für Front und Heimat (1944) entnehmen kann.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sind in 50 Jahren rund 130 Liederbücher mit dem Lied erschienen, darunter etliche mit hohen Auflagen. Abgesehen von zahlreichen Musikbüchern für die Schule sollen hier nur das Taschenbuch Der Deutsche Liederschatz des Heyne Verlags (1975) und die Deutsche Hausbibliothek – Liederschatz des Weltbild Bücherdienstes (1987) erwähnt werden. Zwar kann die Aufnahme in ein Liederbuch nur bedingt etwas über die Beliebtheit eines Liedes aussagen, aber die im Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig 75 Partituren, hauptsächlich für Männer- und vereinzelt auch für Kinderchöre, deuten auf die große Popularität von Wenn ich ein Vöglein wär hin. Zusätzlich sind im Katalog 21 Tonträger von der Schellackplatte bis zur CD aufgeführt, darunter eine mit einer Parodie von Ringelnatz. Hörenswert finde ich eine Aufnahme mit dem James Last Orchester und den Hamburger Alsterspatzen.

Es bleibt noch nachzutragen: Der Liedtext fand neben der hier wiedergegebenen Melodie noch zahlreiche Vertonungen u.a. von Beethoven, Robert Schumann, Carl Maria von Weber und Max Reger (vgl. Mang, S. 352). Die Vertonung von Schumann ist auf einigen Videos bei YouTube zu hören. Auf den rund 100 Videos sind auch die Interpretationen der Schlagersänger Heino und Nena sowie eine von der Gruppe Jazzkantine gespielte Jazz-Version vertreten.

Georg Nagel, 26.04.2020