Sabinchen war ein Frauenzimmer

Volkslied (1849)

Volksweise (19. Jh.)

Musiknoten zum Lied Sabinchen war ein Frauenzimmer

Liedtext

Sabinchen war ein Frauenzimmer, dabei gar tugendhaft.
Sie diente treu und redlich immer bei ihrer Dienstherrschaft.
Da kam aus Treuenbrietzen ein junger Mann daher.
Der wollte gern Sabinchen besitzen und war ein Schuhmacher.

Sein Geld hat er versoffen in Schnaps und auch in Bier,
da kam er zu Sabinchen geloffen und wollte welches von ihr.
Sie konnt ihm keins geben, da stahl er auf der Stell
von ihrer guten Dienstherrschaft sechs silberne Blechlöffel.

Jedoch nach achtzehn Wochen, da kam der Diebstahl raus,
da jagte man mit Schimpf und Schande Sabinchen aus dem Haus.
Sie rief: verfluchter Schuster, du rabenschwarzer Hund!
Da nahm er sein Rasiermesser und schnitt ihr ab den Schlund.

Das Blut zum Himmel spritzte; Sabinchen fiel gleich um,
der böse Schuster aus Treuenbrietzen, der stand um ihr herum.
In einem dunklen Loche - bei Wasser und bei Brot,
da hat er endlich eingestanden die grausige Moritot.

Und die Moral von der Geschichte: Trau keinem Schuster nicht!
Der Krug, der geht so lange zu Wasser, bis daß der Henkel bricht.
Der Henkel ist zerbrochen, er ist für immer ab,
und unser Schuster muß un sitzen bis an sein kühles Grab.

Das Lied kommt daher wie ein Bänkelgesang, bei dem der Sänger auf Jahrmärkten oder Kirchweihfesten auf einer Bank stehend mit einem Stock auf zum Text gehörende Bilder einer Tafel zeigte. Häufig wurden Neuigkeiten, speziell über Mord- und Totschlag, Unglücksfälle und andere Schicksalsschläge vorgetragen, sogenannte Moritaten. Der Verfasser des Textes ist ebenso unbekannt wie der Komponist der Melodie.

Wegen der "drastischen Handlung und den z.T. doch arg schrägen Reimen" nennt das Historisch-kritische Liederlexikon Sabinchen war ein Frauenzimmer - auch wegen der Übertreibungen (s. unten z.B. "Blut spritzt zum Himmel") - eine Parodie auf eine Moritat. Auch der Liederforscher Heinz Rölleke erkennt in dem "Drehorgellied … eine hervorragende Parodie auf die allzeit besonders beliebten Bänkellieder über grausliche Mordgeschichten (Moritaten)".

Interpretation

Im ersten Vers wird eine junge Frau namens Sabinchen als "gar hold und tugendhaft" beschrieben. Der heute kaum noch gebrauchte Ausdruck "hold" bedeutet im Mittelhochdeutschen: ergeben, dienstbar und treu.

Im zweiten Satz wird noch einmal bestätigt: sie dient "treu und redlich" einer vermutlich wohlhabenden Familie. Mit diesen guten Eigenschaften scheint es nicht weit her zu sein, wird Sabinchen doch als "Frauenzimmer" bezeichnet, ein Begriff, der seit etwa Anfang des 19. Jahrhunderts herabsetzend gemeint ist. Und so tugendhaft (keusch und züchtig), wie anfangs beschrieben, ist Sabinchen auch nicht, hat sie doch ihre Tugend (ihre Jungfernschaft) ziemlich schnell einem jungen Mann geopfert, einem Schumacher, der nicht lange um sie geworben, ihr auch keine Versprechungen gemacht hat, sondern sie nur besitzen wollte. "Besitzen" bedeutet hier, ähnlich wie in der Bibel "erkennen", beischlafen. Dieser junge Mann ist nicht einmal ein Ortsansässiger, er "kam aus Treuenbrietzen daher", eine Kleinstadt südlich von Potsdam. Das "daher" deutet daraufhin, dass er auch kein Treuenbrietzener, sondern als Wandergeselle unterwegs war. Und in diesen Daherkommenden hat sich Sabinchen derart verliebt, dass sie ihn in ihrer Kammer schlafen lässt und ihm dabei die Gelegenheit gibt, von ihrer Dienstherrschaft einige silberne Löffel zu stehlen, nachdem er sein letztes "Geld versoffen hat".

Als der Diebstahl, angesichts des nach wie vor reichhaltigen Bestecks erst nach 18 Wochen, aufgefallen war, wurde Sabinchen verdächtigt und fristlos gekündigt. Sie wurde "mit Schimpf und Schande aus dem Haus gejagt".

Nun reichte es Sabinchen mit ihrem Liebhaber, sie nannte ihn einen "verruchten Schuster", beschimpfte ihn als "rabenschwarzen Hund" und wollte die Affäre beenden. Da aber nahm der Schuster sein Rasiermesser und schlitzte ihr die Kehle auf. In typisch übertreibender Manier einer Moritat heißt es, dass "das Blut zum Himmel spritzte". Kein Wunder, dass Sabinchen gleich tot umfiel. Der Schuster wurde festgenommen, und im Kerker "bei Wasser und Brot" hat er dann schließlich die Tat gestanden.

Und wie bei Moritaten üblich, gibt es auch hier eine "Moral von der Geschicht". Der Rat "trau keinem Schuster nicht" ist allerdings nicht wörtlich zu nehmen. Die Aussage mit der rhetorisch bekräftigenden doppelten Verneinung soll nicht den Schusterberuf als solchen diskriminieren. Schuster steht hier exemplarisch für alle Wandergesellen gleich welchen Berufsstandes. Gemeint ist: Vorsichtig und zurückhaltend sollen Jungfrauen vor allem gegenüber durchreisenden oder nur vorübergehend am Ort weilenden Handwerksburschen sein.

Der Gedanke. dass etwas Unrechtes auf Dauer nicht gut gehen kann, wird hier in der alten Volksweisheit wiedergegeben: "Der Krug, der geht so lange zum Wasser, bis dass der Henkel bricht".

Rezeption

Erstmalig schriftlich ist das Lied 1849 in der humoristischen Liedersammlung "Musenklänge aus Deutschlands Leierkästen" erschienen. In den Liederbüchern des 19. Jahrhunderts taucht es nicht auf; dafür erschien es in vielen bebilderten Liederbogen, wobei als Quelle häufig "Volkslied" angegeben wurde.

Seitdem das Lied Anfang des 20. Jahrhunderts von der Jugendbewegung aufgegriffen wurde, ist es bis heute bekannt geblieben.

Verstärkt verbreitet wurde es seit den 1950er Jahren durch Liederbücher wie z. B. die "Mundorgel" (Gesamtauflage bis 2013 11 Millionen) und Tonträger.

So erfreut es sich in allen Schichten der Bevölkerung, auch als sogenanntes Küchenlied, großer Beliebtheit.

Georg Nagel, Oktober 2016