Kein schöner Land in dieser Zeit

Anton Wilhelm von Zuccalmaglio (1838)

Die Melodie von "Kein schöner Land" basiert auf eine Volksweise aus dem 18. Jahrhundert, die von Wilhelm von Zuccalmaglio bearbeitet und mit einem eigenen Text versehen 1840 veröffentlicht wurde. 1884 fand das Lied eine weite Verbreitung durch das Preußische Soldatenliederbuch und nach 1918 durch die Wandervogelbewegung. Heute ist "Kein schöner Land" eines der bekanntesten deutschen Volkslieder.

Musiknoten zum Lied Kein schöner Land in dieser Zeit

Liedtext

Kein schöner Land in dieser Zeit,
als hier das unsre weit und breit,
wo wir uns finden
wohl unter Linden
zur Abendzeit, Abendzeit.

Da haben wir so manche Stund'
gesessen wohl in froher Rund'
und taten singen;
die Lieder klingen
im Eichengrund.

Daß wir uns hier in diesem Tal
noch treffen so viel hundertmal,
Gott mag es schenken,
Gott mag es lenken,
er hat die Gnad'.

Nun, Brüder, eine gute Nacht,
der Herr im hohen Himmel wacht!
In seiner Güten
uns zu behüten
ist er bedacht.

Ihr Brüder wißt, was uns vereint,
eine andre Sonne hell uns scheint;
in ihr wir leben,
zu ihr wir streben
als die Gemeind'.

Karaoke

Wilhelm von Zuccalmaglio, wurde am 12. April 1803 in Waldbröl, einem rheinischen Städtchen, geboren. Unerwartet schied er am 23. März 1869, von einem Herzschlag getroffen, in Nachrodt bei Altena (Sauerland) aus dem Leben.

Als Erzieher des einzigen Sohnes des Fürsten Gortschakoff in Warschau begleitete er acht Jahre lang seinen Zögling auf vielen Reisen durch Russland und Deutschland. Eine Frucht seiner Reisen in Russland war die Sammlung russischer und polnischer Volkslieder, welche er unter dem Titel Slavische Balalaika 1843 erscheinen ließ. Sein Aufenthalt in Russland brachte ihm die Ehrendoktorwürde der Universitäten Dorpat und Moskau ein. In diese Zeit fällt auch Zuccalmaglios Tätigkeit unter dem Schriftstellernamen Wilhelm von Waldbrühl als Mitarbeiter an Robert Schumanns Neuer Zeitschrift für Musik.

Bereits 1840 hatte er zusammen mit Prof. Dr. E. Baumstark als Fortsetzung der August Kretzschmerschen Werke die Sammlung Deutsche Volkslieder mit ihren Original-Weisen herausgegeben. Diese Sammlung enthält viele Volkslieder, die der Freiherr textlich und musikalisch bearbeitet hat. Damit hat Zuccalmaglio »die in der Romantik wiederentdeckten Volkslieder des 18. Jahrhunderts in das spätere Jahrhundert übertragen« (Heinz Rölleke, Das große Buch der Volkslieder, Kiepenheuer und Witsch, Köln 1993, S. 271). Um nur einige Lieder beispielhaft zu nennen: Die Blümelein, sie schlafen, Mein Mädel hat einen Rosenmund, Feinsliebchen, du sollst nicht barfuß gehen und vor allem das noch heute beliebte Abendlied Kein schöner Land in dieser Zeit.

Ob Zuccalmaglio bei seiner Melodie aus dem 18. Jahrhundert, wie der Musikethnologe Rölleke (s.o., S. 281) meint, sich an den Volksliedern Ade, mein Schatz, ich muss nun fort (Titel: Der Schildwache Lied) und Ich kann und mag nicht fröhlich seyn orientiert hat oder ob sie aus Albert Methfessels (1785 - 1869) 1815 verfassten Lied Kriegslied stammt, ist unter Musikwissenschaftlern umstritten. Das Versmaß hat Zuccalmaglio wahrscheinlich den ersten beiden Zeilen des Methfesselschen Liedes entnommen: »Kein schön’rer Tod auf dieser Welt, / als wer auf grüner Heide fällt« (1. Strophe).

Strophen eins bis drei

In der ersten Zeile unseres Liedes heißt es: »Kein schöner Land in unsrer Zeit, als hier das unsre weit und breit«. Das könnte erinnern an: »Deutschland, Deutschland über alles«. Deutschland jedoch kann nicht gemeint sein; zur Zeit der Entstehung des Liedes empfand man sich eher als Preuße oder Bayer, Holsteiner oder Pfälzer o.ä. oder noch kleinteiliger als Dithmarscher oder Allgäuer, als Schlesier oder Westfale. Hier wird die Heimat gepriesen, in der man sich wohlfühlt und die man daher als die schönste bezeichnet. Es ist anzunehmen, dass die Leute, die das Lied sangen, jeweils ihr Land, ihr Ländle, meinten, das sie als ihre unmittelbare Heimat empfanden.

Hier finden sich abends Leute – wahrscheinlich Jung und Alt – nach getaner Arbeit zusammen. Noch heute gibt es z. B. in Südhessen und im Wendland Dörfer, deren Mittelpunkt nicht die Kirche, sondern ein Lindenbaum oder auch ein Eichenbaum ist, häufig mit einer Rundbank, wo sich hauptsächlich junge Leute treffen, Musik hören, ein Bier trinken und miteinander reden. Damals hatte so ein abendliches Treffen eine viel größere Bedeutung: es gab weder Telefon noch Handys, weder Fernsehen noch Smartphones. Um Neuigkeiten auszutauschen, traf man sich »unter Linden« oder »im Eichengrund« und auch, um miteinander zu singen, »die Lieder klingen« zu lassen.

Die Sänger und Sängerinnen, die sich in der zweiten Strophe daran erinnern, dass sie »so manche Stund / gesessen wohl in froher Rund«, hoffen (3. Strophe) dass sie sich noch viele »hundertmal in diesem Tal treffen« dürfen. Sie sind gewiss, dass Gott ihnen diese Freude schenken wird, denn »er hat die Gnad«. Im Sinne der damaligen Volksfrömmigkeit meinen sie, das wird im Lied nicht ausgesprochen, von der Gnade Gottes abhängig zu sein, um nicht von Krieg oder Hunger oder anderen Widrigkeiten überzogen zu werden.

Vier oder fünf Strophen?

In der Mehrzahl der Liederbücher der im Internet zugänglichen Archive sind nur die ersten vier Strophen aufgeführt. Selbst der bedeutende Musikethnologe Ernst Klusen hat in sein zweibändiges Werk Deutsche Lieder (Insel Verlag, Frankfurt, 100. Auflage 1980) nur die ersten vier Strophen aufgenommen.

Dem katholisch erzogenen Zuccalmaglio war wohl die letzte Strophe wichtig genug, um sie in seinem Liederbuch aufzuführen. Von konfessionellen Liedersammlungen abgesehen, findet sich die fünfte Strophe in keinem Liederbuch mit einer größeren Auflage. Dass sie dennoch heute bekannt ist, verdanken wir dem Musikwissenschaftler Heinz Rölleke und der späteren Ausgaben der Mundorgel, dem Liederbuch mit der höchsten Auflage in Deutschland (2013 über 11 Millionen Textauflage und 3 Millionen Text- und Notenauflage).

Wünscht man sich in der 4. Strophe nach dem Singen gegenseitig »eine gute Nacht« - Brüder steht hier für Männer, Frauen und Kinder - in der Gewissheit, dass »der Herr im hohen Himmel wacht«, betont die 5. Strophe, die Bedeutung der (Christen- bzw. Kirchen-) Gemeinde. Zwischen den Zeilen ist zu entnehmen, dass der Glaube daran, dass es dank der Gnade Gottes (weiterhin) ein gutes Leben geben wird, gestärkt bzw. angestrebt wird mit Hilfe »der Gemeind«. Das Bild der »andren Sonne (die) hell uns scheint« könnte man so deuten, dass die Gemeindemitglieder an ein Leben nach dem Tode glauben. Die Sonne steht aber auch für Gott; im 84. Psalm heißt es: »Gott der Herr ist Sonne und Schild«.

Mit diesen fünf Strophen ist der Text mehr als ein Abendlied, wie das Lied allgemein bezeichnet wird und so auch häufig in Liederbüchern eingeordnet ist. Es ist ein Lied, dass uns, ob Christ oder nicht, bewusst macht, dass es, um es mit Shakespeare zu sagen, »mehr Ding‘ im Himmel und auf Erden … gibt, als unsere (im Original: eure) Schulweisheit sich träumen lässt«.

Georg Nagel, 6. März 2016