Es, es, es und es

Volkslied (18. Jh.)

Als Abschieds- und Wanderlied wurde Es, es, es und es, es ist ein harter Schluss im 19. Jahrhundert von Handwerksburschen und Studenten gern gesungen. Auch heute noch ist es als Wanderlied bekannt und vor allem in Folk- und Wanderkreisen beliebt gehört noch heute zum Standardrepertoire der noch existierenden Schächte.

Musiknoten zum Lied Es, es, es und es

Liedtext

Es, es, es und es,
Es ist ein harter Schluß,
Weil, weil, weil und weil,
Weil ich aus Frankfurt muß.
Drum schlag ich Frankfurt aus dem Sinn
Und wende mich, Gott weiß wohin.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

|: Er, er, er und er,
Herr Meister, leb er wohl! :|
Ich sags ihm grad frei ins Gesicht,
Seine Arbeit, die gefällt mir nicht.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

|: Sie, sie, sie und sie,
Frau Meisterin, leb sie wohl! :|
Ich sags ihr grad frei ins Gesicht,
Ihr Speck und Kraut, das schmeckt mir nicht.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

|: Er, er, er und er,
Herr Wirt, nun leb er wohl! :|
Hätt' er die Kreide nicht doppelt g'schrieb'n,
So wär ich länger dageblieben.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

|: Ihr, ihr, ihr und ihr,
Ihr Jungfern lebet wohl! :|
Ich wünsche euch zu guter Letzt
Ein Andern, der mein Stell ersetzt.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

|: Ihr, ihr, ihr und ihr,
Ihr Brüder, lebet wohl! :|
Hab ich Euch was zu Leid getan,
So bitt ich um Verzeihung an.
Ich will mein Glück probieren,
Marschieren.

Das Lied der Wanderburschen Es, es, es und es, es ist ein harter Schluss stammt aus dem 18. Jahrhundert; dem Deutschen Volksliedarchiv Freiburg zufolge sind um 100 Flugblätter mit dem Text bekannt. Von wem der Text ursprünglich stammt, ist nicht geklärt; wahrscheinlich entstand er in Kreisen wandernder Handwerksgesellen. Geht man von den Angaben der Mehrheit der online zugänglichen Archive aus, taucht die Melodie erstmalig 1826 auf. Zum ersten Mal in Druck sind Text und Melodie 1838 in Erk-Irmers Die deutschen Volkslieder mit ihren Singweisen vertreten.

Die ältere Fassung aus der Mitte des 18. Jahrhunderts ist ein Abschiedslied:

Ach, ach, ach und ach, ach wie ein harter Schluss,
wenn, wenn, wenn, wenn man von Breslau muss,
so schlag ich Breslau aus dem Sinn,
und wende mich nach Leipzig hin,
soll das in meinem Herzen
nicht schmerzen?

In Es, es, es und es dagegen steht die Klage des Wandergesellen darüber, wie er auf einer seiner Wanderstationen behandelt wird, im Vordergrund. Diese nicht gerade freundliche Behandlung wird ihm nicht nur einmal zuteil worden sein; wahrscheinlich ist ihm Ähnliches auch schon in anderen Meisterbetrieben widerfahren. Und er wird nicht allein diese Erfahrungen, von denen das Lied im Einzelnen berichtet, gemacht haben. Andere Wandergesellen werden unabhängig von ihrer Zunft Vergleichbares erlebt haben. Auch ein Grund dafür, warum sich das Lied schnell verbreitete.

Wie manche andere populäre Lieder mit eingehenden Melodien wurde Es, es, es und es bereits im 19. Jahrhundert umgedichtet bzw. parodiert. Hoffmann von Fallersleben schuf 1845 auf die gleiche Melodie das Auswandererlied Raus, raus, raus und raus (aus Deutschland muss ich raus) und der Berliner Schriftsteller und Satiriker Adolf Glaßbrenner (1810 – 1876) verfasste 1848 das satirisch gemeinte Lied eines fiktiven ausgewanderten Adeligen Ach, ach , ach und ach, wie schön’s doch früher war mit den letzten Zeilen der dritte Strophe: »Mein Stammbaum hilft nit aus der Not / ´s wächst weder Butter d´rauf noch Brot / muss sie mit sauren Mienen / verdienen!«

Geschichtlicher Hintergrund

Das Lied Es, es, es und es spielt zu einer Zeit, in der in fast ganz Europa das Zunftwesen verbreitet war. Seit dem Aufkommen der Zünfte im frühen Mittelalter wurden Vorschriften einer Handwerkszunft schriftlich gefasst. In den Zunftordnungen waren bis ins einzelne geregelt: die Voraussetzungen für den Eintritt in eine Zunft, das Handwerkszeichen, die Rangordnung und die Organe innerhalb einer Zunft und die Ausbildung mit Lehr-, Wander- und Gesellenjahren, das Erlangen eines Meistertitels, Strafen für Vergehen innerhalb der Zunft, Wettbewerbsvorschriften, soziale Sicherung, Vorschriften zur Moral u. a.

Es galt der Zunftzwang: Wer ein bestimmtes Handwerk ausüben wollte, musste der zuständigen Zunft beitreten. Waren die Zunftordnungen häufig auch von Ort zu Ort, von Beruf zu Beruf verschieden, so galt doch allgemein: Bevor Gesellen den Meistertitel erlangen konnten, mussten sie in vielen Zünften, vor allem bei den Bauhandwerkern, drei Jahre und einen Tag auf Wanderschaft gehen und in verschiedenen Meisterbetrieben Station machen (vgl. Das Wandern ist des Müllers Lust). Es galt, die erworbenen handwerklichen Fähigkeiten anzuwenden, zu verbessern und eventuell neue, in anderen Regionen gebräuchliche Techniken zu erlernen. Die Wanderburschen hatten ihre Gesellenprüfungen bereits bestanden; bei den Meistern waren sie willkommen, weil sie selbständig arbeiten konnten und einen geringeren Lohn als ein Meister bekamen (vgl. Zupfgeigenhansel: Es wollt ein Bauer früh aufstehn. 222 Volkslieder. Dortmund 1978, S. 132 f.).

Nachdem 1810 in Preußen der Zunftzwang durch die Einführung der Gewerbefreiheit aufgehoben wurde, folgte die Aufhebung auch in anderen deutschen Staaten. In denjenigen Staaten, die bis 1869 noch keine Gewerbefreiheit eingeführt hatten, wurde durch die Gewerbeordnung des Norddeutschen Bundes der Zunftzwang aufgehoben. Zünfte bestanden noch weiterhin; die Gesellen durften wandern, mussten es aber nicht.

Eine Interpretation

Mit den Worten »es ist ein harter Schluss, dass ich aus Frankfurt (in anderen Versionen (Stuttgart, Berlin, Hamburg, Breslau u .ä.) muss« nimmt ein Handwerksbursche, dessen Handwerk ungenannt bleibt, Abschied, um zur nächsten Arbeitsstätte weiterzuwandern: »Er will sein Glück probieren, marschieren«.

Glück kann er brauchen, denn bei dieser Station hat er fast nur Unangenehmes erlebt. Die Arbeit hat ihm nicht gefallen (3. Strophe); wahrscheinlich hat der Meister seinen Leuten die angenehme Arbeiten zugewiesen, ihm aber, dem Durchreisenden, die übelsten ungeliebten Arbeiten aufgebürdet. Auch das Essen, beispielhaft wird hier das Eintopfgericht »Speck mit Bohnen« (und Kartoffeln) genannt, dass ihm die Wirtin vorgesetzt hat, hat ihm nicht geschmeckt (3. Strophe). Außerdem beschwert er sich darüber, dass ihn der Gastwirt, bei dem er nach Feierabend oder sonntags eingekehrt ist, über’s Ohr gehauen hat, indem der seine Zeche »doppelt gekreidet« (doppelt angeschrieben) hat (4. Strophe). Erstaunt hören wir, dass der Wandergeselle trotz aller Widrigkeiten, Meister, Meisterin und Gastwirt ein Lebewohl wünscht. Es ist anzunehmen, dass er die Wünsche nicht ernst, sondern eher ironisch meint. Schließlich ist er froh, von dieser Arbeitsstätte wegzukommen.

Aber es gab nicht nur Unangenehmes: Gern erinnert sich der Handwerksbursche an die Mädchen, »die Jungfern«, die er kennengelernt hat und wünscht ihnen, dass sie bald einen Nachfolger finden (5. Strophe). Das »Lebet wohl« ist hier wie bei seinen »Brüdern«, den Arbeitskollegen und anderen Wanderburschen, wohl ehrlich gemeint. Seine Brüder bittet er zusätzlich um Verzeihung, falls er ihnen »was zuleid getan« hat, sie beschimpft, beleidigt oder ihnen wehgetan hat (6. Strophe).

Obwohl der Wandergeselle nicht weiß, wohin ihn sein Weg führt: »Gott weiß wohin«, was ihn unterwegs auf seiner Wanderschaft oder in der nächsten Arbeitsstätte erwartet, nimmt er gern Abschied. Sich Mut machend und auf bessere Arbeitsbedingungen und angenehmere Bleibe hoffend, singt er nach jeder Strophe »Ich will mein Glück probieren, marschieren«.

Georg Nagel, 20. März 2016