Ein Heller und ein Batzen

Albert Graf Schlippenbach (1830)

Volksweise (frühes 19. Jh.)

Musiknoten zum Lied Ein Heller und ein Batzen

Liedtext

Ein Heller und ein Batzen, die waren beide mein.
Der Heller ward zu Wasser, der Batzen ward zu Wein.
Ja, der Heller ward zu Wasser, der Batzen ward zu Wein.
Heidi, Heido, Heidi heido, ha, ha,
heidi, heido, ha, ha
heidi, heido, hei, ha, ha, ha, ha, ha.

Die Wirtsleut und die Mädel, die rufen beid: Oh weh!
Die Wirtsleut, wenn ich komme, die Mädel, wenn ich geh.
Heidi, Heido...

Meine Strümpfe sind zerrissen, meine Stiefel sind entzwei
und draußen auf der Heiden, da singt der Vogel frei.
Heidi, Heido...

Und gäb's kein Landstraß nirgend, da säß ich still zu Haus,
und gäb's kein Loch im Fasse, da tränk ich gar nicht draus.
Heidi, Heido...

War das 'ne große Freude, als ihn der Herrgott schuf,
ein Kerl, wie Samt und Seide, nur schade, daß er suff.
Heidi, Heido...

Karaoke

Als Albert von Schlippenbach (1800 – 1880), der spätere Gutsbesitzer und anerkannte Dichter, 1830 als Student in Berlin den Text dichtete, gab es noch den Heller als Münze. Urkundlich erstmals 1189 erwähnt wurde der Heller als Reichsmünze in Schwäbisch Hall geprägt, daher Häller oder Heller. Als kleinste Silbermünze war der Heller einen Pfennig wert, später ohne Silbergehalt nur noch einen halben Pfennig. 32 Heller (= vier Kreuzer) ergaben einen Batzen. Der Begriff Batzen soll aus dem Berner Wappentier "Bätz" (Bär) abgeleitet sein; in Bern wurden Batzen als Silbermünze mit dem Bild eines Bären zum ersten Mal 1492 geprägt. Der - außer in der Schweiz - in Süddeutschland weitverbreitete Batzen wurde in Deutschland mit der Reichsmünzordnung im Jahr 1559 verboten. Woher Schlippenbach den Batzen kannte, ist nicht bekannt.

Gekannt haben sich wahrscheinlich Textdichter und Komponist, die zur selben Zeit in Berlin studierten. Der damalige Student der Kunstgeschichte und spätere renommierte Kunsthistoriker Franz Theodor Kugler (1808 – 1858) versah den Text Schlippenbachs mit einer Melodie. Erstmals veröffentlicht wurde das Lied in Franz Kuglers Skizzenbuch 1830 (Zweiter Theil).

Während in Kuglers Skizzenbuch das Lied mit Wanderlied überschrieben ist, wird es meistens als Trinklied gesungen oder gar als "ziemlich rüdes Sauflied" bezeichnet (Wolfgang Lindner, Jugendbewegung als Äußerung lebensideologischer Mentalität, S. 248). Aus Sicht des Betrachters ist beides sicherlich nicht falsch. Im flotten 4/4-Takt notiert, eignet es sich gut zum Wandern und zum Marschieren, worauf auch die zahlreichen Liederbücher von Wandervögeln, Wandervereinen und Soldaten hindeuten. Beim Wandern oder Marschieren wird das Lied häufig mit

Heidi, heido, heida,
heidi heido, heida,
heidi, heido, heida
heidi, heido, heida,
ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha.

ergänzt, das dann aus voller Kehle geschmettert wird. Als Trinklied war es von Beginn an besonders bei Studenten populär, und es wird noch heute gern in studentischen Verbindungen gesungen.

Der wandernde Trunkenbold

Wer lediglich mit nur einem Heller und einem Batzen in ein Wirtshaus kam, war bei den Wirtsleuten nicht gerade ein gern gesehener Gast. Da saß so einer den ganzen Abend rum, hielt sich an einem Glas, wenn es hoch kam, an zwei Gläsern Wein fest, verzehrte nichts und bestellte sich dann womöglich noch ein Glas Wasser für einen Heller.

Da wundert es nicht, dass "die Wirtsleut … Oh weh!" ausrufen, wenn wieder einer dieser (vermutlichen) Tippelbrüder mit "zerrissenen Strümpfen und (kaputten) Stiefeln" zur Tür hereinkommt. Es könnte ja sein, dass er andere Gäste vergrault, und viel zu verdienen ist an ihm auch nicht. Angesichts des abgerissenen Eindrucks, den das Sprecher-Ich macht, ist es schon erstaunlich, dass die "Mädel" beim Abschied ein "Oh weh!" rufen. Aber vielleicht hat der (junge) Mann mit ihnen herumscharwenzelt, sie mit Charme und Witz beeindruckt und noch andere Qualitäten gezeigt.

Aber vielleicht ist er nur ein armer Wandergeselle (s. Das Wandern ist des Müllers Lust oder Es, es, es, es ist ein harter Schluss), der gegen Kost und Logis und für wenige Batzen gearbeitet hat und nun weiterzieht. Doch "da draußen auf der Heiden", da fühlt er sich frei, wie "der Vogel, (der da) singt".

Und beim Wandern sinniert er, was er sonst so machen würde, wenn es keine Landstraße gäbe, sprich: wenn er seiner Wanderlust nicht frönen könnte. Dann, so meint er, “säße er still zu Haus“. Das dürfte übertrieben sein, zum einen, da er tagsüber arbeiten würde, zum anderen würde er sicherlich abends ins Wirtshaus gehen. So dass anzunehmen ist, dass diese Beschreibung nur aussagen soll, wie sehr er es liebt, immer wieder mal - nach der Station bei einem Meister - unterwegs zu sein. Und sein Nachdenken geht weiter: er kommt zu der banalen Erkenntnis, dass er den Wein nicht trinken könnte, "gäb’s kein Loch im Fasse".

Soweit das Trinklied. Die fünfte Strophe erscheint wie ein Bruch, plötzlich spricht eine dritte Person über den bisherigen Sänger. Tatsächlich war diese Strophe in Franz Theodor Kuglers Skizzenbuch von 1830 nicht enthalten; wann sie hinzugefügt wurde und von wem sie stammt, ist nicht bekannt. Hier wird in der Vergangenheitsform zunächst erzählt, wie sehr sich (die Eltern, die ganze Verwandtschaft?) über die Geburt gefreut haben. Dann wird der Mann gelobt: "ein Kerl wie Samt und Seide", also als jemand, der seinen Mann zu stehen weiß, aber auch einen weichen Kern aufweist. Schließlich bedauert man, "dass er suff". Nun wird spätestens klar, der junge Mann ist tot. Der fünfte Vers könnte eine Art Grabrede sein zum Thema "Die Liebe und der Suff, die reib’n den Stärksten uff", wie es etwas derb der Volksmund sagt.

Georg Nagel, 17. Juni 2016