Die Gedanken sind frei

Volkslied (18. Jh.)

Volksweise (um 1815)

Musiknoten zum Lied Die Gedanken sind frei

Liedtext

Die Gedanken sind frei,
wer kann sie erraten,
sie fliehen vorbei,
wie nächtliche Schatten.
Kein Mensch kann sie wissen,
kein Jäger erschießen.
Es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei.

Ich denke, was ich will,
und was mich beglücket,
doch alles in der Still,
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

Ich liebe den Wein,
mein Mädchen vor allen,
sie tut mir allein
am besten gefallen.
Ich bin nicht alleine
bei meinem Glas Weine,
mein Mädchen dabei:
die Gedanken sind frei.

Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke;
denn meine Gedanken
zerreißen die Schranken
und Mauern entzwei:
die Gedanken sind frei.

Drum will ich auf immer
den Sorgen entsagen
und will mich auch nimmer
mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
stets lachen und scherzen
und denken dabei:
die Gedanken sind frei.

Karaoke

Bereits Jahrhunderte vor der Entstehung des uns heute bekannten Liedes war man der Auffassung, dass Gedanken nicht zu erraten sind. So dichtete bereits um 1200 der Minnesänger Walther von der Vogelweide:

Das Band kann niemand finden,
das meine Gedanken bindet.
Man fängt Weib und Mann,
Gedanken niemand fangen kann.

Und auch Martin Luther meinte rund 300 Jahre später in seiner Schrift Von weltlicher Oberigkeit, wie man ihr Gehorsam schuldig sei: Gedanken sind zollfrei!

Seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts tauchten in der Schweiz und im südlichen Deutschland Flugblätter auf mit dem Lied Beleget den Fuß mit Banden und Ketten. Vergleicht man die erste Strophe mit dem heute bekannten Lied, so kann man nachvollziehen, dass Volksliedforscher dieses Lied als Vorläufer ansehen:

Beleget den Fuß
mit Banden und Ketten,
dass von Verdruss
er sich nicht kann retten.
So wirken die Sinnen,
die dennoch durchdringen,
es bleibet dabei:
Die Gedanken sind frei.

Verfasser und Komponist dieses Liedes sind ebenso wenig bekannt wie die des heutigen Liedes Die Gedanken sind frei. In schriftlicher Form wurde der Text auf Flugblättern etwa um 1780/90 verbreitet; um 1800 kam eine aus Bern stammende Melodie hinzu.

Die Botschaft des Liedes wurde überall verstanden. Als 1819 die Regierenden auf der Konferenz der Staaten des Deutschen Bundes Maßnahmen zur Überwachung und Bekämpfung liberaler Tendenzen beschlossen hatten (sog. Karlsbader Beschlüsse), wurde es zum Lied der freiheitlichen Bewegungen. Auf dem Hambacher Fest, einem Treffen für ein einheitliches Deutschland und gegen Repression und Zensur, wurde es 1832 von deutschen Burschenschaftlern gegen die Karlsbader Beschlüsse und die sich anschließende "Demagogenverfolgung" gesungen. Danach wurde das Lied in ganz Deutschland populärer als zuvor.

Hervorzuheben ist noch, dass Sophie Scholl 1942 vor den Ulmer Gefängnismauern ihrem einsitzenden Vater auf der Blockflöte das Lied vorspielte. 2015 wurde das Lied nacheinander in 11 Städten von 300 elsässischen Künstlern als Reaktion auf den Überfall auf Charlie Hebdo und die Ermordung von Redakteuren gesungen.

Interpretation

Es ist tröstlich, dass man trotz modernster Technik auch heutzutage die Gedanken nicht erraten kann. Selbst moderne US-amerikanische Lügendetektoren können bestenfalls an neurologisch bedingten Ausschlägen auf einer Skala Tendenzen erkennen, ob ein Kandidat auf ihm gestellte Fragen richtig oder falsch antwortet. Andererseits ist bekannt geworden, dass der Lügendetektor von Menschen, die sich einen gewissen Gleichmut antrainiert haben, durchaus zu überlisten ist. Hinzu kommt, wie es im Lied heißt, Gedanken so schnell "vorbeifliegen" (vgl. das Adjektiv gedankenschnell), dass sie nicht einmal von einem Jäger zu "erschießen" sind. So ist die Frage "wer kann sie erraten" nur rhetorisch, und der Refrain betont in jeder Strophe zu Recht: "Die Gedanken sind frei".

Der Sänger ist sich darüber im Klaren, dass er alles denken kann, was er will, sofern er seine Gedanken nicht laut in der Öffentlichkeit ausspricht. Kritische Äußerungen, wie z.B. antiklerikale oder die Obrigkeit in Frage stellende Bemerkungen, konnten mit Kirchenbann oder mit Gefängnis geahndet werden. Im Nazireich wurde man für das Erzählen bestimmter Witze oder dem Singen verpönter Lieder ins Gefängnis oder ins Zuchthaus geworfen. Autoritäre oder diktatorische Staaten haben neue Straftatbestände geschaffen wie Beleidigung des Staates oder des Staatsoberhauptes. Hier macht sich der Sänger Mut und meint, dass seine Wünsche und sein (nicht laut geäußertes) Streben z.B. nach Meinungsfreiheit niemand verwehren kann. Und falls er doch einmal eingekerkert werden sollte, tröstet er sich mit den Worten, dass das rein vergebliche Werke seien, da seine Gedanken die Schranken zerreißen. Seine politischen Forderungen, so hofft er zuversichtlich, werden von vielen Menschen geteilt und sich letztlich durchsetzen. So wie auch einst die Karlsbader Beschlüsse von der Frankfurter Nationalversammlung 1848 aufgehoben wurden.

Die früher vierte und heutige fünfte Strophe scheint wie ein Bruch mit den trotzigen ersten Strophen zu sein. Man könnte meinen, der Sänger habe resigniert. Er macht sich keine Illusionen über den Erfolg des Umsetzens seiner (freiheitlichen) Gedanken. Er will sich halt nicht mehr mit derartigen Grillen plagen und entsagt drum auf immer den Sorgen um die politischen Zustände. Im Herzen kann er ja "stets lachen und scherzen“ und nach wie vor davon überzeugt sein, dass (wenigstens) die Gedanken frei sind.

Die später hinzugefügte fünfte (hier: dritte) Strophe ist wahrscheinlich der Vorsicht geschuldet, das Lied von der Zensur nicht verbieten zu lassen. Der Liedforscher Wolfgang Steinitz weist darauf hin, dass auf Flugschriften die fünfte Strophe als Anfangsstrophe deshalb auftauchte, weil die Druckereibesitzer das Lied auf diese Weise zensurfähig machen wollten (Der Große Steinitz II, S. 165). Auf diese Weise sollte bei dem Zensor der Eindruck erweckt werden, es handele sich um ein Trink- und Liebeslied. Diese Auffassung hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit, da zu bestimmten Zeiten, die Zensoren auf Grund der Masse der Flugblätter und Schriften kaum ihren Aufgaben nachkommen konnten. Die differenzierte Aussage, dass der Sänger sein Mädchen "vor allen" - gemeint ist: vor allen anderen Mädchen - liebt und nicht "vor allem" anderen, wird so schnell kein Zensor mitbekommen haben. Ebenso wenig dürfte er die Aussage, "ich bin nicht alleine" verstanden haben, die auf die Gewissheit des Sängers zurückzuführen ist, dass viele Menschen seine politischen Forderungen teilen würden.

Rezeption

Noch in den Zeiten des Vormärz, also vor der Revolution 1848/49, wurde das Lied in dem von Hoffmann von Fallersleben herausgegebenen Buch Schlesische Volkslieder veröffentlicht, und zwar mit allen fünf Strophen. Es folgten derart viele Liederbücher, dass man zu Recht sagen kann, Die Gedanken sind frei war in allen Bevölkerungskreisen bekannt, und von freiheitlich Gesinnten wurde es auch gesungen. Bis Ende des 19. Jahrhunderts erreichten die Liederbücher mit dem Lied in Deutschland insgesamt mehrere 100.000 Auflagen. Populär war das Lied auch in Österreich und in der Schweiz, wo Das Rütli - Ein Liederbuch für Männergesang 1888 in der 33. Auflage mit dem Lied erscheinen konnte.

In Deutschland wurde das Lied Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Jugendbewegung stark verbreitet. Hier soll nur Der Zupfgeigenhansel von 1908 erwähnt werden, von dem 1928 das 800.000. Exemplar gedruckt wurde. Bis 1933 nahmen das Lied auch konfessionelle, gewerkschaftliche, studentische und sogar völkische Kreise in ihre Liederbücher auf; ebenso fand es Aufnahme in zahlreichen Schulbüchern.

Die Nationalsozialisten hatten im Gegensatz zu den Zensoren der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Brisanz des Textes nicht erkannt und häufig - sogar ohne die den Wein und die Mädchen lobenden Strophen - in ihre Liederbücher aufgenommen. Und so konnte es, im Gegensatz zu manchen anderen Liedern (vgl. das Verbot der dritten Strophe von Wenn die bunten Fahnen wehen), unbehelligt nicht nur in den Liederbüchern der Hitlerjugend erscheinen, z. B in Blut und Ehre, Uns geht die Sonne nicht unter oder Die Fahne hoch, sondern auch in zahlreichen Schulbüchern. Auch im Reichs-Arbeitsdienst und in der Wehrmacht wurde das Lied gesungen.

In Westdeutschland, in der späteren BRD, kamen allein von 1946 bis 1955 mehr als 50 Liederbücher mit "den freien Gedanken" heraus, denen zahlreiche weitere folgten. Waren es anfangs nur wenige Schellackplatten, die das Lied enthielten, so nahm die Beliebtheit mit dem Aufkommen der Langspielplatten etwa ab 1975 stark zu. Wie gern das Lied bis heute angehört wird, zeigen die rund 200 LPs und CDs, die das Deutsche Musikarchiv Leipzig (DMA) in seinem Katalog aufführt. Vorwiegend sind es Männerchöre, die das Lied in ihr Repertoire aufgenommen haben, aber auch Interpreten wie Freddy Quinn und Milva, Hermann Prey und Günter Wewel, wie auch Liederjan und Hannes Wader, um nur die bekanntesten zu nennen. Betrachtet man die in online Liederbuch-Archiven und im Katalog des DMA aufgeführten rund 400 Liederbücher und über 260 Musiknoten, kann man davon ausgehen, dass Die Gedanken sind frei in allen Bevölkerungskreisen gesungen wird.

Im September 2011 wurde das Lied Die Gedanken sind frei von den Hörern, Zuschauern und Onlinenutzern des Mitteldeutsches Rundfunks (MDR) als das schönste deutsche Volkslied gewählt.

Georg Nagel, 23. Januar 2017