Der Winter ist vergangen

Volkslied (1537)

Der Text des Liedes zur Begrüßung des Frühlings geht zurück auf eine niederländische Handschrift aus dem Jahre 1537 und eine Melodie aus dem Lautenbuch des Joh. F. Thyius, das um 1600 erschien. Hoffman von Fallersleben hat das ursprünglich niederländische Lied Mitte des 19. Jahrhunderts nach Deutschland geholt, populär wurde es jedoch erst nach 1877 durch die Übersetzung des Volksliedforschers Hans Magnus Böhme.

Musiknoten zum Lied Der Winter ist vergangen

Liedtext

Der Winter ist vergangen,
ich seh des Maien Schein,
ich seh die Blümlein prangen,
des ist mein Herz erfreut.
So fern in jenem Tale,
da ist gar lustig sein,
da singt Frau Nachtigale
und manch Waldvögelein.

Ich geh den Mai zu hauen
hin durch das grüne Gras,
schenk meinem Buhl die Treue,
die mir die Liebste was.
Und ruf, daß sie mag kommen,
wohl an dem Fenster stahn,
empfangen den Mai mit Blumen.
Er ist gar wohlgetan.

Und als die Allerliebste
sein Reden hatt gehört
da stand sie Traurigliche
und sprach zu ihm ein Wort
"Ich hab den Mai empfangen
mit großer Würdigkeit!"
Er küßt sie an die Wangen
war das nicht Ehrbarkeit?

Er nahm sie sonder Trauern
in seine Arme blank,
der Wächter auf den Mauern
hob an sein Lied und sang:
Ist jemand noch darinnen,
der mag jetzt heimwärts gehen.
ich seh den Tag aufdringen
wohl durch die Wolken schön.

Ach, Wächter auf der Mauer,
wie quälst du mich so hart!
Ich lieg in schwerer Trauer,
mein Herz leidet Schmach.
Das macht die Allerliebste,
von der ich scheiden mus;
das klag ich Gott dem Herren,
dass ich sie lassen muss.

Ade, mein Allerliebste,
ade, ihr Blümlein fein.
Ade, schön Rosenblume,
es muß geschieden sein,
bis das ich wiederkomme,
sollst du die Liebste sein.
Das Herz in meinem Leibe
das ist ja allzeit dein.

Der Dichter drückt seine Freude darüber aus, dass der Winter (endlich) vorbei ist und, wie es in anderen Liedern heißt, der Wonnemonat Mai sich nähert. Er sieht, wie die Natur grünt und blüht - »die Blümlein prangen« - und er hört die Vögel zwitschern »die Nachtigall singen und manch Waldvögelein«. Er bekommt »Frühlingsgefühle«, denkt an seine »Buhl« (seine Liebste) und »geht ihr einen Mai hauen«. Das ist ein alter Brauch, nachdem ein Mann der von ihm Umworbenen eine junge Birke vor ihr Fenster stellt oder Birkenzweige anbringt, was heute noch in ländlichen Gegenden gepflegt, wenn auch recht selten. Danach bittet er seine Liebste, dass sie sich am Fenster zeigen und bereit sein möge, ihn zu erhören, den »Mai mit Blumen zu empfangen«.

In der 3. Strophe gibt ihm die Allerliebste zu verstehen, dass sie ihm traut (» Traurigliche« im Sinne von trauen, vertrauen, auch vertraut sein) und es wertschätzen wird (»in Würdigkeit« – von würdig im Sinne von wert, etwas wert sein, etwas wertschätzen), »den Mai zu empfangen«. Daraufhin küsst sie der Mann auf den Mund »in aller Ehrbarkeit« (ein Küsschen in Ehren kann niemand verwehren). Aus der 4. Strophe jedoch geht hervor, dass es wohl nicht bei einem Kuss geblieben ist. Vertrauensvoll (»sonder trauen« – besonders vertraut) umarmt er sie, und beide hören beim Einbrechen der Nacht den Torwächter ausrufen, dass die Leute, die nicht in die Stadt gehören, heimwärts gehen sollen. Offensichtlich musste der Mann nicht die Stadt verlassen, denn am anderen Morgen hören beide den Torwächter singen: »Ich seh den Tag herdringen schon durch die Wolken klar«.

Das ist das Zeichen für den Mann. Er muss von seiner Allerliebsten Abschied nehmen. Warum er Abschied nehmen muss, erfahren wir nicht; vielleicht ist er ein Handwerksbursche, der um Meister zu werden, seine Wanderjahre ableisten muss (vgl. Es, es, es und es). Wäre es nur bis zum nächsten Abend oder nur für kurze Zeit, würde es ihm nicht ein derartiges Herzeleid bereiten und er müsste nicht » in schweren Trauern« liegen. Noch einmal versichert er seiner »Allerliebsten« seine Liebe und Treue, das »Herz in meinem Leibe gehört ja allzeit dein« und hofft, dass auch sie ihm treu bleibt. Er tröstet seine »Rosenblume« und sich damit, dass er ja »wieder kommen« wird.

Die niederländischen Wurzeln

Nach einer holländischen Quelle ist Der wynter ys verganngen, ons compt des meyen tyet auf einer Flugschrift aus dem 15. Jahrhundert gefunden worden (Nederlandse Liederenbank unter De winter is vergangen). In Het Zutphens Liedboek (bekannt als Weimarer Liederhandschrift, 1537 – 1543 der Weimarer Landesbibliothek) erschien es erstmalig in Druck.

Bereits im 16. Jahrhundert erfreute sich das Lied in den Niederlanden großer Popularität, worauf auch sieben weitere Liederbücher hindeuten (vgl. Liederenbank). Dem Dichter und Germanistik-Professor August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 - 1874) ist es zu verdanken, dass De winter is verganghen 1856 nach Deutschland gekommen ist. Interessierten Kreisen wurde es aber erst bekannt, nachdem es 1877 der Volksliedforscher und -sammler Franz Magnus Böhme (1827 - 1898) übersetzt und in seine Sammlung Altdeutsches Liederbuch aufgenommen hatte. Maßgeblich zur wachsenden Popularität des Liedes hat die Aufnahme in das Liederbuch Deutscher Liederhort von Ludwig Erk und Franz Magnus Böhme, Leipzig 1893/94 beigetragen.

Unbekannt geblieben ist auch der Komponist der Melodie. Die holländische Liederenbank gibt das Jahr 1591 für die erste Notation an. Die »Winter-Melodie« ist fast identisch mit der des Liedes Het viel een hemelse douw voor mijns liefs vensterkijn (Es fiel ein himmlischer Tau auf meiner Liebsten Fenster) aus dem Antwerp Liederboek. Dessen zweiter Vers ist identisch mit dem ersten von Der Winter ist vergangen.

Die Meinung des Volksliedforschers Hans Rölleke, dass die niederländische Nationalhymne Wilhelmus van Nassouwe ben ik, van Duitsen bloed der heutigen Melodie von Der Winter ist vergangen ähnele (Vgl. Das große Buch der Volkslieder, S. 60) ist m.E. nicht nachzuvollziehen (vgl. die diversen Interpretationen von Wilhelmus von Nassauen auf Youtube).

Georg Nagel, 12. März 2016