Bolle reiste jüngst zu Pfingsten

Volkslied

Bolles Pfingstausflug ist eine Moritat (in einigen Liederbüchern auch Scherzlied genannt), die so populär wurde, dass man sie als Volkslied bezeichnen kann. Das Geschehen spielt im Norden Berlins, genauer im Ort Pankow, der 1920 eingemeindet wurde.

Musiknoten zum Lied Bolle reiste jüngst zu Pfingsten

Liedtext

Bolle reiste jüngst zu Pfingsten,
nach Pankow war sein Ziel.
Da verlor er seinen Jüngsten
janz plötzlich im Jewühl.
'ne volle halbe Stunde
hat er nach ihm jespürt.
Aber dennoch hat sich Bolle
janz köstlich amüsiert.

In Pankow gabs kein Essen,
in Pankow gabs kein Bier,
war alles aufjefressen
von fremden Gästen hier.
Nich mal ne Butterstulle
hat man ihm reserviert!
Aber dennoch hat sich Bolle
janz köstlich amüsiert.

Auf der Schönholzer Heide,
da gabs ne Keilerei,
und Bolle, gar nicht feige,
war feste mang dabei,
hat's Messer rausgezogen,
und fünfe massakriert,
aber dennoch hat sich Bolle
janz köstlich amüsiert.

Schon fing es an zu tagen,
als er sein Heim erblickt.
Das Hemd war ohne Kragen,
das Nasenbein zerknickt,
das rechte Auge fehlte,
das linke marmoriert,
aber dennoch hat sich Bolle
janz köstlich amüsiert.

Als er nach Haus gekommen,
da gings ihm aber schlecht;
da hat ihn seine Olle
janz mörderlich verdrescht!
Ne volle halbe Stunde
hat sie auf ihm poliert,
aber dennoch hat sich Bolle
janz köstlich amüsiert.

Bolle wollte sterben,
er hat sich's überlegt.
Er hat sich auf die Schienen
der Kleinbahn hingelegt.
Die Kleinbahn hatt' Verspätung,
und vierzehn Tage drauf,
da fand man unsern Bolle
als Dörrgemüse auf!

Der Verfasser des Liedes, das um 1900 erstanden sein soll, ist unbekannt geblieben. Dem Dialekt der ersten vier Strophen nach und einiger Ausdrücke wegen (Butterstulle, Olle), könnte es in Berlin entstanden sein. Die sechste Strophe hat der Volksmund später hinzugefügt. Die Melodie ist einem nicht näher bekannten Volkslied entnommen worden.

Erstmals im Druck erschienen ist Bolle reiste jüngst zu Pfingsten erst 1934 in im Liederbuch Der Kilometerstein; bis dahin hatte sich die Moritat mündlich über ganz Deutschland verbreitet.

Wie viele Berliner - um beim wahrscheinlichen Ursprungsort zu bleiben - macht ein Vater mit seinem Sohn einen Pfingstausflug nach Pankow. Außer den Namen des Vaters erfahren wir nichts Näheres, nicht einmal seinen Beruf. Auch den Vornamen seines Sohnes lernen wir nicht kennen. Immerhin können wir dem Text entnehmen, dass Bolle mehrere Söhne hat, denn hier handelt es sich um seinen Jüngsten. Warum seine Frau oder seine anderen Söhne (und Töchter?) am Pfingstausflug nicht teilnehmen, bleibt offen.

Das Festgelände Schönholzer Heide außerhalb Berlins - Pankow war damals noch nicht eingemeindet - war schon zu der Zeit ein beliebtes Ausflugsziel, das gerade an Feiertagen bei gutem Wetter viele Tausend Menschen anzog. So ist es kein Wunder, dass Bolle »seinen Jüngsten im Jewühl verloren« hat. Nun könnte man dem Vater vorwerfen, dass er nicht genug aufgepasst habe, seinen Sohn nicht dauernd bei der Hand gehalten hat, aber was so ein kesser Berliner Junge ist, der schaut mal hier, kiekt mal da und schon ist er verschwunden. Bolle hält nach ihm Ausschau, sucht ihn verzweifelt, »‘ne volle halbe Stunde«. Aber dann holt ihn das fröhliche Treiben auf dem Platz ein, schließlich ist er ja gekommen, um sich zu amüsieren.

Als Bolle langsam Hunger bekommt, muss er feststellen, dass andere schneller waren: »allet war uffjefressen«. Und er bedauert, ein bisschen unrealistisch, dass man ihm »nicht mal ‘ne Butterstulle reserviert« hat. Dass es »keen Bier« gibt, ist unwahrscheinlich, erfahrungsgemäß geht zu besonderen Ereignissen auf einem Festgelände das Bier nicht aus. Wahrscheinlich hat Bolle die Bierstände übersehen; es spricht für ihn, dass er seine Gedanken darauf verwendet, wo wohl sein Sohn stecken könnte.

Alleweil fröhlich

Andererseits so leicht lässt sich Bolle seine Stimmung nicht verderben; er bummelt weiter im Gewühl und amüsiert sich »janz köstlich«.

Was Bolle dazu veranlasst hat, bei einer Massenschlägerei mitzumischen, wissen wir nicht. Vielleicht war es der Frust, kein Bier und nichts zu essen zu bekommen. Vielleicht aber war es auch die Freude, etwas Handfestes zu tun. Auf jeden Fall war er »mittenmang dabei« und hat sogar mit seinem Messer »fünfe massakriert« (Duden: niedermetzeln), also so verletzt, dass sie kampfunfähig zu Boden gingen.

Und obwohl auch er einiges einstecken musste, heißt es im Text, dass er sich erneut köstlich amüsiert hat. Angesichts seines ausgeschlagenen rechten Auges und seines Nasenbeinbruchs wird hier endgültig klar, dass Manches überspitzt dargestellt wird. Es ist schwer vorstellbar, dass es ihm mit diesen Blessuren noch weiterhin gut ging, ebenso wenig, dass er der sicherlich anwesenden Polizei ohne weiteres entkommen konnte. Es ist also anzunehmen, dass die textlichen Übertreibungen nur den Zweck haben, Bolle als Prototyp des Berliners darzustellen, der sich, was auch immer geschieht, nicht unterkriegen lässt.

So ist auch die fünfte Strophe anzusehen, in der Bolle in der Morgendämmerung nach Hause gekommen ist. Sein Jüngster ist wahrscheinlich schon längst mit dem Pferdebus nach Hause gefahren. Bolle dagegen musste wohl zu Fuß laufen, da vermutlich spät nachts kein Vorstadtautobus mehr fuhr. Und dann wird er - spätestens hier tut er uns leid -, lädiert wie er ist, auch noch von seiner Frau »janz mörderlich verdrescht«. Doch, wie es im Text heißt, hat Bolle sich trotz aller Widrigkeiten »janz köstlich amüsiert«.

Da die letzte Strophe sich nicht an den erlebnisreichen Ausflug anschließt, ist anzunehmen, dass sie nachträglich hinzugefügt wurde. Die hochdeutsche Sprache deutet auf die Entstehung in einem anderen Teil Deutschlands hin. Viele der online zugänglichen Liederbücher weisen nur die ersten vier Strophen auf. Während die Herausgeber gegen die brutale Schlägerei unter Männern wohl keine Bedenken hatten, war ihnen die Vorstellung, dass eine Frau ihren Mann verdrischt wahrscheinlich zu abwegig.

Im Sinne des Berliners Bolle, der sich, was immer auch passieren mag, nicht kleinkriegen lässt, hat auf dem bedeutenden jährlich stattfindenden Rockfestival in Wacken 1997 die erfolgreiche Rockband J.B.O. den Festivalteilnehmer folgenden Rat auf den Weg gegeben:

Das Schicksal versucht jeden Tag, dich wieder reinzulegen,
Doch ist das Leben viel zu kurz, sich drüber aufzuregen.
Nimm Bolle dir zum Vorbild, denn egal was ihm passiert,
Der Bolle hat sich trotzdem ganz köstlich amüsiert!

Georg Nagel, 11. April 2016