Jahreszeiten

Weihnachtslieder

Das Christkind

Die Verse von Anna Ritter

Denkt euch - ich habe das Christkind geseh'n!
Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee,
Mit gefrorenem Näschen,
Die kleinen Hände taten ihm weh;
Denn es trug einen Sack, der war gar schwer,
Schleppte und polterte hinter ihm her -
Was drin war, möchtet ihr wissen?
Ihr Naseweise, ihr Schelmenpack -
Meint ihr, er wäre offen, der Sack?
Zugebunden bis oben hin!
Doch war gewiß was Schönes drin:
Es roch so nach Äpfeln und Nüssen!

kannte früher jedes Kind. Mein Vater, der inzwischen betagte 87 Jahre alt ist, kennt noch heute jedes Wort des Gedichts, das in seiner Jugend Kinder vor dem Weihnachtsbaum aufsagen mussten - bevor es Geschenke gab.

Heutzutage müssen Kinder die Verse nicht mehr kennen - das Christkind kommt trotzdem. Die Tradition des Gedichtaufsagens vor dem Weihnachtsbaum beginnt langsam in Vergessenheit zu geraten. Geblieben ist jedoch der Name des Christkinds als einer Symbolfigur des weihnachtlichen Schenkens.

Früher erzählen Erwachsene ihren Kindern, das Christkind komme an Heiligabend heimlich in die Häuser um den Kindern Weihnachtsgeschenke unter den Weihnachtsbaum zu legen. Heutzutage lernen unsere Kinder, dass das Christkind kein Mädchen mit blondem Haar, blauen Augen und Flügel ist, sondern die Geschenke von Mama und Papa unter den Weihnachtsbaum gelegt werden. Ja nicht selten suchen die Kinder sich ihre Geschenke gleich selbst aus.

Auch das war früher anders. Da schrieb man als Kind noch per Hand - Computer und Handy gab es da noch nicht - einen Wunschzettel an das Christkind. Eine oftmals lange Liste mit vielen Wünschen, die das Christkind an besten alle erfüllen sollte.

Bis heute gibt es ein Weihnachtspostamt an das Kinder währen der Adventszeit Briefe schicken können, die in der Regel auch beantwortet werden. Allerdings ist das Christkind in der heutigen Zeit auch per Email zu erreichen. An den Inhalten der Mitteilungen hat sich hingegen wenig geändert, denn das Christkind ist nun einmal dazu da, die Wünsche der Kinder zu erfüllen.

Christkinds Herkunft

Ursprünglich war mit dem Christkind das Jesuskind gemeint, lateinisch: Christus infans. Schließlich geht es beim Weihnachtsfest um die Geburt von Jesus Christus. Die Bibel erzählt von dem Kind das in Windel gewickelt in der Krippe liegt. Daraus entwickelte sich das Wort Christuskind oder kurz das Christkind, das eigentlich selbst das größte Weihnachtsgeschenk sein sollte. Doch weil in früheren Zeiten als Engel verkleidete Kinder bei Krippenspielen und Weihnachtsumzügen Geschenke verteilten, entwickelte sich daraus die Vorstellung, dass das Christkind Geschenke verteilt.

Doch auch Weihnachten als das Fest des Schenkens hat eine lange Tradition, die auf Martin Luther zurückgeht. Im Mittelalter wurden die Kinder am Nikolaustag, dem 6. Dezember, oder am Tag der unschuldigen Kinder (28. Dezember) beschenkt. Die Protestanten lehnten jedoch diese römisch-katholische Form der Heiligenverehrung ab und so soll Luther im 16. Jahrhundert den Heiligen Nikolaus durch den "Heiligen Christ" ersetzt und die Beschenkung auf den 25. Dezember verlegt haben. Daraus wurde das christkindliche Weihnachtsgeschenk, das bis heute in manchen Gegenden als "Christkindl" bezeichnet wird.

Doch die Figur des Christkinds verselbständigte sich zusehends und die Verbindung zu Jesus Christus wurde unklarer. Es blieb letztlich der Gedanke des Schenkens für den das Christkind bis heute als Symbolfigur herhalten muss.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts bekommen aber Christkind und Nikolaus zunehmend mehr Konkurrenz durch den Weihnachtsmann, der als solcher eigentlich aus der amerikanischen Kultur stammt und mit Religion wenig im Sinne hat. Er ist vielmehr die wertneutrale Variante der modernen Konsumgesellschaft, die vorwiegend über die amerikanisch geprägte Filmlandschaft Eingang in unseren Sprachgebrauch fand. Wie das Christkind ist auch der Weihnachtsmann für das Beschenken zuständig. Die christliche Symbolik, die eigentlich dem gesamten Weihnachtsfest zugrundeliegt, ist dem Weihnachtsmann jedoch fremd. Deshalb bleibt zu hoffen, dass uns noch recht lange Anna Ritters Zeilen erhalten bleiben:

Denkt euch - ich habe das Christkind geseh'n!