Jahreszeiten

Weihnachtslieder

Adventskränze gestern und heute

Von Christa Schyboll

Auch Traditionen gehen mit der Mode. Und was modern ist, bestimmen zwei Faktoren: Einmal der Individualist für sich selbst, der sich kraftvoll über jede Modeerscheinung erhebt und macht was er will. Und zweitens die Adventsartikel-Industrie, zu der auch die Floristen und Gärtnereien mit ihrem teils kunstvollen Ambiente mit hinzu zählen und die die Herzen und Geldbeutel Millionen von Kunden weltweit erreichen.

Traditionell feierten die meisten Familien den Advent mit einem Kranz aus Tannenzweigen und vier – meist roten – Kerzen darauf. Vielleicht ist es auch heute noch die häufigste Form. Bekannt ist, dass der erste Adventskranz von Johann Hinrich Wichern aufgestellt wurde. Man schrieb das Jahr 1839 und er wurde in einer Betreuungsanstalt für Waisenkinder aufgestellt. Doch dieser Kranz sah noch ganz anders aus. Es war ein Holzreif, auf dem 23 Kerzen angebracht waren. Die vier großen weißen Kerzen symbolisierten die Sonntage. Und die 19 kleinen roten Kerzen standen für die Werktage bis zu Weihnachten. Und bis zum Heiligen Abend waren dann alle Kerzen angezündet. Erst im Jahre 1860 kam das erste Tannengrün dazu. Soweit die bekannte Version des traditionellen Adventskranzes, die also noch nicht so besonders alt ist.

Doch die Adventskränze sind seitdem einem starken optischen Wandel unterworfen. Mittlerweile ist ihre Vielfalt so enorm groß, dass sich eine Aufzählung verbietet. Alle Formen und Farben. Alle denkbaren und fast undenkbaren Materialien werden verwendet: von Plastik bis Moos, von Knete bis Gold, von Baumrinde bis Tuch. Diverse Beleuchtungsmittel, die nicht nur Kerzen sein müssen, sind ebenfalls bekannt. Die Phantasie, die hier aufgebracht wurde, ist schon atemberaubend. Wundervolle Kunstwerke, wie auch krasser Kitsch sind zu bestaunen oder zu belächeln… und dennoch hat das Tannengrün in seiner natürlichen Form nichts von seinem Reiz verloren.

Gestern sah ich einen "Adventskranz" in einem der sozialen Medien, der mich kurz lächeln ließ. Es war die ausgefranzte Brotrinde eines offenbar aufgegessenen Butterbrotes. Nicht so ganz rund, aber noch als "Kranz" erkennbar. Darin steckten vier Kerzen. Auch das ist möglich. Und Brot als Symbol ist vielleicht nicht einmal unpassend für die Zeit der Ankunft.