Volksweise

Volksmelodie als Ausdruck des Volksgemüts

Das Volkslied verdankt seinen glänzenden Erfolg vor allem der geschlossenen knappen Form, die darauf gründet, dass sich das Volk ohne alle Reflexion seinem Gefühlsdrang überlässt. Die ursprüngliche Kraft seiner Empfindung beherrscht die Darstellung so vollständig, dass sie unbewusst genau den einzelnen Strömungen des Gemüts folgt, und überall da sich hebt oder senkt, wo die Wellen und Wogen des Gemüts sich heben oder senken. Jeder einzelne Ton des Volksliedes ist unmittelbares Ergebnis innerer Bewegung, und der gesamte Gang der Melodie bezeichnet ganz genau den Verlauf der Stimmung, der es seine Entstehung verdankt. Und das ist's, was der Melodie des Volksliedes die ungeheure Bedeutung gibt, gegenüber der des Minne- und Meistersanges, und was sie zugleich so viel bedeutsamer gegenüber jenem ersten Diskant des zehnten und elften Jahrhunderts, mit dem es ja einige Verwandtschaft des Ursprungs hat, erscheinen lässt.

Die Begeisterung, aus welcher das Minnelied hervorgeht, ist noch viel zu künstlich erzeugt und zu objektlos und verschwommen, als um zu zwingendem Ausdruck in der Melodie zu gelangen. Dem Meistersang wiederum war Begeisterung von Haus aus fremd, ebenso wie dem kirchlichen Kunstgesang und jenem improvisierten Diskant.

Das Volkslied dagegen treibt hervor aus dem, am lebendigen, konkreten Inhalt des Lebens genährten Innern des Volksgeistes. Das Volk singt nur, wenn sein Herz voll ist, sei es von Freude oder Leid, von Hoffen, Sehnen oder Bangen, und singt von nichts anderem, als von dem, was sein Herz bewegt. Dann aber muss es auch singen, und diese zwingende Notwendigkeit prägt sich dem Volksliede auf als Energie des Ausdrucks.

Dies zeigt sich zunächst in einer prägnanten Unterstützung des Reims und der Strophenbildung.

Der Reim entspringt aus dem künstlerischen Triebe nach Begrenzung, er schließt die rhythmische Verszeile ab und setzt sie zugleich mit einer oder mehreren anderen in symmetrische Wechselbeziehung, die beim Volksliede um so entschiedener wird, als hier in der Regel gleichartige Verse und zwar ununterbrochen gereimt werden, und als mit dem Verse auch meist der Gedanke abschließt.

Diese symmetrische Anordnung wird durch die Volksmelodie eigentlich erst vollendet. Sie drängt mit der größten Entschiedenheit nach den Reimschlüssen und macht dadurch erst die Reimzeile zu einem Glied, und so wie es dem ganzen Gefüge der Melodie der Minne- und Meisterlieder wenig Eintrag tun würde, wenn man sie über ihre, durch den Schluss der Zeile und den Reim bedingten Ruhepunkte hinaus verlängerte, oder sie früher abbräche oder nach anderer Richtung führte, so gewaltsam würde ein solches Verfahren am Volksliede sein, und es würde die Melodie in ihrem innersten Organismus vernichten. Hierin zumeist liegt der Grund der blitzschnellen Verbreitung derselben: deshalb setzen sie sich so plötzlich in den Ohren und Herzen des ganzen Volkes fest. Zwar werden, je nach der Eigentümlichkeit verschiedener Regionen oder nach dem Bedürfnis einzelner Sänger, Varianten nötig, aber diese erfolgen dann unter denselben Voraussetzungen und treffen nie das ganze Gefüge, so dass sie immer nur als Varianten gelten können.