Volksweise

Qualität im Volkslied

Obwohl Musik in erster Linie Geschmacksache ist, gab es schon immer Versuche und Kriterien, die musikalische Qualität eines Liedes zu bestimmen. Dazu werden einige Hauptkriterien herangezogen die teilweise selbst wiederum so pathetisch wie vage sind.

Da wäre zunächst die Wahrheit, welche darin besteht, dass Melodie, Harmonie, Rhythmus und Begleitung dem Gesamtinhalte und Hauptcharakter des Textes entsprechen. Das Streben nach Wahrheit darf sich sogar bis zu einer gewissen Tonmalerei steigern, wenn dadurch ein wesentliches Moment des Gedichtes dem Verständnis näher gebracht wird. Namentlich erlauben oft Raum und Zeit, in denen eine poetische Situation vor sich geht, eine charakteristische musikalische Zeichnung. So bedingen beispielsweise mittelalterliche Texte ihre besondere Behandlungsweise und fremdländische Gedichte verlangen ihren eigentümlichen Lokalton. So weiss Franz Schubert in der Begleitung gar treffend die landschaftliche Stimmung zu geben, innerhalb welcher sich die Seelenstimmung durch die Melodie äußert. Auch kurze Anspielungen auf heterogene Dinge, kleine Gleichnisse lassen sich oft ganz gut musikalisch geben, wenn sie nur nicht ans Läppische streifen.

Nicht minder wichtig ist die richtige Deklamation. Die Musik muss nicht bloß dem allgemeinen Sinn des Gedichtes entsprechen, sondern auch jede musikalische Phrase den unterliegenden Textworten, und zwar wieder nicht nur nach ihrem Sinne, sondern auch nach ihrer metrischen Quantität. In der Regel sollen die metrisch langen und dem Sinne nach betonten Silben auf die besseren Taktteile, auf die längeren und höheren Noten, dagegen die metrisch kurzen und dem Sinne nach unbetonten Silben auf die schlechteren Taktteile, auf die kürzeren und tieferen Noten fallen. Schon an einer sorgfältig gesprochenen Phrase beobachtet man einen gewissen melodischen Fall, und gerade diese "Melodie des gesprochenen Satzes" muss der Tondichter in Noten zu fixieren wissen. Schwierig wird dies bei strophischen Liedern, wo mehrere oft sehr verschiedene Phrasen dieselbe Musik erhalten sollen. Deshalb werden auch solche strophische Lieder, deren Melodie auf alle Strophen passt und trotzdem stets charakteristisch bleibt, mit Recht als Meisterwerke betrachtet.

Einfachheit und Präzision sind dritte Qualitätskriterium, dessen Bedeutung im Hinblick auf das Volkslied nicht zu unterschätzen ist. Die musikalische Einkleidung eines Gedichtes soll als eine auf dem nächsten und natürlichsten Wege gefundene, also ungesuchte und ungezwungene erscheinen, und alle schwer fassliche Schritte oder Gänge vermeiden. Wort und Ton müssen beim ersten Hören zugleich verständlich sein, und es sollte in diesem Moment die betreffende Phrase als so getroffen scheinen, als könnte sie nicht anders komponiert werden - wenngleich viele Meister oft denselben Text gleich gelungen gesetzt haben. Auch für die bedeutendsten Worte soll die einmalige Rezitation genügen. Einmal den Nagel auf den Kopf getroffen, einmal die Phrase mit richtigem, kräftigem Ausdruck gegeben, wirkt weit sicherer und schlagender, als jene matten Wiederholungen, welche die Kraft in der Tautologie suchen.

Speziell für das Volkslied ist das wichtigste am Lied die Sangbarkeit. Die Vokalmelodie muss der Beschaffenheit der menschlichen Stimme entsprechen; sie muss sich also zumeist in den Mitteltönen jener Stimmklasse, für welche sie geschrieben ist, als den leichtesten und wohlklingendsten derselben, bewegen, darf die obersten und tiefsten Töne derselben nur selten und bei besonderer Veranlassung berühren und soll in der Höhe die weniger wohlklingenden Vokale "i" und "e" vermeiden. Längere Bindungen auf unbetonte Silben sind unrätlich. Auch sollten, außer in Rouladen oder im Kirchenstil, nicht wohl mehr als vier Noten auf eine Silbe gebunden werden. Die Einschnitte für das Atemschöpfen sollen so häufig als möglich, und vor allem nach den Abschnitten des Wortsinnes, dann nach denen der Melodie berechnet sein. Zudem ist es ratsam, sie stets durch Pausen anzudeuten, damit nicht etwa der Atem auf Kosten der folgenden, statt auf Kosten der verlassenen Note geschöpft wird. Die Begleitung soll den Sänger stützen, ihm die Intonation erleichtern, den Rhythmus festhalten und den Klang der Stimme tragen. Zu letzterem Zwecke ist die Begleitungslage in den vier tiefen Oktaven die nützlichste; aber auch alle andern Lagen sind besser, als die Unterstüzung oder Kreuzung der Singstimme durch ihre eigenen Töne. Dass die Begleitung nie durch übermäßige Stärke die Singstimme decken darf, versteht sich von selbst; setzen wir die Stärke der Singstimme = 1, so wäre die Stärke der Begleitung = 1/2, höchstens bei obligaten Begleitungsstimmen, welche eine selbstständige Melodie ausführen = 2/3.

Neben den genannten vier speziellen Erfordernissen für eine Vokalkomposition gelten für eine jede noch die vier allgemein ästhetischen Erfordernisse, welche an jedes auf den Namen eines Kunstwerks Anspruch machende Produkt gestellt werden, nämlich: Einheit, Mannigfaltigkeit, Neuheit und Originalität. Die Einheit verlangt, dass sich der Inhalt des Ganzen in einer Hauptidee gipfelt, und kein Teil da sei, der von derselben nicht durchdrungen wäre. Die Mannigfaltigkeit fordert, dass diese Hauptidee nach ihren verschiedenen Seiten in einer angenehmen Abwechslung durchgeführt sei und die Neuheit, dass dieser Stoff noch von keinem andern ähnlich behandelt wurde. Und schließlich die Originalität, dass die Komposition von keinem andern ähnlich behandelt werden könnte, so dass man die eigentümliche Weise des Meisters in jeder Zeile als seine eindeutige Handschrift erkennt.