Volksweise

Liederzyklus und Liederkreise

Viele durchkomponirte Lieder passen jedoch unter keine der Standardformen; bald fehlt der Seitensatz ganz, die Singstimme wiederholt keines der gehörten Motive, und nur die stets gleiche Begleitung wahrt den einheitlichen Charakter. Mal wechseln die Hauptmotive willkürlich mit einander ab, bald ist nur Tempo, Takt und Haupttonart das äußere Band, innerhalb dessen Singstimme und Begleitung beliebige neue Motive ergreifen; so in Schuberts "Gruppe aus dem Tartarus", einer erschütternden, höchst malerischen Komposition, die aber mehr aus D und Fis, als aus der Haupttonart C moll geht.

Werden mehrere, seien es nun strophische oder durchkomponierte Lieder, welchen eine größere gemeinschaftliche Idee zu Grunde liegt, aneinandergereiht, so entsteht ein sogenannter Zyklus oder Liederkreis. Die Veranlassung hierzu ist entweder nur eine äußere, indem Lieder zusammengestellt werden, welche denselben Gegenstand von verschiedenen Seiten behandeln, also in Tempo, Takt, Tonart, Rhythmus, Melodie und Begleitung verschieden sein müssen, wie dies zum Beispiel der Fall ist bei Beethovens "geistlichen Liedern" und Schumanns "Diehterliebe", oder es ist eine innere, indem die einzelnen Lieder in ihrer Aufeinanderfolge irgend einen bestimmten Hergang oder eine Seelenstimmung abschließen. Diese Lieder können mit einander eng verbunden sein, wie bei Beethovens "Liederkreis an die ferne Geliebte" oder voneinander getrennt, wie bei Schuberts "Winterreise" und "Schöne Müllerin". Weitere Beispiele hierfür dinden sich bei Schumanns "spanischem Liederspiel", dem Eichendorffschen und Heine'schen "Liederkreis", der "Dichterliebe", der "Frauenliebe" und Marschners "fahrendem Schüler" und "Melodien zu Sternau's Liedern".

Oft werden auch ganz verschiedenartige Lieder unter einem Sammelnamen zu einem Ganzen vereinigt, wie dies beispielsweise bei Schuberts "Schwanengesang", Schumanns "Myrthen" und dem "Album für die Jugend" sowie Rossinis "Soirge,s musicales" und Donizettis "Nächte auf dem Pausilipp" der Fall ist, sowie in weiterem Sinne bei Riehls "Hausmusik" und Otto Scherzers "Liederbuch". Dergleichen Sammlungen haben das Gute, dass sich der Tondichter sogleich von verschiedenen Seiten zeigt und dadurch ein vollkommeneres Bild seines musikalischen Wesens liefert, als mit einzelnen Liedchen möglich ist, von deren größerem oder geringerem Erfolg noch nicht sicher auf die Begabung ihres Autors geschlossen werden kann.