Volksweise

Erste Volkslieder

Als die ersten Volkslieder der neuen Gesangsweise muss man eigentlich schon die Sequenzenmelodien betrachten; allein sie geben sich mehr als Variationen der Kirchenhymnen zu erkennen. Wirklich selbständige Melodien, die als echtes Produkt des schaffenden Volksgeistes ein Teil desselben sind, konnten erst zu jener Zeit emportreiben, als dieser sich immer kühner und mächtiger entwickelte, als er nicht länger seine heiligsten Interessen, seine Gottesverehrung den Händen einer ihm im Ganzen noch immer fremd gegenüber stehenden Priesterkaste einzig und allein überlassen mochte. Erst als er anfing wieder mündig zu werden versuchte er selbst in begeisterten Liedern auszutönen, was ihn jetzt mächtig bewegte. Die Kirche versagte ihm immer noch eine andere als die vorgegebene Beteiligung am Gemeindegesang; allein außerhalb derselben, bei Wallfahrten, Kirchweihen und an den Jahresfeiern der Schutzheiligen fand er vollauf Gelegenheit seinen Schaffensdrang zu betätigen.

So blüht namentlich die geistliche Lyrik des Volkes früh empor, und aus der Mitte des zwölften Jahrhunderts schon haben wir das echt deutsche österliche Matutin: "Christ ist erstanden", das später Luther umarbeitete. Nicht minder verdanken wir dem Marienkult, der sich unter dem Volke und innerhalb der Kirche aus der, von den Minnesingern mit so schwärmerischer Begeisterung gepflegten Frauenverehrung entwickelte, eine Menge der reizendsten "Marienlieder". Auch geistliche Schlachtlieder entstanden, von welchen das bekannteste das 1278 in der Schlacht zwischen Rudolf und 0ttocar von Böhmen vom deutschen- Heere gesungene:

"San Marei Muoter und Mait
All unsre not sei dir geclait".

Besonders bedeutsam wurde das vierzehnte Jahrhundert für die Verbreitung des Volksgesanges durch die eigentümliche Erscheinung der Geißelbrüder oder Flagellanten , die, nach den vergangenen Pest- und Hungerjahren unter dem Gesange deutscher Lieder durch Süd- und Westdeutschland zogen.