Volksweise

Emanzipation der Melodie im Meistergesang

Im Allgemeinen hält der Meistersang an der Dreiteiligkeit des Liedes, das jetzt "Bar" heißt, wie sie bei den ritterlichen Sängern üblich war, fest. Ein Bar hat wie dort verschiedene Gesätze, zwei Stollen mit gleicher Melodie, und einen Abgesang, dem indes auch ein dritter Stoll folgen konnte. Innerhalb dieser Form aber entwickelten sie eine viel reichere Zusammenstellung von Strophenarten, als die Minnesinger. Wagenseil nennt Strophen von 22 bis 34 Reimzeilen; doch hat es deren bis 122 gegeben.

Einer so ungebührlichen Erweiterung des strophischen Gebäudes gegenüber konnten die weiteren Künsteleien und Versuche, Ordnung, Zusammenhang und Leben in diese Strophenungetüme zu bringen, durch die sogenannten Waisen (Verse, die nicht durch Reime verbunden sind, also leer stehen) oder die Körner (ungebundene Verse, die durch gebundene getrennt, unter einander reimen), oder durch die Pausen (einsilbige Worte, die am Anfange oder am Ende, selten in der Mitte des Gesätzes stehen, und gleichsam unter einander reimen), oder durch die Schlagreimen (zweisilbige alleinstehende Worte) kein rechtes Gegengewicht gewähren.

So war der Kunstgesang jetzt ein, nach feststehenden Vorschriften handwerksmäßig betriebenes Geschäft geworden, und die meisten "Töne" waren sogenannte "Meisterstücke", die ihrem Verfasser Sitz und Stimme innerhalb der Zunft erwarben, bei denen die Meister vor allem auch darauf zu achten hatten, dass sie nicht so weit, als vier Silben sich erstreckten, einen andern Ton berühren. Deswegen, und weil endlich die Stoffe ihrer Dichtungen nicht nur jedes lyrischen Aufschwungs, sondern auch jeder lyrischen Gefühlsregung entbehrten, erregen die Melodien derselben unser Interesse in noch weit geringerem Maße, als die der Minnesinger. Dennoch bezeichnen sie einen Fortschritt über jene hinaus.

Zunächst ist es die vollständige Emanzipation der Melodie von dem Sprachrhythmus, die wir für jetzt als notwendig bezeichnen mussten und die der Meistergesang erreicht. Wie einst die Sequenzen-Melodien sind auch die Melodien der Meistersinger zuerst erfunden. Erst nachdem der "Ton" (die Melodie) von den Richtern für fehlerfrei erklärt worden war, und wenn er in Gegenwart von zwei Gevattern seinen "ehrlichen und nicht verächtlichen", aber meist sehr wunderlichen Namen, wie die Beerweiss, die Jungfrauweiss, die Schneckenweiss, die schwarze Tintenweiss, die Schreibpapierweiss, die kurtze Affenweiss, die abgeschieden Vielfrassweiss, die gestreifte SaffranBlümleinweiss, Cupido's Handbogenweiss, Clio's Posaunenweiss, der verwirrte Thon, der kurtze Ton, der lange Ton, der überzarte Ton u. s. w. erhalten hatte, wurde dem Erfinder aufgegeben, über eine bestimmte Materie den Text zu verfertigen. Beide, Text und Melodie, haben daher noch weniger Beziehung zu einander, wie im Minnesange.

Der höfischen Dichtung war die Melodie immerhin einigermaßen Notwendigkeit, weil ihr Inhalt ein musikalischer ist, und wenn die musikalische Darstellung nirgends über den bloßen Versuch hinauskommt, diesen erschöpfend darzustellen, so hat das seinen Grund darin, dass das nach Darstellung ringende Gefühl noch nicht stark und unmittelbar genug war, die Gesangstechnik vollständig zu beherrschen und, wo es nötig war, zu erweitern.