Volksweise

Die Melodien der Minnesinger

Die Melodien der Minnesinger unterscheiden sich von der wahrscheinlichen Weise der vorchristlichen einerseits nur in der, durch die unterscheidbaren Intervalle hervorgerufenen, gehobenen Wirkung, andererseits, so lange sie sich noch dem Sprachrhythmus anschmiegen und einzelne bedeutsame Worte durch längeres Verweilen auszeichnen, durch eine größere Bestimmtheit und Deutlichkeit des Vortrags. Mit der Verfeinerung der sprachlichen Metrik musste indes auch dieser Vorzug schwinden. Die Melodie konnte nun nicht mehr folgen. Text und Melodie fallen aus einander, was zwangsläufig die Verwilderung des Versbaus zur Folge hat, und so gewinnt die musikalische Darstellung Raum und Zeit für ihre selbständige Entfaltung. Denn so lange sich diese dem beengenden Einfluss des Sprachmetrums unterwarf, war ihre selbständige Ausbildung nicht möglich. Erst als Sprache und Vers zu toten Formen verknöcherten und endlich verwilderten, begann eine neue Phase des Gesanges, und erst nachdem die Musik durch Jahrhunderte lange sorgsame Pflege erwachsen geworden war, finden wir sie mit der inzwischen auch wieder herrlich aufgeblühten Sprache, mit einer lebendig umgestalteten Verskunst verbunden. So bezeichnet das Minnelied, musikalisch betrachtet, nur einen bedeutsamen Fortschritt der melodischen Entfaltung.

Auch ihm liegt noch das Gesetz der Oktavengattung zu Grunde, das in den Sequenzen sich wirksam erweist, aber die Melodien sind, wenn nicht so großartig wie die Sequenzen-Melodien, doch freier, menschlich inniger. Nirgend begegnen wir jener ängstlichen Scheu vor der großen Terz, welche die Melodien des gregorianischen Kirchengesanges auszeichnet, und schon macht sich in ihnen nicht mehr nur in einzelnen Schritten, sondern im Ganzen in der Markierung der Stollen und des Abgesanges die Quintbewegung geltend, und sie weisen schon auf die eigentliche Macht jenes Gesetzes der Dominantwirkung hin, welches die Theoretiker und Kontrapunktiker vergebens suchten, und das zu finden nur dem Instinkt des Volksgeistes vorbehalten war. Wie wenig gleichwohl die Minnesinger die gestaltende Macht des Gesanges kannten, wird noch teils auch dadurch bewiesen, dass sie nicht nur epische, sondern auch didaktische Gedichte ebenso sangen, wie die lyrischen Lieder.