Volksweise

Choralgesang

Der Choralgesang näherte sich nach und nach mehr der alten gregorianischen Gesangsweise, was bedeutete, dass er sich des bunt weltlichen rhythmischen Schmucks entledigten. Hierbei wirkte der Umstand fördernd mit, dass die Melodie in die Oberstimme tritt.

Es lag ganz im Sinne der alten Kirche und des alten gregorianischen Gesanges, den Cantus firmus in den Tenor zu legen. In der protestantischen Kirche sollte die Gemeinde mitsingen, und die Melodie musste daher derjenigen Stimme übertragen werden, in welcher sie am bedeutsamsten heraustritt. Dadurch aber gelangt sie in ein entschieden anderes Verhältnis zur Harmonie. Es werden jener Geschäftigkeit der Setzer, die Melodie unter einem verkräuselten Kontrapunkt zu verbergen, Schranken gesetzt; die Harmonie schmiegt sich ihr bald mehr homophon, nur akkordisch ausgeprägt an, und nimmt dadurch erst entscheidenden Anteil an der Herausbildung des Versgebäudes.

Auf die Melodiebildung wurden ferner die metrischen Versuche jenes Jahrhunderts direkt von wesentlichem Einfluss. Sie beginnen mit Nachahmung klassischer Metren. Das metrische Absingen lateinischer Gesänge gehörte zu Schulübungen bis in das siebzehnte Jahrhundert, und bereits im Anfange des sechzehnten oder noch früher erschien zu Augsburg bei Gerhard Oglin ein Werk "Melopöien oder vierstimmige Harmonien über die 22 Geschlechter heroischer, elegischer und lyrischer Maase, sowie kirchlicher Hymnen" und um das Jahr 1534 bei Simon Minervius ein ähnliches Werk von Ludwig Senfl, sowie vier Jahre später ein anderes von Benedict Ducis.

Das Wort gelangt wieder zu größerer Bedeutung, und wenn auch alle diese Arbeiten zunächst keinen direkten Bezug auf das Volkslied haben, so konnten sie doch nicht ohne Einfluss auf die Weiterbildung desselben bleiben. Mit den Produkten der neuen Prinzipien überkam das Volk diese selbst, und wenn sie ihm auch nicht bewusst wurden, auf seine schöpferische Tätigkeit konnte der Einfluss nicht ausbleiben, um so mehr, als die neue Weise in den Kantoreien und Kirchenchören eifrig gepflegt wurde. So verliert das Volkslied allmählich seine tonreiche Melismatik und seinen mannigfaltig zusammengesetzten Rhythmus; damit freilich aber auch zugleich viel von seinem Zauber, gewinnt dagegen präzisere Form und prägnanteren Ausdruck.