Volksweise

Biegsame Melodien

Die Melodie ist im Volkslied so prägnant, dass sie keiner eigentlichen Begleitung sondern höchstens einer sekundierenden Unterstimme bedarf. Deshalb sind Volksweisen keine durchkomponierte Gesangswerke, sondern alle Strophen haben stets die gleiche Melodie, deren Biegsamkeit bei jeder Strophe die zur Charakteristik nötigen Änderungen gestattet. Insbesondere an die "Biegsamkeit" der Melodie werden gelegentlich hohe Anforderungen gestellt, da insbesondere alte Volksweisen kein strengen Zeitmaß kennen.

In den Liedern der Minnesinger Wort und Ton so eng mit einander verwebt, dass die Singweise ihre rhythmische Bewegung nicht in sich hat, sondern aus den Hebungen und Senkungen des Textes entnimmt. Der einzelne Ton der Melodie hat keine nach Zeitdauer und Akzentstärke in sich fixierte Stellung; er nimmt vielmehr nur denjenigen Wert in Anspruch, welchen die ihm unterlegte Silbe nach der natürlichen Aussprache und dem Versbau hat.

Eine Ausnahme davon machen die Verzierungen oder Tonfiguren, welche auf einzelne Silben, betonte wie unbetonte, fallen und zuweilen sich in längeren Koloraturen hinziehen, ohne jedoch die Ausdehnung oder die Kunstmäßigkeit der modernen Koloratur zu erreichen. Sie sind vielmehr denjenigen Verzierungen gleich, welche der katholische Ritualgesang auf einzelne Silben des lateinischen Textes legt.

So lange Text und Melodie als ein Ganzes betrachtet wurden und die Dichter selbst die Weise komponierten oder doch den Text einem bestimmten, vorhandenen "Tone" anpassten, musste die abstrakte Form des in den Melodienoten herrschenden Zeitmaßes von wesentlicher Bedeutung für die Entwicklung des Versbaues sein. Nicht schärfend, abgrenzend, gruppierend wirkte die künstliche Ausbildung des Zeitmaßes auf die Silben, sondern sie nivellierte, dehnte und lockerte die Folge von Hebung und Senkung. So kam es, dass der Versbau der Minnesinger, in deren Melodien ein unvollkommeneres Zeitmaß herrschte, viel sicherer und klarer ist, als die Zeilenbildung der Sänger im 15. und 16. Jahrhundert, obgleich diese unter dem Einflusse einer musikalischen Zeitmessung dichteten, die in ihrer Art bereits einen hohen Grad der Vollkommenheit erreicht hatte.

Der Versbau sank zur mechanischen Silbenzählung herab. Wenn die richtige Zahl der Silben in einem Verse vorhanden war, so genügte das für den Vortrag der Melodie; denn diese hatte ja ihre Zeiteinteilung unabhängig in sich. Wie sich der Wortakzent gruppierte, das war weder aus bestimmten Versarten, noch aus der Melodie zu ersehen. Nur sorgte der Dichter dafür, dass annähernd die gleiche Zahl von Hebungen in entsprechenden Verszeilen wiederkehrte, ohne jedoch auf Regelmäßigkeit der rhythmischen Akzente zu achten.

Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, dass Melodien populär sein konnten, deren Zeitmaß so unabhängig von der Betonung des Textes gestaltet war. Indessen ist der Widerspruch zwischen Silbendauer und Tondauer, so auffallend er auch dem modernen Ohre erscheinen mag, durch die unveränderte Geltung der logischen Akzentuierung gemildert. Denn die Melodie hat nicht ihre eigene Akzentuierung im modernen Sinne, welche bei gleicher Taktdauer stets den Eintritt eines schweren Tones nach Ablauf eines stetigen Zeitabschnittes verlangt. Die Gruppierung der längeren und kürzeren Töne beruht auf einer in sich äußerst klar und fein ausgerechneten Zerlegung eines Zeitganzen in kleinere Zeitteile. Letztere füllen nur abstrakt die Gesamtlänge des Zeitganzen aus, ohne sich einer gewissen, unwandelbaren Akzentstärke zu beugen; sie sind Zeitfiguren. Das Taktieren durch Niederschlagen und Aufheben der Hand gibt in dieser Musik weder eine Akzent-Bewegung, noch die abstrakte Zeitzerlegung an, da nur die Vokalmusik kunstvoll ausgebildet war und die in den Anfängen ihrer Entwicklung stehende Instrumentalmusik den Gesang zunächst nachahmte. So hatte man noch kein Bedürfnis, für die musikalische Komposition ein solches Akzentschema auszubilden, wie es durch die Takteinteilung erst allmählich seit dem 16. Jahrhundert an der Hand der Instrumentalmusik sich gestaltete.