Volksweise

Auf dem Weg zur Harmonie

Jene freiere, feinere und belebtere strophische Gliederung durch überschlagende künstlich verschlungene Reime, die das Kunstlied vom Volkslied scheidet, das meist Zeile für Zeile reimt, ist musikalisch wirksam nur dadurch herzustellen, dass die im Reime verbundenen Zeilen auch harmonisch und rhythmisch in Wechselbeziehung treten.

Die rein melodische Führung vermag das natürlich nur sehr beschränkt und nur dann, wenn sie sich auf dem Grunde jener Anschauungsweise erhebt, welche das gesamte Tonmaterial aus den beiden gegenwirkenden Massen, Tonika und Dominant, erstehen lässt, und beide waren jener Zeit noch fremd. Das Tonsystem war auf die melodische Tonleiter begründet, und die Harmonik wird erst von den gelehrten Musikern der Kirche und der Klöster, und zwar nicht nach dem natürlichen Prinzip der Akkordverwandtschaft, was für den Bau des Liedes das einzig zweckmäßige ist, sondern nach dem melodischen des gregorianischen Cantus Choralis geübt.

Der musikalische Rhythmus endlich vermag nur dann den Bau des Liedes gleichsam zu vollenden, wenn er sich über das Prinzip des Wortakzents erhebt und mehrere Versfüße derartig zusammenfasst, dass er aus den akzentuierten Worten des Verses eines hervorhebt und es, während die übrigen sich nach ihm abstufen, zum Exponenten einer ganzen Reihe macht, wodurch dann die strophische Gliederung vollendet ist. Jahrhunderte vergingen, ehe er hierzu gelangte. Der Minnesang folgt allerdings schon nicht mehr so einseitig wie der Kunstgesang der alten Mensuraltheorie, welche den Tönen nur nach ihrer harmonischen Bedeutung einen gewissen Wert zumisst, er ist eben nicht harmonisch, und wir begegnen bei ihm allenthalben der Lust zu diskantisieren, allein die Mannigfaltigkeit der Notengattungen folgt nicht einem bestimmten Prinzip, sondern eben nur der absichtslosen Lust am Gesange.

So lange aber beide Mächte in ihrer innersten Wesenheit noch den Erfindern der Melodien verschlossen blieben, konnte die musikalische Darstellung nirgend über jene bloße Lust am Gesange zu einem nur einigermaßen selbständigen Erguss der Stimmung kommen.