Volksweise

Angepasst und zurechtgesungen

Im Volkslied werden die Melodien - Mal insgesamt oder auch nur an Einzelstellen - vom Volk zurecht gesungen oder "zersungen". So wurde beispielsweise Schuberts "Am Brunnen vor dem Tore" völlig gleichstrophig und die Triolen aufgelöst.

Hinzu kommt die gedächtnismäßige Überlieferung von Mund zu Mund, bei der es immer wieder zu interessanten Umbildungen kam. Dabei spiegelt das Volkslied in Text und Melodie die Wesensart des Volkes, des Stammes, des Gebietes, in dem es vorwiegend angesiedelt ist.

Das Volkslied ist aber auch beweglich. Es wandert von Ort zu Ort. Vorhandene Melodien werden mit anderen Texten, vorhandene Texte mit anderen Melodien kombiniert. Als nicht passend empfundene Text- oder Melodiewendungen werden kurzerhand beseitigt oder durch andere Wendungen ersetzt. Dementsprechend werden mitunter auch ganze Geschichten umgeschrieben und von der Alpenwelt Süddeutschlands an die Nordsee- oder Ostseeküste verlegt. Immer jedoch bleibt dabei das Hauptanliegen des Volkslieds und seiner Volksweise, das Gemüt der Menschen anzusprechen; manchmal sanft und sentimental oder auch derb und deutlich, ganz wie der Menschenschlag, der er singt.

Da die Menschen allerorten ein Volkslied oder eine Volksweise die ihnen gefiel kurzerhand für sich vereinnahmten, ist die Herkunft eines Volkslieds eher unwesentlich und heutzutage hauptsächlich nur noch für die dokumentierende Forschung von Interesse.

So wie die singenden Menschen aus allerlei Ständen entstammten, so war auch das Volkslied und seine Weise einfach und einheitlich im Sinne der Zeit, in der es gesungen wird oder wurde. So ist das ältere Volkslied vorwiegend melodisch bestimmt, das jüngere mehr harmonisch schlicht. Das Volkslied insgesamt verläuft in aller Regel periodisch, am deutlichsten erkennbar in der Form der ständig wiederkehrenden melodischen Strophe.

Allerdings ist Einfachheit des Volkslieds nicht gleichzusetzen mit Einförmigkeit. Dieses zeigen häufig Wechsel von Dur und Moll, kirchentonartiger Grundbau oder eingefügte kirchentonartige Wendungen, schwingender Rhythmus oder, Taktwechsel wie der bekannte "Zwiefache", eine Folge von je zwei zweiteiligen und dreiteiligen Takten.