Volkslied

Vom Volkslied zum volkstümlichen Lied

Im 16. Jahrhundert erlangte das Wort wieder größere Bedeutung. Auch wenn dramatischen und lyrischen Arbeiten zunächst keinen direkten Bezug auf das Volkslied haben, so konnten sie doch nicht ohne Einfluss auf die Weiterbildung desselben bleiben. Mit den Produkten der neuen Prinzipien überkam das Volk diese selbst, und wenn sie ihm auch nicht bewusst wurden, auf seine schöpferische Tätigkeit konnte der Einfluss nicht ausbleiben, um so mehr, als die neue Weise in den Kantoreien und Kirchenchören eifrig gepflegt wurde. So verliert das Volkslied allmählich seine tonreiche Melismatik und seinen mannigfaltig zusammengesetzten Rhythmus. Damit freilich aber auch zugleich viel von seinem Zauber - und nimmt statt dessen präzisere Form und prägnanteren Ausdruck an.

Wohl unterscheiden sich auch in den früheren Jahrhunderten die Wanderlieder von den Wein- oder Liebesliedern, und in den Jägerliedern namentlich entdeckten wir Züge einer eigentümlicheren Charakteristik, allein sie haben doch alle mehr einen uniformen Verlauf; aus allen spricht das, den verschiedenen Stämmen gemeinsame unbeirrte Naturgefühl. Jetzt beginnen die Volkslieder sich nicht nur nach Regionen zu charakterisieren , sondern Beruf und Handwerk klingen in das Lied mit hinein, geben ihm einen spezifischen Charakter, und diese neue Phase bildet somit den naturgemäßen Übergang zum Kunstlied. Formell schließt damit der Entwickelungsgang des Liedes eigentlich ab. Die Angelpunkte der modernen Tonart : Tonika, Dominant und Unterdominant, bilden jetzt die Grundlage des Liedes. Die Dominantwirkung erlangt die Bedeutung von Hebung und Senkung, und indem die Melodie diese Angelpunkte an die Reimenden verlegt, und in der Regel direkt, ohne die Umschweife melismatischer Phrasen auf diese Punkte losgeht, beherrscht jene harmonische Wechselwirkung die ganze Liedgestaltung.

Der Rhythmus schließt sich zwar eng an das Sprachmetrum, allein da dies sehr einfach ist und aus Jamben und Trochmen besteht, seltener Dactylen die in den einfachsten Zusammensetzungen erscheinen, so vermag der unendlich reichere musikalische Rhythmus sich in seiner ganzen Mannigfaltigkeit bei der Darstellung jener Metren zu entfalten. Dies geschieht weniger in den Liedern, welche durch ganz Deutschland gesungen wurden, als vielmehr in den Liedern einzelner Regionen und einzelner Stände, in denen eine große Mannigfaltigkeit des musikalischen Rhythmus herrscht. So sind die norddeutschen Lieder im Allgemeinen variabler rhythmisiert, als die süddeutschen, wo die Lust am bloßen Gesange, die sich am deutlichsten in dem Jodler der Tiroler und Schweizer oder den Schnadahüpfln" der Bayern ausspricht, eine reichere Rhythmik nicht aufkommen lässt, während die mehr praktisch verständige Richtung des Nordens einer solchen geradezu förderlich ist. Auch nach den Ständen und den besonderen Begebenheiten, unter denen die einzelnen Lieder entstehen, geordnet, zeigen sie eine wesentliche Verschiedenheit des Rhythmus.

Auch in den Soldatenliedern erscheint die Melodie häufig von äußeren Umständen abhängig. Damit verliert das Volkslied schon den eigentlichen Boden. Jetzt ist es nicht mehr das unbeirrte Naturgefühl, was dichtet und singt, da es bereits durch andere äußere Einflüsse beherrscht wird, und dies dürfte auf den Hauptgrund führen, weshalb in einzelnen Ländern und in einzelnen Gegenden Deutschlands das Volkslied länger in Blüte stand, als in andern. Überall, wo die Kunstmusik durch Kirchenchöre, Theater und fürstliche Kapellen gepflegt, wo Opern und Oratorien, mit einem Wort Instrumental- und Vokalmusik geübt wird, da blühte das Volkslied früher ab und wurde durch das sogenannte volkstümliche Lied verdrängt. So haben Schweden und Norwegen, Litauen, Ungarn und Russland heute noch einen weit größeren Schatz lebendig unter dem Volk fortlebender Volkslieder, als England und Deutschland, und in letzterem verlor sich in den Teilen Thüringens und Sachsens, in denen die Kantoreien, welche den Kunstgesang pflegten, in Blüte standen, das Volkslied früher als im Süden, im Westen und Osten, in Schlesien, den Rheinprovinzen und den Gebirgsgegenden Mitteldeutschlands, in denen der Kunstgesang nie so in Blüte stand, wie dort.