Volkslied

Vom Tanz zu Rhythmus und Melodie

Für die Ausbildung der neuer Formen des Liedes war der Tanz als Bewegungselement weniger wichtig, weil dies rhythmische Prinzip sich auch selbständig am Bande des sprachlichen Rhythmus und des Versgebäudes entwickeln konnte. Nachdem die Macht der Innerlichkeit erst so groß geworden war, dass sie nicht mehr im Text ihren vollen Ausdruck fand, sondern nach unmittelbarer Darstellung im Gesange, in der Melodie trachtete, stellte sich ganz instinktmäßig das Bestreben ein, das strophische Versgebäude auch musikalisch darzustellen, und dadurch war eine selbständig rhythmische Gestaltung geboten. Doch ist gar nicht zu verkennen, dass der Instinkt von der Praxis des Tanzes und des Tanzliedes hierin wesentlich unterstützt wurde. Das strophische Versgebäude des Textes entspricht ja ganz entschieden jener Gestaltung des Tanzes. Die einzelnen Liedzeilen sind als Glieder ebenso auf einander bezogen, wie dort die einzelnen Perioden, und die Melodie muss notwendig, um das Versgebäude auch musikalisch herauszubilden, jenem rhythmischen Prinzip des Tanzes folgen.

Mit dieser rhythmischen Neugestaltung war aber auch die harmonische Umgestaltung des alten Systems ganz notwendig geboten. Das alte System bot eigentlich für die harmonische Darstellung einer solchen Symmetrie keine Mittel, weil es die Akkorde nicht eigentlich nach ihrer inneren Wahlverwandtschaft, sondern nach dem mehr äußeren Bedürfnis der Tonleiter und der Tonart an einander reiht. Das Volkslied geht daher auf die harmonischen Beziehungen der Akkorde zurück, und indem es das ganze Tonmaterial aus Tonika und Dominante konstruiert, erlangt es in diesen beiden gegenwirkenden Mächten in mannigfache Beziehung gesetzt, die Möglichkeit, jene symmetrische rhythmische Korrespondenz der einzelnen Theile auch harmonisch herzustellen. Zugleich gewinnt es aber auch dadurch jenen beweglichen harmonischen Apparat, mit dem es das ganze Leben des Geistes stetig entwickelt zu offenbaren vermag, in welchem die reichste Innerlichkeit zu vollständiger Erscheinung gelangen konnte.

Neben dieser rhythmischen und harmonischen Umgestaltung, welche das Volkslied bewirkte, lenkte es endlich auch die Aufmerksamkeit der Tonsetzer auf jene dritte Macht musikalischen Ausdrucks, die ihnen bisher ziemlich fremd geblieben war: die Melodie. Eine Melodie zu erfinden, daran hatte wohl noch keiner der gelehrten Kontrapunktisten gedacht. Jene altkirchlichen Melodien mit dem Schmucke der Harmonie auszustatten, darin sahen sie ihre Lebensaufgabe. Erst nachdem an die Stelle des alten vantus choralis die Volksmelodie trat, wurden sie auf das neue Element geführt und sie schenkten ihm eine größere Aufmerksamkeit, so dass dann erst der Choral und das Kunstlied unter ihren Händen Ausbildung erlangen konnte.

So gewinnt das gesamte Material erst die Möglichkeit, das Leben der Phantasie und des Gemüts stetig entwickelt oder sprungweise unvermittelt, wie es sein Zustand erheischt, zu offenbaren. Dieser Prozess erfolgt natürlich nicht plötzlich. Lange klingt durch das Volkslied noch das alte System hindurch, aber meist auch schon die Punkte bezeichnend, von denen aus es erschüttert werden sollte.