Volkslied

Übergang zum Meistergesang

Viel weniger noch als der Minnesang konnte der Meistergesang eine höhere, als formale Bedeutung für das Musikalische gewinnen. Den ehrsamen Handwerksmeistern fehlten ja alle Vorzüge der ritterlichen Sänger, welche den Minnesang zu einer so bedeutsamen Erscheinung machten: die feine Bildung und erhöhte Lebensstellung, die eine weite und freie Weltanschauung ermöglichte. Praktisch verständig trieben die Meistersinger die Kunst des Gesanges handwerksmäßig, wie ihr bürgerliches Gewerbe, und engten sie, treu dem Geiste der Zeit, zunftgemäß in förmliche Schulen ein. Auch gibt ihnen nicht mehr das Leben und die Liebe, oder Sage und Geschichte, sondern die Bibel Stoffe für ihre Dichtung, und die Form der Darstellung wird nicht mehr, wie in der Blüte, ja selbst noch zu allermeist im Verfall der höfischen Dichtung, von dem, durch den Stoff beherrschten dichterischen Gefühl, sondern durch starre, auf dem Wege einseitiger Abstraktion aus den vorhandenen Dichtungen gezogenen Regeln bedingt. Wie aber die Meistersinger selbst ihren Ursprung von dem gottbegeisterten Sänger David ableiteten, so ist auch ihre Gesangsweise dem vom jüdischen Synagogengesang abgeleiteten und von der christlichen Kirche weitergebildeten, psalmodierenden Gesange des Liturgen näher verwandt, als dem mehr volksmäßigen der Sequenzen.

Schon gegen das Jahr 1250 ist die Rede von Besserung der Gedichte durch merkaere doch dürfte sich die erste Spur einer zunftgemäßen Abschließung erst um den Beginn des vierzehnten Jahrhunderts finden, in jener Verbindung bürgerlicher Sänger, welche Heinrich von Meissen oder Frauenlob in Mainz um sich versammelte. Von hier aus verbreiteten sich solche Verbindungen auch nach anderen Städten des Reiches, und sie bildeten Schulen, in welchen Dicht- und Gesangskunst geübt, und die verschiedenen Grade der Auszeichnung innerhalb der Gesellschaft und im Wettstreit Ehrenpreise erworben wurden.