Volkslied

Die Anfänge des Volkslieds

Bereits im 12. und 13 Jahrhundert, in der Blüte des geistlichen Liedes erwarb sich das weltliche Lied immer entschiedener Geltung; dies verbürgt u.a. die Limburger Chronik, die eine ganze Reihe von Liedern namhaft macht, welche man "sange und pfiffe in allen diesen Landen". Leider sind uns nur von einigen wenigen ihrer Texte Bruchstücke erhalten. Ihre Melodien mögen noch lange im Volke fortgelebt haben, ohne dass wir sie näher zu bezeichnen im Stande sind, weil man erst in viel späterer Zeit begann, sie zu sammeln; in jener Zeit erst, als die Kontrapunktisten aus dem unversiegenden Born des Volksgesanges neue Nahrung schöpften.

Trotzdem suchte auch jetzt noch die Kirche dem anwachsenden Strom einen Damm entgegen zu setzen, doch die ganze Bewegung ließ sich nicht mehr hemmen und als endlich der lang vorbereitete große geistige Kampf mit der römischen Hierarchie, den das sechzehnte Jahrhundert so siegreich zu Ende führte, zu offenem Ausbruch kam, da brach auch als eine der bedeutendsten Streitmächte das deutsche Lied in tausend Stimmen und Zungen hervor. Nicht mehr die Meister oder "vahrende Leut", sondern jeder Stand hatte nun sein Lied , das begeistert austönte, was in ihm lebt, was er empfindet. An dem großen Kampfe für die heiligsten Interessen der Menschheit ist jeder Einzelne gleich stark beteiligt, und jeder wird zur Einkehr in sein Inneres gedrängt; es beginnt das Subjekt sich herauszukehren, und das Volkslied, das früher vorherrschend episch war, wird jetzt vorherrschend lyrisch.

Was der Einzelne empfindet, strömt aus im Moment des Entstehens. Die Wonnen des Maien, der Liebe Lust und Leid, die Freuden des Weins und der Hantierung finden unmittelbaren Ausdruck im Volksliede. Es entstehen neben den Liebesliedern Trink- und Tanzlieder, Wander- und Kinderlieder und Kindersprüche, Reiter-, Studenten- und Jägerlieder.

Die meisten dieser Lieder wurden von ganzen Gesellschaften verfasst, und wurde ein Lied auch von einem gesungen, "der auch dabei gewesen", so war es doch längst vom Volke empfangen, und dies wartete gewissermaßen nur auf den Ausdruck, und blitzschnell verbreitete es sich dann von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, von einem Gau zum andern.

Solch glänzenden Erfolg aber verdankt das Volkslied nur der geschlossenen knappen Form bei der das Volk sich ohne alle Reflexion seinem Gefühlsdrange überlässt, und die ursprüngliche Kraft seiner Empfindung beherrscht die Darstellung so vollständig, dass sie unbewusst genau den einzelnen Strömungen des Gemüts folgt, und überall da sich hebt oder senkt, wo die Wellen und Wogen des Gemüts sich heben oder senken. Jeder einzelne Ton des Volksliedes ist unmittelbares Ergebnis innerer Bewegung, und der gesamte Gang der Melodie bezeichnet ganz genau den Verlauf der Stimmung, der es seine Entstehung verdankt. Und das ist's, was der Melodie des Volksliedes die ungeheure Bedeutung gibt, gegenüber der des Minne- und Meistersanges, und was sie zugleich so viel bedeutsamer gegenüber jenem ersten Diskant des zehnten und elften Jahrhunderts, mit dem es ja einige Verwandtschaft des Ursprungs hat, erscheinen.