Volkslied

Der deutsche Minnesang

Während der Gesang der französischen Troubadours und Trouveres vorwiegend galanten, zierlichen und erotischen Charakter trug, auch schon die Leichtigkeit des französischen Witzes entfaltete und in viele Liedgattungen zerfiel, ist der deutsche Minnesang fast nur "Lied" allein. Er ging aus den gleichen Voraussetzungen hervor, wie der französische, strebte aber, dem tiefer empfindenden deutschen Wesen entsprechend, sofort nach innigerem, gemütvollerem Gehalt. Vom Marienkultus ausgehend, hatte der Frauendienst ein ideales, vorwiegend keusches Gepräge angenommen und dieselbe treuherzig naive Färbung kennzeichnet die deutschen Minnelieder.

Die mittelalterliche deutsche Lyrik tritt nur in dreierlei Formen auf, als Leich, Lied und Spruch.

Der Leich ging aus der Form der lateinischen Sequenz hervor, hatte daher keinen gleichmäßigen Strophenbau, bestand aus mehreren Abteilungen oder ungleich langen Strophen, der Inhalt desselben war meist ein religiöser, doch findet sich auch das Tanzlied in Leichform vertreten.

Die bei weitem beliebteste, fruchtbarste und verbreitetste Gattung war das Lied, welches in seiner damaligen Form schon alle Elemente des heutigen Liedes in sich trug. So oft die Liedkomposition in späterer Zeit auch davon abwich, immer wieder kehrte sie zu dieser einfachsten Grundform zurück. Den Bau der Liedstrophe charakterisiert Dr. Edward Stilgebauer in seiner "Geschichte des Minnesanges" so klar und übersichtlich, dass wir seine Worte hier folgen lassen:

"Das Lied, seiner Natur nach zum Gesänge bestimmt, und von den Dichtern selber, die zu gleicher Zeit meistens auch die Sänger ihrer Lieder waren, mit einer sangbaren Melodie versehen, charakterisiert sich als die gleichmäßige, an Zahl unbegrenzte Wiederholung einzelner, innerlich gleich gebauter Strophen. Diese Strophen bestehen aus einer bestimmten Anzahl von Versen, die sich nach der Zahl ihrer Hebungen des näheren charakterisieren und die durch den Endreim - in der guten Zeit den reinen Reim, in der Vorzeit auch die Assonanz - aneinander gebunden sind. Die regelmäßige Wiederholung und Vereinigung solcher gleichgebauter Strophen zu einem Gedichte ist das Lied. In der besten Zeit des konventionellen Minnesangs steht die Strophe des Liedes unter dem aus Frankreich importierten Gesetze der Dreiteiligkeit, das heißt, sie zerfällt in drei, in jeder Strophe sich wiederholende Teile, nämlich die beiden Stollen, die man zusammen auch als den Aufgesang bezeichnet, und den Abgesang. Die Stollen sind in ihrem Bau einander wieder völlig gleich; kehren die gleichen Reime im zweiten Stollen wieder, dann ist der zweite Stollen an den ersten angereimt. Der Abgesang hat wieder eine in sich gegliederte, und nach der Art des Reimes sich charakterisierende, in allen Strophen des Liedes sich gleichbleibende Form. Entspricht der erste Reim des Abgesanges dem letzten Reim des zweiten Stollens, so ist der Abgesang an die Stollen angereimt, was häufig vorzukommen pflegt."

Der Spruch war ein einstrophiges Gedicht, welches politischen oder lehrhaften Inhalt hatte.

In musikalischer Beziehung stellt sich der Leich als durchkomponiertes Gedicht dar, jede Strophe desselben zerfiel in zwei gleichgebaute Halbstrophen, welche auf dieselbe Melodie gesungen wurden; diese Melodie wechselt jedoch bei jeder Strophe.

Das Lied hingegen bildete die poetische Strophe auch musikalisch nach, so zwar, dass die beiden Stollen die gleiche Melodie wiederholten und der Abgesang ein neues Motiv brachte ; nach der so gegliederten Melodie wurden alle Strophen abgesungen.

Der Spruch wurde mehr rezitativisch vorgetragen.