Und in dem Schneegebirge

Volkslied (18. Jh.)

Volksweise (18. Jh.)

Musiknoten zum Lied Und in dem Schneegebirge

Liedtext

Und in dem Schneegebirge
da fließt ein Brünnlein kalt.
Und wer daraus tut trinken,
der wird ja nimmer alt.

Ich hab daraus getrunken
gar manchen frischen Trunk.
Ich bin nicht alt geworden,
ich bin noch immer jung.

Das Brünnlein das da drüben fließt,
draus soll man immer trink'n;
wer eine Feinsherzallerliebste hat,
der soll man immer winken.

Ich wink' dir mit den Augen,
ich tret dir auf den Fuß.
Ach, wie ein schweres Roden,
wenn einer scheiden muß!

Ade, mein Schatz, ich scheide.
Ade, mein Schätzelein!
Wann kommst du denn doch wieder,
Herzallerliebste mein?

Wenn es wird schneien Rosen
und regnen kühlen Wein -
Ade, mein Schatz, ich scheide,
ade, mein Schätzelein!

Es schneit ja keine Rosen
und regn't auch keinen Wein:
da kommst du denn nicht wieder,
Herzallerliebster mein!

Herkunft und Vorgeschichte

Der Verfasser des Liedtextes von Und in dem Schneegebirge ist unbekannt. Laut Volksliedforschern gehen verschiedene Fassungen bis in das 16. Jahrhundert zurück. Mang schrieb dazu: »1533 steht die erste Textstrophe schon sehr ähnlich unter dem Titel Jungbrunnen im Glatzer Schneegebirge im Liederbuch Die Bergreihen« (Theo Mang, Der LiederQuell, 2015, S. 347).

Bei der Melodie handelt es sich um eine alte schlesische Volksweise, die im Laufe der Jahre umgesungen wurde. Hoffmann von Fallersleben hat das Lied mit der heutigen Melodie erstmals in seinem Sammelwerk Schlesische Volkslieder mit Melodien 1842 als Wechselgesang zwischen Mann (Strophen 2, 4, 5, 6) und Frau (Strophen 1, 7) veröffentlicht.

Liedbetrachtung

Das hier besungene Schneegebirge ist ein Bergrücken am Dreiländereck Schlesien-Böhmen-Mähren, also im westlichen Teil der Ostsudeten. Besungen wird ein Brünnlein, poetisch für die Quelle des Flusses March (tschechisch Morava), der dem Land Mähren seinen Namen gegeben hat.

Das Lied knüpft an das Motiv des Jungbrunnens an, der Quelle neuer Jugend, Schönheit und Kraft. Von den Eigenschaften eines Jungbrunnens wird bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. im sogenannten Alexanderroman erzählt. Danach soll Alexander der Große auf seinen Heereszügen nach Jungbrunnen gesucht und in einem sogar gebadet haben.

Fließendes Wasser einer Quelle, poetisch Brunnen, Born oder Brünnlein, galt als Symbol für Gefühle. So war Wilhelm Müllers Am Brunnen vor dem Tore gemeinsam mit dem Lindenbaum ein Symbol wehmütiger Sehnsucht nach der heilen Vergangenheit und Wenn alle Brünnlein fließen das Lied eines Liebenden. Auch wenn man seinen Schatz nicht rufen darf, so kann man doch seine Gefühle ausdrücken, indem man das Wasser trinkt.

Der junge Mann, der so manches Mal aus dem (Jung-)Brunnen getrunken hat fühlt sich erfrischt und jung. In der 3. Strophe wenden sich Er oder seine Liebste (es bleibt offen, ob Frau oder Mann oder beide diese Strophe singen) an die, die eine Allerliebste haben und fordern sie auf, aus einem Brünnlein zu trinken, sprich, den Gefühlen nachzugehen und seinem/ihrem Schatz zumindest zuzuwinken.

Das Winken ist mehr ein Zwinkern mit den Augen, so wie sich zwei Menschen auch wortlos verständigen können. Hier aber sieht es so aus, als wenn das Zwinkern einseitig geschieht: Der junge Mann zwinkert dem Mädchen zu und gibt ihr zu verstehen, dass sie ihm gefällt. Darüber hinaus ist das Auf-den-Fuß-treten im altdeutschen Recht Symbol der Besitzergreifung, auch der Unterwürfigkeit der Frau. Seit dem 16. Jahrhundert war es im süddeutschen Raum und in Österreich üblich, dass bei der Trauzeremonie das Brautpaar sich gegenseitig auf den Fuß getreten hat (vgl. Mang, S. 347), wohl als eine Art freundschaftlichen Fußerlns (ausführlich dazu Otto Holzapfel, Interkulturelle Redensarten und ihr kulturhistorischer Hintergrund, Dyalog 2/2013), siehe auch: Wenn alle Brünnlein fließen.

Es ist eindeutig, dass die beiden ersten Zeilen der Strophe 4 vom Mann gesungen wurden. Überliefert ist: Die beiden folgenden Zeilen wurden von einer Frau gesungen.

Hier aber handelt es sich um eine Erinnerung, denn, so schwer wie es ist, einen Wald oder ein Feld roden, so schwer fällt es dem Mann, Abschied zu nehmen. Den Grund dafür erfahren wir nicht. Wahrscheinlich handelt es sich um einen der ersten Wandergesellen, die seit dem späten Mittelalter von Meisterbetrieb zu Meisterbetrieb wandern mussten, dort ihre handwerklichen Fertigkeiten und ihr Wissen erweiterten bzw. vervollkommneten, um schließlich nach 3 Jahren und 1 Tag ihre Meisterprüfung abzulegen (vgl. Das Wandern ist des Müllers Lust.

Die letzten Strophen erzählen noch einmal vom Abschiednehmen. So sehr wie sich die junge Frau ein Wiedersehen wünscht, so ist sie sich doch darüber im Klaren, dass der Abschied wohl endgültig sein wird.

Rezeption

Neben den oben bereits erwähnten Schlesischen Volksliedern sind an bedeutenden Veröffentlichungen im 19. Jahrhundert noch der Jungbrunnen - Die schönsten deutschen Volkslieder (3. Auflage 1875) und der von den Liedforschern und -Sammlern Ludwig Erk und Franz Magnus Böhme herausgegebene Deutscher Liederhort (Band II, 1894) zu nennen.

Nachdem das Lied mit sieben Strophen 1914 und 1919 in den Steglitzer Liederblättern des Wandervogels veröffentlicht wurde, war es besonders nach dem Ersten Weltkrieg in der Jugendbewegung beliebt, allerdings ohne die 3. Strophe. Durchschnittlich kam in den Jahren von 1919 bis einschließlich 1932 jedes Jahr ein Liederbuch mit Und in dem Schneegebirge heraus, darunter das vom Gründer der ersten staatlichen Musikschule Fritz Jöde herausgegebene Liederbuch des Jugendbundes im Gewerkschaftsbund der Angestellten und das wegen der 49. Auflage wegen erwähnenswerte Chorbuch A für höhere Knabenschulen, Frisch gesungen.

Nimmt man die Anzahl der Liederbücher mit unserem Lied, die in der Zeit des Nationalsozialismus herauskamen, so kann man geradezu von einem Boom sprechen: Von 1933 - Ende 1944 wurden über 50 Liederbücher veröffentlicht, etwa die Hälfte davon waren Chor- und Schulliederbücher. Ein großer Teil der anderen Hälfte bezog sich auf Ausgaben von diversen NS-Organisationen wie Hitlerjugend, Bund Deutscher Mädel, Arbeitsdienst und Arbeitsmaiden, wobei wohl der volkstümliche Text und die »wunderschöne Melodie« (Mang, S. 347) den Ausschlag für die Wahl gegeben haben dürften. Auch die evangelische Jugend und die katholischen St. Georgs Pfadfinder durften noch bis 1938 eigene Liedhefte herausgeben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich die Beliebtheit fort: Waren es in den ersten fünf Jahren rund 20 Liederbücher, so nahmen vom 1950 bis 1959 fast 70 Liederbücher Und in dem Schneegebirge in ihr Repertoire auf, ein Viertel davon Chor- und Schulbücher.

Seit 1960 nahm die die Zahl der Veröffentlichungen kontinuierlich ab. Betrachtet man jedoch die hohen Auflagen der Taschenbücher, wie z.B. Lieder, Songs, Gospels und Liederfundgrube (beide Schneider Verlag) und Der deutsche Liederschatz (Heyne Verlag) sowie Die schönsten deutschen Liebeslieder und Die schönsten Wander- und Fahrtenlieder (beide Moewig Verlag), so scheint die Beliebtheit ungebrochen.

Zieht man den Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig heran, so kann man dem Verhältnis von 7 Tonträger zu 78 Musiknoten entnehmen, dass Und in dem Schneegebirge viel häufiger gesungen als angehört wird.

Georg Nagel, 17.10.2020