Lustig ist das Zigeunerleben

Volkslied (Anfang 19. Jh.)

Volksweise (Anfang 19. Jh.)

Musiknoten zum Lied Lustig ist das Zigeunerleben

Liedtext

Lustig ist das Zigeunerleben,
fario, fariofum.
Brauch'n dem Kaiser kein Zins zu geben,
fario, fariofum.
Lustig ist's im grünen Wald,
wo des Zigeuners Aufenthalt.
Fario, fario, fario,
fario, fario, fariofum.

Sollt' uns mal der Hunger plagen,
gehn wir, uns ein Hirschlein jagen.
Hirschlein nimm dich wohl in acht,
wenn des Jägers Büchse kracht.

Soll' uns mal der Durst sehr quälen,
gehn wir hin zu Wasserquellen,
trinken das Wasser wie Moselwein,
meinen, es dürfte Champagner sein.

Wenn uns tut der Beutel hexen,
lassen wir unsre Taler wechseln,
treiben die Zigeunerkunst,
da kommen die Taler wieder all zu uns.

Wenn wir auch kein Federbett haben,
tun wir uns ein Loch ausgraben,
legen Moos und Reisig nein,
das soll unser Federbett sein.

Entstehung und Herkunft

Lustig ist das Zigeunerleben, häufig als Trinklied bezeichnet und als Stimmungslied gesungen, stammt laut der Mehrzahl der mir in online-Archiven und Privatbibliotheken zugänglichen Liederbüchern, aus Schlesien; vereinzelt werden aber auch Tirol, Elsass und Pommern angeführt. Entstanden sein soll es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (so Theo und Sunhilt Mang in Der Liederquell, 2015, S. 550), nach anderen Quellen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Zum ersten Mal in Druck veröffentlicht wurde es 1842 in Schlesische Volkslieder, herausgegeben von Hoffmann von Fallersleben. Trotz intensiv betriebener Liedforschung sind der Dichter und der Komponist bis heute unbekannt geblieben.

Bekannt und populär sind die oben angeführten fünf Strophen, häufiger aber mit dem refrainartigen »Faria, faria, faria, faria, faria, fariaho«. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sind, wie bei beliebten Liedern üblich, einige Strophen geändert, andere hinzugekommen. Das aus dem Jahr 1923 stammende Liederbuch Seit an Seit des Jugendbunds im Gewerkschaftsbund der Angestellten weist neun Strophen auf, von denen zwei, weil sie auch in anderen Liedersammlungen auftauchen, hier aufgeführt werden sollen:

Mädchen, willst du Tabak rauchen, faria,fariaho.
Brauchst dir keine Pfeif zu kaufen, faria, fariaho.
Greif in meine Tasch' hinein
da wird Pfeif' und Tabak sein.
Faria, faria, faria, faria, faria, fariaho.

Mädchen, willst du Kaffee trinken,
so musst du die Schale schwenken,
schwenkst du dir die Schale nicht,
trinken wir auch den Kaffee nicht.

Diese beiden Strophen haben inhaltlich nichts mit dem ›lustigen Zigeunerleben‹ zu tun. Gemäß Volksmusik-Archiv des Bezirks Oberbayern könnten sie, wie die Zeile »…brauchen dem Kaiser kein Zins zu geben« (1. Strophe), in den Zeiten der Jugendbewegung gedichtet worden sein.

In einem Online Liederarchiv fand ich noch folgende Strophen ohne einen Hinweis auf die Herkunft oder den oder die Verfasser:

Auf dem Stroh und auf dem Heu
da machen wir uns ein großes Feu´r
blinzt uns nit als wie die Sonn´
so leben wir in Freud´und Wonn.

Manche haben blaue Augen
müssen eine Brille brauchen
wir mit unserm schwarzbraunen Gesicht
brauchen keine Brille nicht.

Und wie ist´s gegangen und wie ist´s gewesen
lassen wir uns die Planeten lesen
Schaun uns die Weiber wohl in die Hand
wird der Planet schon werden erkannt.

Liedbetrachtung

Es waren die sesshaften Bürger, die das Leben der Zigeuner - heute korrekterweise nach den ethnischen Gruppen Sinti und Roma genannt - romantisierten. Sie projizierten ihre eigenen Sehnsüchte in das aus ihrer Sicht freie Leben, und es klingt auch »etwas leiser Neid« (Heinz Rölleke, Das große Buch der Volkslieder, 1993, S. 225) an: keine Steuern zahlen und es sich »im grünen Wald« wohlergehen lassen. Und was sich der Bürger so vorstellt, wenn man Hunger hat, einen Hirsch zu schießen, mag zwar aus der Not manchmal vorgekommen sein, ist aber nichts anderes als Wilderei und wegen der Förster und Waldaufseher ziemlich gefährlich. Was den Durst betrifft, da ist dem Dichter wohl die Fantasie durchgegangen. So gesund das Wasser einer reinen Quelle sein mag, es wie Moselwein zu trinken oder sich gar einzubilden, es sei Champagner, das dürfte einem Sinto oder Rom beim Wassertrinken nicht gerade eingefallen sein.

Die Interpretation des vierten Verses überlasse ich gern den Leser*innen dieses Artikels; der fünfte Vers spricht für sich.

Aber im sechsten Vers kommt ein altes Vorurteil zu tage, dass »Zigeuner« betrügen. Selbst nicht ganz frei von Vorbehalten (s. die Gegenüberstellung von Nomadisierenden und zivilisiertem Europa) hatte der Volksliedsammler Franz Magnus Böhme 1894 konstatiert: »In Wahrheit wird dieses ewig nomadisirende, dem civilisierten Europa recht unbequeme Volk von der Polizei von Ort zu Ort vertrieben und verfolgt«.

1956 schrieb der Bundesgerichtshof in einem Grundsatzurteil über ›Zigeuner‹: »Sie neigen, wie die Erfahrung zeigt, zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und Betrügereien, es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe der Achtung vor fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist.« (Heike Klovert: Alles ist besser, als 'Zigeuner' zu sein, spiegel.de, 24.02.2018).

Mehr als ein Vierteljahrhundert, nachdem durch die Nürnberger Rassengesetze nicht nur die Juden, sondern auch die Sinti und Roma mit der Begründung der »Asozialität« zu Bürgern zweiter Klasse erklärt und ab 1939 in Ghettos und Vernichtungslager im Osten deportiert wurden, ist es aus meiner Sicht ist es nicht zu fassen, dass gebildete Richter des höchsten Gerichts der Bundesrepublik eine Volksgruppe derart diskriminieren konnten.

Die Zahl der in Konzentrationslagern und von SS-Einsatzgruppen ermordeten Sinti und Roma wird auf 220.000 bis 500.000 geschätzt. Von den durch die Nazis erfassten 40.000 deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden bis Kriegsende etwa 25.000 ermordet (vgl. Arnulf Scriba, Deutsches Historisches Museum Berlin, 15.5.2015).

Heute leben in Deutschland etwa 70.000 Sinti und Roma mit deutschem Pass. Die meisten von ihnen führen ein ganz normales Leben, das heißt, sie wohnen in Wohnungen oder Häusern und arbeiten in üblichen Berufen. Nur eine Minderheit zieht in Campingwagen oder mit Auto und Wohnwagen durch Europa, so dass auch die obige siebente Strophe, nach der sie in Erdlöchern bedeckt mit Moos und Reisig schlafen, nur ein weiteres negatives Klischee ist.

Rezeption

Nach den Veröffentlichungen von Lustig ist das Zigeunerleben in den Schlesischen Volksliedern (s.o.) und in Ditfurths Die Lieder des Nachlasses (Band III, Teil 1,1860) wurde es erst um 1900 bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts richtig populär. Ludwig Erk und Franz Magnus Böhme hatten das Lied 1894 in ihren Deutschen Liederhort (Band III) aufgenommen, und viele Liederbücher der Wandervogel- und Jugendbewegung hatten es mit bis zu neun Strophen (s. o.) in ihrem Repertoire.

Misst man die Beliebtheit eines Liedes an der Anzahl der Liederbücher, so fällt auf, dass allein 22 Liederbücher in der Zeit von 1920 bis 1932 das Lustig ist das Zigeunerleben enthielten, vor allem sogenannte völkische wie Deutschland erwache – Das Liederbuch der Deutsch-völkischen Freiheitsbewegung und das Stahlhelm – Bundesliederbuch (beide 1924). Die ›Völkischen‹ dürften die Strophen eher aus ideologischen Gründen gesungen haben und weniger aus Spaß wie z. B. die christliche Jugend, die Arbeiterjugend und die Pfadfinder auf Fahrt oder am Lagerfeuer. In das Liederbuch mit der höchsten Auflage Der Zupfgeigenhansl (150. Auflage, 1927, 826.000 Exemplare) wurde es nicht aufgenommen.

Im Gegensatz zu den Völkischen nahmen die Nationalsozialisten das Lied nicht in ihre Liederbücher auf, mit Ausnahme des 1933 erschienenen Buch der Lieder im Deutschen Arbeitsdienst – Weckruf. Die Hitlerjugend oder der Bund Deutscher Mädel sangen lieber »Es zittern die morschen Knochen« als Lustig ist das Zigeunerleben. »Zigeuner« galten wie die Juden als minderwertige Rasse und wurden diskriminiert und verfolgt (s. o.). Nur in vereinzelten Musikbüchern für Laute, Akkordeon oder Handharmonika wurde das Lied aufgenommen.

Seitdem 1946 das Erzbischöfliche Jugendseelsorgeamt, München, Lustig ist das Zigeunerleben als unbedenklich einstufte und es in Lieder der Jugend aufnahm, habe ich es bis 2014 in mehr als 70 Liederbüchern gefunden. Betrachtet man die Herausgeber, dann wird bzw. wurde das Lied von christlichen und gewerkschaftlichen Jugendgruppen, von Wandervereinen und Pfadfindern und vielen anderen Organisationen gesungen. In den Sammelwerken der Liedforscher wie Ernst Klusen (Deutsche Lieder, Band 2, 1981) und Heinz Rölleke (Das große Buch der Volkslieder, 1993) mit jeweils fünf Strophen sowie Theo Mang (Der Liederquell, 2015) mit sieben Strophen ist es ebenso zu finden wie im auflagestarken Taschenbuch Liederfundgrube - Lieder, Songs und Gospels des Schneider Verlags (Band 1, 1978) und in den Editionen des Weltbild Verlags Deutscher Liederschatz (Band 1, 1988) und Das Volksliederbuch (1995) - jeweils ohne die diskriminierende sechste oder siebente Strophe.

In dem Liederbuch mit der höchsten Auflage, Die Mundorgel, ist Lustig ist das Zigeunerleben nicht vertreten. Seit der ersten Veröffentlichung 1842 ist es meines Wissens in kein deutsches Schulbuch aufgenommen worden. Im Katalog des deutschen Musikarchivs befindet sich nur eine Notenausgabe aus verschiedenen Jahrgängen. Dagegen ist es in einzelnen Liederbüchern der Schweiz, der ehemaligen DDR und in Österreich erschienen.

Augenfällig ist, wie oft das Lied bei YouTube auftaucht. Von den fast 200 Videos beziehen sich die meisten auf Interpretationen mit einem Akkordeon, einige als Blasmusik oder von Chören gesungen, und 15 zeichnen es als Kinderlied auf. Heintje ist mit sechs und Freddy Quinn mit drei Videos vertreten. Auch Roy Black und Mary Roos haben das Lied gesungen und André Rieu hat es auf der Violine gespielt.

Seine außerordentlich große Beliebtheit verdankt Lustig ist das Zigeunerleben zum einen seiner schwungvollen Melodie im Dreivierteltakt, zum anderen seiner vielseitigen Verwendung als Kinderlied und als Trink- und Stimmungslied beim Karneval, in Kneipen sowie bei Schützen- und anderen Festen.

Georg Nagel, 13.04.2020