Ludwig van Beethoven

Verkünder einer neuen Zeit

Ludwig van Beethoven ist der Verkünder einer neuen Zeit, die endgültig die Musik aus ihrer Stellung als höfische oder gesellschaftliche Unterhaltung heraushebt und sie zu vollster Freiheit und Selbstständigkeit führt. Noch in Haydns und Mozarts Lebensgeschichte spiegelt sich die soziale Missachtung des Musikers in oft erschreckendem Farben wider. Beethoven ist zu stolz, um sich in musikalische Fronarbeit zu fügen. Er schafft nicht mehr auf Bestellung, sondern weil er muss, weil ihn ein tiefer Drang dazu treibt, seine inneren Gesichte in Tönen auszudrücken. Im Gegensatz zu Mozart arbeitet er schwer und scheinbar mühselig, immer wieder setzt er die Feile an, bis er einen Gedanken so geformt hat, wie er seinen Absichten entspricht.

Mit Recht hat man gesagt, Beethoven dichtet in Tönen. Das oberste Gesetz war für ihn die dichterische Idee, womit nicht etwa ein genau zu definierendes Programm gemeint ist, sondern der Ausdruck eines seelischen Erlebnisses. Seine Werke werden, wie er selbst gesagt hat, angeregt durch "Stimmungen, die sich beim Dichter in Worte, bei mir in Töne umsetzen, brausen, stürmen, bis sie endlich in Noten vor mir stehen". Selbst da, wo er offenbar ein festes Programm vor Augen hat, wie in der Pastoralsinfonie, will er "mehr Empfindung als Malerei". Dabei ist der Umkreis seiner musikalischen Gestaltung gewaltig weit; von der kühnen heroischen Geste, von wildester Dämonie bis zu zartester Lyrik, triefender Frömmigkeit reicht die Skala seiner Gefühle.

Eine so überschwänglich reiche Natur musste sich denn auch mit den musikalischen Formen auf seine eigene Weise auseinandersetzen. Beethoven ist durchaus kein Revolutionär in dem Sinne, dass er alles zerstört und verwirft, was vor ihm gewesen. Er steht mit vollem Bewusstsein auf den Schultern seiner Vordermänner, deren Ideen er bis zur höchsten Vollendung weiterführt. Statt der Einheitlichkeit des Gefühlausdrucks tritt bei ihm der Wechsel der Stimmungen auf; nicht nur innerhalb der zwei Themen der Sonate besteht ein scharfer Kontrast, auch das Thema selbst ist schon oft durch Gegensätzlichkeit charakteristisch.

In diesem Kampf "zweier Prinzipien" beruht das seelisch tief aufrüttelnde Erlebnis seiner Musik. Das alles bedingt Änderungen in Melodik, Dynamik und Vortragsweise, die Haydn und Mozart gegenüber einen großen Fortschritt nach der Richtung feinerer Differenzierung und subjektiven Gefühlsfärbung hin bedeuten.

Drei Hauptgebiete sind es, die Beethoven bevorzugt: Die Sonate, die Sinfonie und das Streichquartett. Der Mutterboden seiner Kunst ist das Klavier, auf dem er selbst ein Meister größten Stils gewesen ist. Sehen wir von den Jugendsonaten ab, so eröffnet op. 2 die Reihe der Werke, die er in dieser Gattung geschrieben hat. Die Frühwerke reichen bis op. 22, die mittlere Gruppe umfasst die Opuszahlen 26 - 81a und mit op. 90 beginnt der "letzte" Beethoven.

In jeder Epoche seines Lebens hat er Höchstleistungen volbracht: herrscht in der ersten noch Haydnsche Fröhlichkeit, in der aber doch hier und da schon ein echt Beethovenscher Genieblick aufleuchtet und eine tiefe Melancholie Platz greift (Largo d-Moll op.10 Nr. 3), so ist der "mittlere Beethoven" ganz selbstständig (op. 27b, die sogenannte "Mondschein- oder Fantasiesonate", op. 57 "Appassionata"). In den letzten Werken kündigt sich ein neuer Stil an, die Form weitert sich immer mehr, die Faktur wird polyphoner (Fugen) und nimmt fast den symphonischen Charakter gewaltiger Orchesterwerke an.

Neben der Sonate hat Beethoven die Variation zum Mittelpunkt seines Klavierschaffens gemacht (21 Werke); anfangend von einfachen figurativen Variationen über Lieder der Zeit bis zu den großen Charaktervariationen (Eroica-Variation, c-Moll-Variation über einen Walzer von Diabelli).

Die 5 Klavierkonzerte leiten zu seinem symphonischen Schaffen über: 9 große Symphonien (Nr. 1 C-Dur, op. 21, 1800; Nr. 2 D-Dur, op. 36, 1802; Es-Dur (Eroica), op. 55, 1804; Nr. 4 B-Dur, op. 5 c-Moll, op. 67, 1808; Nr. 6 F-Dur (Pastorale), op.68, 1808; Nr. 7 A-Dur, op. 92, 1812; Nr. 8 F-Dur, op 93, 1812; Nr. 9 d-Moll, op. 125, 1823 (mit Schillers "Hymme an die Freude") bilden neben mehreren Ouvertüren und Schauspielmusiken den Ertrag seines Lebens, der zwar, an Haydn gemessen, gering erscheinen mag, aber durch die monumentalen Ausmaße und die alles bis dahin Gekannte weit zurücklassende Tiefgründigkeit der Orchestersprache imponierende Größe gewinnt. Aus der Fülle der Kammermusik seien die 16 Streichquartette, 8 Klaviertrios, das berühmte Sextett (op. 20) hervorgehoben.

Das Vokalschaffen tritt dagegen in den Hintergrund, doch gehört die einzige Oper "Fidelio" (Erstaufführung 1805), das Hohelied auf die eheliche Treue, zu seinen glücklichsten Schöpfungen, und auch unter seinen Liedern befinden sich erlesene Kostbarkeiten. Das gewaltigste Glaubensbekenntnis aber ist die Missa solemnis, die ihn bei der Komposition so tief bewegte, dass er der Welt vollkommen entrückt schien. "Von Herzen - möge es wieder zu Herzen gehen", so schrieb der Meister eigenhändig über die Partitur. Ungeheure Gegensätze, von inniger Gottesliebe bis zu wild aufbrausendem Jubel, beherrschen das Werk und geben den alten ehrwürdigen lateinischen Worten eine neue tiefere Bedeutung. An Tiefe der Empfindung und Großzügigkeit des Aufbaus ist nur Bachs h-Moll Messe ihm vergleichbar.