Kirchenlied

Vom Volkslied zum Choral

Im Laufe der Jahrhunderte hatte das Volkslied vielfältige Einflüsse auf di Entwicklung des kirchlichen Volkslieds und der Ausgestaltung der Kirchenlieder allgemein. Aber auch das kirchliche Volkslied blieb natürlich nicht ohne direkte Einwirkung auf die Entwickelung der Melodie des Volks¬liedes. Indem die Musikpraxis sich der neuen rhythmischen, har¬monischen und melodischen Elemente bemächtigt, welche das Volk ganz instinktiv zu Tage förderte, und sie in ein System zu bringen versucht; indem sie das neue Material sichtet und sich einlebt in die geheimnisvolle Macht desselben, gelangt sie zu jener freien und durchdachten Technik, welche den musikali¬schen Ausdruck nicht mehr nur als ein unbewusstes Naturprodukt, sondern als wohlgeformtes und durchdachtes Kunstwerk erscheinen lässt, und dies wird wiederum rückwirkend auf das Volkslied. Es schließt sich ihm nach Form und Inhalt immer mehr an und verliert allmählich das Naturwüchsige seiner Erscheinung.

Schon im Reformationszeitalter beginnt das Volkslied in seiner ursprüng¬lichen Gestalt daher abzusterben und zwar namentlich unter dem Einflusse des Chorals, der sich zu großen Teilen aus dem Volkslied entwickelte und - nachdem er allgemein wird- beginnt, das Volkslied zu beeinflussen.

Der Choral brachte den akzentuierenden Rhyth¬mus, der nicht nur der natürlichste ist, sondern auch für den Massengesang unge-schulter Sänger als einzig durchführbar war. Dabei ist er entschieden der würdigste. Der gemischte Rhythmus der Volksmelodie ist viel zu erregt und sinnlich reizvoll, um als Ausdruck religiösen Gemeingefühls gelten zu können. Hin und wieder sangen natürlich nicht nur die geschulten Sängerchöre, sondern auch die Gemeinden einzelne, aus dem Volksgesange entlehnte Choräle quantisierend rhythmisch, weil die Melodien in dieser Gestalt im Volke vorhanden waren. Dennoch näherten sich diese nach und nach mehr der alten gregorianischen Gesangsweise, was bedeutete, dass sie sich ihres bunt weltlichen rhythmischen Schmucks entledigten. Hierbei wirkte der Umstand fördernd mit, dass die Melodie in die Oberstimme tritt.