Kirchenlied

Geistliches Volkslied im Choral

Auf den Boden der christlichen Lebensanschauung verpflanzt, gewinnt das Volkslied eine neue Form, es wird zum geistlichen Volkslied im Choral. Wohl liefert der alte gregorianische Kirchengesang in seinen Hymnen, Prosen- und Sequenzenmelodien auch jetzt noch einen großen Teil des neuen Gemeindegesanges, allein dieser wurde doch meist im Sinne des Volksliedes umgestaltet, so dass wir auch ihn durchaus als eine neue Form desselben betrachten dürfen.

Aus den Prosen- und Sequenzenmelodien begann schon Ende des 12. Jahrhunderts außerhalb der Kirche ein geistliches Volkslied emporzutreiben; zunächst allerdings mehr im Minnesang. Das zwölfte Jahrhundert aber brachte schon das echt volkstümliehe "„Christ ist erstanden", das zugleich als Schlachtlied diente. Die Thorner Chronik (1293 -1394) berichtet, dass die Christen 1362 nach Erstürmung des festen heidnischen Hauses Kauen das Loblied sangen "Christ ist erstanden!"

Ihm folgte im dreizehnten Jahrhundert das Pfingstlied "Nun bitten wir den heiligen Geist", und die Schiffer- und Wallfahrtsweise "In Gottes Namen waren wir", deren Melodie später auf Luthers "Dies sind die heiligen zehn Gebot" überging. Die Schlachtleis "Christ der du geboren bist" und eine Anzahl Marienlieder gehören gleichfalls in dieses Jahrhundert.

Die Anfangstage des kirchlichen Liedes sahen auch viele Werke in sogenannter Mischpoesie mit zum Teil deutschen und zum Teil lateinischen Versen. Sie finden sich schon in diesem Jahrhundert in Liedern wie "In dulci jubilo nu singet und seind froh" oder "Puer natus in Bethlehem, dess freuet sich Jerusalem". Insbesondere Peter Dresdensis und Heinrich von Loufenberg, einer der letzten Minnesinger, waren in dieser Richtung eifrig tätig. Auch einige deutsche Originallieder finden wir in diesem Jahrhundert, wie beispielsweise das Weihnachtslied "Der Himmelkönig ist geboren von einer Mait" und das Marienlied "Ave morgensterne, irleuchte uns mildiclich".