Geschichte des Liedes

Das Kinderlied

Wenn Kinderstimmen laut ertönen

Von Christa Schyboll

Wer sich singende Kinder anschaut, sieht in ihren Gesichtern eine Vielfalt von emotionalem Ausdruck. Viele der Kinder wirken dabei auch ganzkörperlich lebendig, wie man es von vielen Erwachsenenchören oft nicht mehr kennt. Der Gesang durchdringt oftmals die kleine Person bis ins Blut. Der Körper selbst scheint zum Instrument zu werden, das klingen will.

Kinder lernen beim Singen nicht nur Lieder, sondern erfahren auch Rhythmus, der sich bis tief in die Körperebene einprägt. Gleichzeitig hören sie sich selbst mit ihrer Stimme und alle anderen Stimme auf eine ganz neue und andere Art und Weise als beim Sprechen, die ihr Gehör fein schult. Kinder, die das Singen gewohnt sind, singen nicht nur gemeinsam im Singkreis oft selbstvergessen mit, sondern singen auch beim Spielen, Hüpfen, Backen oder Malen. Tun und Singen werden mit ihnen selbst eine Einheit.

Den Erzieherinnen im Kindergarten kommt deshalb in Bezug auf Gesangsschulung eine Schlüsselfunktion zu, weil in den meisten Familien nicht oder kaum mehr gesungen wird. Deshalb ist das Singen im Kindergarten besonders wertvoll, vor allem dann, wenn es begleitend zu anderen Tätigkeiten geschieht.

Mit dem Gesang im Kindergarten können zugleich auch die Besonderheiten der vielen verschiedenen Jahresfeste ein inneres Gewicht und tieferen Gehalt bekommen. Man denke beispielsweise an die Weihnachtslieder und die schöne Stimmung, die in der kindlichen Seele erwachen kann. Oder man denke an die Geburtstagslieder, Lieder zum Frühjahr oder Herbst, zur Ernte oder zum Winter. Die Botschaften werden mittels schöner Lieder tiefer in die Herzen der Kinder gesenkt und wirken im Stillen nach.

Stimme und Stimmung sind nicht voneinander zu trennen. Kinder, die ihre Stimmen früh schon im Kindergarten auf vielfältige Weise erfahren und trainiert haben, werden später auch besser in der Lage sein, unschöne Stimmungen gezielt zu verändern. Denn sie haben schon früh ein Repertoire an die Hand bekommen, das ihnen von der Vielfalt zeigt, die sie jederzeit auch selbst einsetzen können.

Singen macht Spaß

Erwähnt sei, dass im Grunde alle Kinder gerne singen. Auch die, die den Ton noch nicht gleich richtig treffen. Wichtig ist es, dass es für die Kinder eine freudige, fröhliche Angelegenheit bleibt. Ihr Wohlgefühl steht dabei an oberster Stelle. Ein Wohlgefühl, das von Kindern in der Regel nicht realisiert wird, sondern einfach da ist. Man merkt es an der Selbstverständlichkeit oder an der Selbstvergessenheit, wie gesungen wird. Kinder sind mit ihrem Tun, auch mit ihrem Lied, eins. Da gibt es zum Glück keine Trennung durch die Fragestellung: Singe ich richtig, treffe ich den Ton, müsste ich höher oder tiefer singen… usw. Das kommt später im Gesangsunterricht, aber nicht schon in der Frühphase, die dem Kennenlernen und der Freude am Tun dienen soll. Man enthalte sich also jeder völlig sinnlosen Kritik in diesem Alter. Sie würde mehr schädigen als hilfreich sein. Denn der Rückzug nach einer Kritik am Gesang des Kindes ist dann oft unumgänglich.

Kinder richten sich im allgemeinen nach ihren Vorbildern. Das, was sie sehen und hören, ahmen sie nach. Und sie machen es in der Regel, so gut sie es einerseits können – aber auch so, wie sie es sehen und hören. Insofern kommt dem Vorbild des Tuns und der Stimme eine große Bedeutung zu.

Für die Entwicklung der Stimme ist der frühe Gesang insofern auch von Bedeutung, als er dazu führt, dass sich die Kinderstimme kräftigt. Das Kind wird sicherer in Ausdruck und im Gebrauch seines Stimmumfanges, der sich durch Gesang wesentlich erweitern kann. Und wer viel singt, wird mehr und mehr Klangfarben in sich vernehmen, die er mit der Zeit immer reicher zum Ausdruck bringt.

Die Gefühle der Kinder werden durch das Singen im Kindergarten bereichert. Es beschert ihnen Freude und Begeisterung, es trainiert ihre Rhythmik und ihre elementare Ausdrucksmöglichkeit. Erzieher/Innen sind gut beraten, auf den Elternabenden auch mit den Eltern zu singen, um sie daran zu erinnern, wie schön dieses gemeinsame Erlebnis sein kann, das ihre Kinder möglichst täglich bereichern soll.