Geschichte des Liedes

Das Kinderlied

Wiegenlieder

Nachdem das Kind auf die Welt gekommen, ist ihm neben Muttermilch und Baden viel Schlafen notwendig. Bald wird ihm von der Mutter an der Wiege das erste "Schlummerlied" gesungen. Versteht das Kleine im Wickelkissen auch nicht den Inhalt und fühlt nichts dabei: die Mutter muss ihre Mutterwonne ausfingen, sie singt sich selbst zum Zeitvertreib etwas, bis später das Wiegenlied wirklich ein Mittel wird, das Kind zu beschwichtigen und in den Schlaf zu singen.

Wohl dem Kinde, das diese sanften Mutterlaute oft und viel hört, die Eindrücke sind bleibend fürs ganze Leben. Alle großen Männer, alle harmonisch entwickelten Menschen hatten das Glück, heitere, poesievolle und sangeslustige Mütter zu besitzen, und dass solches für das erste Aufwachen des Gemütes nicht ohne Bedeutung war, wird in ihren Lebensbeschreibungen erwähnt:

Ich war ein böses Kind,
Und schlief nie ungesungen;
Doch schlief ich ein geschwind,
Sobald ein Lied erklungen,
Das mir die Mutter sang gelind.

So erzählt uns der deutsche Dichter Friedrich Rückert von sich selbst. Auch der kleine Mozart ging nie zu Bette, ohne vorher mit seinem Vater gesungen und seine Mutter und Schwester herzlich geküsst zu haben, dann erst schlief er bald und ruhig ein. Von Goethes glücklicher Kindheit und seiner lustigen, gern "sabulirenden"" Mutter wissen alle Biographen zu erzählen. Der edle Schiller, als er die Macht des Gesanges besingt, muss seiner Jugend gedenken, wie er mit Tränen der Mutter ans Herz fiel.

Und dieses reinste Glück, wie ist es doch bei unsern heutigen Kulturverhältnissen - wo Kinder schon mit einem Jahr in Kindertagesstätten abgeliefert werden - vielen unserer Kinder geradezu versagt! Auch wenn sich die professionellen Betreuer der Kinder sicherlich größte Mühe geben, so ist es eben doch nicht das gleiche wie wenn die Mutter ihr Kleines in den Schlaf wiegt. Da mag man die Klage anstimmen: O, heiliger Mutterlaut, wie oft fehlst du den Kleinen!