Geschichte des Liedes

Das Kinderlied

Natur- und Tierlieder

Mit der Tierwelt kommt das Kind schon sehr bald in Berührung und zwar zunächst mit den Haustieren, so es welche gibt. Im Paradiese der Kindheit giebt's noch keine Schranke zwischen Mensch und Tier, in seiner lebhaften Phantasie betrachtet das Kind die Tiere seiner Umgebung als seines Gleichen. Sie sind des Kindes liebste Spielkameraden und besten Freunde. An sie richtet es seine ersten Reden, streichelt und herzt sie, plaudert mit ihnen, grüßt sie und schimpft sie aus, je nachdem wie die Laune und die empfangenen Eindrücke sind. Dabei bedient es sich anfangs seiner eigenen Benennungen für Tiere, die sich meist an den Tierlauten orientieren. Später tritt auch das Getier in Wald und Feld, was da fleucht und kreucht, in den Unterhaltungskreis. Die Grußliedchen an die Tiere sind oft ganz reizende naive Auslassungen. Am zahlreichsten sind die, mit welchen das Kind die Käfer (Mai- und Sonnenkäfer), den Storch und den Kuckuck begrüßt.

Mit der Pflanzenwelt steht das Kind nicht auf so gutem Fuße, wie mit seinen getreuen Nachbarn und Freunden in Hof und Feld. Darum gibt es der Poesie darüber wenig, und das sind die Huppenlieder oder Reime beim Pfeifenmachen und Liedchen beim Beeren- und Nüssesuchen.

Mit den Naturerscheinungen, sagen wir dem Wetter, verkehrt das Kind im Freien sehr viel; wenn es nicht städtischer Stubenhocker geworden ist, so gehts hinaus selbst bei Sturm und Stegen. Aus seinen reizenden Grußliedchen an Sonne und Stegen, Wind und Wolken und Gewitter erkennt man die innigste Liebe zur Natur, die allen Kindern eigen ist. Das zeigt sich auch im nachahmen von Naturlauten.

Kinder ahmen alles nach — das ist ein alter Erfahrungssatz. Ihr Nachahmungstrieb ist bedeutungsvoll, da auf ihm die Möglichkeit aller Erziehung und Verziehung beruht; er führt die Kinder auch zu spielender Unterhaltung. Da wird den Tierstimmen Menschenrede untergelegt, Geräusche von wesenlosen Dingen, z. B. Turmglocken, Mühlräder etc. werden gedeutet, Trommelmärsche und Hornsignale werden in taktmäßige Satzformeln übersetzt, sogar Handwerker- bewegungen werden poetisch, zuweilen auch satirisch gedeutet. Dergleichen Deutung oder Beseelung von Lauten (Lautmalerei) bieten nicht bloß einen geselligen Unterhaltungsstoff, sondern sind zugleich ein wohltätiges Mittel zur Schärfung von Gehör und Gedächtnis. In den ergötzlichen Lautmalereien, meist in lange Histörchen gekleidet, gibt sich oft eine überraschende Beobachtung der Naturstimmen kund, die Fr. Rückert so treffend bezeichnet:

O bu Kindermund,
Unbewußter Weisheit froh,
Vogelsprache kund
Wie Salomo.

Dennoch muss man, leider will ich meinen, anmerken, dass wir hier von der Kinderwelt der vergangenen Jahrhunderte sprechen aus denen die meisten der heute bekannten Kinderlieder stammen. Inzwischen hat sich jedoch auch für Kinder die Welt dramatisch verändert und den Einfluss der Natur und Tierwelt deutlich zurückgedrängt. Doch schon ein Besuch im Zoo ruft die Naturverbundenheit der Kinder wieder hervor und verdeutlicht uns, warum Kinder so gerne Tierlieder singen.