Geschichte des Liedes

Das Kinderlied

Koselieder

Koselieder umfassen alle Reime, um die Kleinen in den ersten Lebensjahren zu beschwichtigen, zu unterhalten und seelisch heranzubilden suchen. Wenn das erste Vierteljahr, das man völlig zu Unrecht das "dumme" nennt, vorüber ist und des Kindes Sinne durch wiederholt von der Außenwelt eingegangene Anschauungen schon etwas entwickelt sind, so dass es sieht und hört und überhaupt das erste seelische Leben bemerken lässt: dann beginnen Mütter und Väter mit den Kindern zu spaßen, zu plaudern und zu kosen, um sie zu beruhigen und zu unterhalten.

Die Kleinen werden zu den ersten Bewegungen veranlasst. Es wird gefragt: nach Dingen der Umgebung und am Kinde selbst, wobei man auf diese hinweist; das Kind wird angehalten, auch mit seinen Händen aus diese Gegenstände zu zeigen. Z. B.: Wo ist Papa? Mama? Schwester Lili? Bruder Otto? Wo ist der Wauwau? Die Miezekatze? Wo hat das Kind das Rässelchen?Die Guckäuglein? Das Mündchen? Oder auch: Zeige mir deine Händchen! Deine Ohren! Und dabei bedienen sich die Eltern selbst einer vermeitlichen Kindersprache: Wo ist die Mimi (Milch)? Wo ist das Heiabettchen?

Liebende Mütter sind im Stoff sehr erfinderisch und unerschöpflich. Ihnen ruft Jean Paul Richter in seinem Levana sehr richtig zu: "Ihr könnt im Spiele und zur Lust nicht zu viel mit den Kindern sprechen, sowie bei Strafe und Lehre nicht zu wenig. Nur mit Worten erobert das Kind gegen die Außenwelt eine innere, aus der es die äußere in Bewegung setzen kann."

Zu dieser Art Unterhaltung dienen eben die Koselieder; dazu gehören die Krabbel- und Schmeichelreimc, Händeklatsch- und Fingerspielverschen, Trost- und Beruhigungssprüchlein und dergleichen liebreiches, wie die Kinder beseligendes Geplauder der Mutter. Dabei hört man die Kose- und Schmeichelnamen: "meinen Kindchen, mein Täubchen, Mäuschen, Schäfchen, Herzblättchen, Herzchen" etc.Das kleinste Weh lindert ein scherzhafter Wundsegen, der aber mit vollem Ernste angehört wird.

Kosereime fördern zugleich den erwachenden Geist des Kindes. da sie es lehren, aus sich und seine Umgebung zu merken. Über die hohe Bedeutung der Kosereime schreibt Ernst Ludwig Rochholz in der Einleitung seiner 1872 erschienen Liederfibel: "Der Mutter ist das Kind in seinem ersten Bildungsbedürfnisse anheimgestellt. Sie singt ihren Säugling in den Schlaf, singend schaukelt sie den wiedererwachenden auf den Armen, singend beschwichtigt sie sein kleinstes Wehe, und die Worte, die sie dabei unterlegt, sind der deutsche Ammen- und Kinderreim. Dieser ist in jedem deutschen Hause vorhanden und in jedem deutschen Landstriche geschwisterähnlich, weil er schon so alt ist, wie die früheste Gattung der Volkspoesie, wie die erste Familie, ja wie der erste Anfang der Stufenalter selbst. Indem er seinen Sprachstammeleien durch eine Art bindender Kunstform Dauerhaftigkeit gibt, so ist er dadurch für alle Kinder einer Nation das Mittel, ihr Denken und Sprechen in stehenden, allerwärts gleichlautenden Formeln auszudrücken. Und da er zugleich das Ergebnis aller früheren Entwickelungsstufen ist, so bleibt er darum dem Kinde, das diese Entwicklungen erst noch durchschreiten soll, die unentbehrlichste Quelle der Sprachbefähigung, der Belehrung und Erheiterung. - Der Kinberreim verlangt ein fast unausgesetztes Sprechen und Singen mit dem Kinde, nicht weil er ein bloßes Kinderspiel, sondern das früheste und beste Erziehungsmittel ist. Die Erfahrung beweist, dass lange vorher, ehe das Kind selber sprechen kann, es die Sprache versteht, wie bald also mittels der Sprache auf dasselbe eingewirkt werden kann. Dass dies aber im Tone der Heiterkeit geschehe, verlangt die Liebe und Vernunft."

Erst in jüngerer Zeit gelang es der Wissenschaft, stichhaltig zu untermauern, dass Ernst Ludwig Rochholz mit seiner - damals noch - Vermutung recht hatte. Bereits im Mutterleib hört das Kind Laute und lernt das Kind die Spracheigenheiten der Eltern lernen und auch sprachtypische Laute wie im englischen das "th" oder andere lokale Laute in anderen Sprachen. Kosereime, von der Mutter gesungen, tragen dazu bei, dem Kind ein besseres Sprachgefühl zu geben. Doch vor allem ermöglichen sie eine spielerische Kommunikation zwischen Mutter und Kind.