Geschichte des Liedes

Das Kinderlied

Kinderreime

Wenn man in Reimen und der Sprache der Kinder hier und da einem Ausdruck begegnet, der uns zu natürlich erscheint und, wie man sagt, unanständig ist, so bedenke man nur: dass das Kind der Natur viel näher steht, als wir Erwachsene: Wir sind durch Erziehung und Verhältnisse in ein konventionelles Leben eingeführt, das uns alle Dinge nur mit den Augen der Gesellschaft betrachten lässt; das Kind aber ist unbefangen und sieht die Dinge an, wie sie sich ihm darstellen. Dem Kinde ist der Satz: naturalia non sunt turpia (natürliche Dinge sind nicht häßlich) noch volle Wahrheit. Wenn es erst anfängt, sich solcher Dinge zu schämen, hat es schon den Einfluss der Gesellschaft und der Sitte verspürt, hat es von dem Baume der Erkenntnis genossen.

Die Sprache der meisten Kinderreime ist eine mundartliche; fast überall im Inhalte gleich, sind sie in jeder Landschaft durch die Wortform verschieden. Diese mundartliche Färbung fällt vielleicht manchem Leser unbequem, aber sie ist diesen Liedern von einfachen Kindern der Natur so notwendig, wie das Grün dem Grashalm. Der Dialekt im Kinderreim wie im Volkslied ist ein Kennzeichen ihrer Naturwüchsigkeit. "Jede Mundart ist Volksmundart, heimlich und sicher, aber auch unbeholfen und unedel, dem bequemen Hauskleid, in welchem nicht ausgegangen wird, ähnlich; im Grunde sträubt sich die schämige Mundart wider das rauschende Papier; wird aber etwas in ihr aufgeschrieben, so kann es durch treuherzige Unschuld gefallen" schrieb Grimm in seiner "Geschichte der deutschen Sprache.

Die meisten Kinderreime hat Nord- und Süddeutschland gemeinsam und schon lange vor der politischen Einigung hatten diese Liedchen die Zusammengehörigkeit der Bruderstämme bezeugt - und taten dies erst recht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Die Form ist in den Kinderreimen sehr oft vernachlässigt. Statt eines Endreim muss oft ein Ähnlichklang (Assonanz) die Stelle des passenden Gleichklanges vertreten, oder der Reim fehlt ganz. Gereimt werden fast immer zwei aufeinanderfolgende Zeilen: a a|b b||; gekreuzte Reime a b a b find sehr selten, und umschließende a b b a, niemals in Kinderliedern zu finden. Das Kind kennt (wie das Volk) in seiner Dichtung kein jambisches oder trochäisches Versmaß, sondern zählt bloß die Hebungen, d. h. die betonten Silben in jeder Zeile; zwischen die Hebungen treten dann die Senkungen (die unbetonten Silben), je eine oder zwei oder keine, denn die Senkung darf auch fehlen. Vorherrschend tritt im Kinderreim das sogenannte trochäische Versmaß auf.