Geschichte des Liedes

Das Kinderlied

Kinderpoesie

Was uns an Inhalt und Sprache im Volksliede so wohlgefällt, bietet auch das Kinderlied: jene Einfachheit und Wahrheit, Natursinnigkeit und Frische, Naivität, Unschuld und Herzlichkeit. Schwerlich dürfte ein Volk eine schönere herzlichere Kinderpoesie besitzen, als das deutsche. Man weiß nicht, ist es der naive Inhalt, ist es gleichsam der frische Morgentau, der auf diesen Feldblumen liegt, oder ist es die einfache Sprache, die so ursprünglich bekannt und traulich uns anmutet wie ein Kindesblick aus tiefblauen Augen. Ohne Zweifel wirkt alles zusammen, diese herzgewinnende Naturdichtung, die durch keine künstliche Nachahmung ersetzt und verdrängt werden kann, uns lieb und angenehm zu machen.

Kinderpoesie (d. h. Poesie von Kindern für Kinder) darf freilich nicht nach dem Maßstab unseres Geschmackes und unserer Bildung bemessen werden, nur nach der einfachen Ausdrucksweise eines Mutter- und Kindergemütes ist sie zu beurteilen, dann wird sie auch allen Anforderungen genügen. Wer sie erfassen und verstehen will, muss sich in die Anschauung- und Sinnesweise eines Kindes versetzen. Das Kind wird in seinem Sinnen und Denken von der Phantasie beherrscht. Seine Phantasie, überaus beweglich und durch keine Erfahrung gehemmt, durch keine Belehrung in ihrem Fluge gestört, belebt alles, vereinigt das Unvereinbarste, erklärt das Unerklärbarste, verklärt das Alltägliche. Dem Kinde ist darum nichts bedeutungslos, es vernimmt keinen Schall, dem es nicht eine Bedeutung abzugewinnen wüsste, und hört keinen Laut der Tierwelt und der Natur, der ihm unverständlich bliebe. Man denke an die Nachahmung der Tierlaute und sonstiger Schallwahrnehmungen. Es spricht mit den Tieren als seinen liebsten Freunden und glaubt sich im geselligen Verkehr mit ihnen. Unbekümmert ob möglich oder unmöglich baut es sich in seiner Phantasie eine zauberhafte Wunderwelt auf. Im Ausdrucke seiner Gefühle und Gedanken liebt und übt es das Bunte und Phantastische und will nicht die am Gängelbande des Verstandes herangezogene logische Sprache und folgerechte Anordnung der Gedanken.

Ein Reim, ein Lied mit einer Gedankenfolge nach den Regeln der Logik entspricht nicht dem poetischen Sinne des Kindes. In seiner Naturpoesie liebt es, die einzelnen Lieder zu zerreißen und wieder solche aus verschiedenartigen Bestandteilen zusammenzusetzen. Die Sprünge von einem Gegenstand zum andern, die Lücken zwischen den einzelnen Gedanken, die uns Erwachsene jedes Mal stutzig machen, sind für die lebhafte Phantasie des Kindes, die alles überbrückt, gar nicht vorhanden. Dabei schafft es sich neue Wörter, die uns sinnlos und albern klingen, dem Kinde machen sie Freude schon ihres Klanges willen, und solcher krause Klingklang (Silbenspielerei) erweckt in ihnen Anschauungen und Empfindungen so gut, wie in den Erwachsenen eine wohlgesetzte Rede. Erscheinen manche Kinderdichtungen auf den ersten Anblick dunkel, sinnlos und verworren, so enthält doch die Mehrheit von ihnen viel Sinniges und Anmutiges. Selbst die dunkel und verworren erscheinenden Reime sehe man nur näher an, dann wird sich manche Dunkelheit aufklären.