Geschichte des Liedes

Das Kinderlied

Kinderlieder

Was jedes Volk aus feiner Kindheitsstube durch seine dichterische Begabung zuerst hervorbringt, ist Poesie, viel später entwickelt sich die Prosa. Ebenso ist es in der geistigen Entwickelung des einzelnen Menschen. "Das erste, was er als Kind geistig aufnimmt, was seine Phantasie beschäftigt, ist Dichtung; gewissermaßen der erste Schritt im Geistesleben führt über den Blumenpfad der Dichtung. Der selige Morgen der Kindheit, welcher nichts weiß von Sorgen des Lebens, von dem Jagen nach Gewinn, nach Sinnenlust und Ehre, dieses goldene Traumleben ist an sich ein Stück Dichtung; ihre einzige gesunde Nahrung kann auch nur die Dichtung sein." schrieb Hermann Dunger 1894 im seinem Buch "Kinderlieder und Kinderspiele aus dem Vogtland".

Was die Volkslieder dem Erwachsenen, das sind die Kinderlieber dem Kinde; beide entstammen dem gleichem Boden, dem Volksgemüt. Daher ist für beide charakteristisch zunächst das Unbekanntsein ihres Verfassers. Die Namen derer, welche diese Reime und Liedlein, spaßige Geschichten und hübschen Spiele gemacht haben, weiß man nicht. Sie find eigentlich nicht gemacht, sondern wie Feld- und Waldblumen ohne alle Pflege hervorgewachsen, sind ein gemeinsames Erbe der ganzen deutschen Kinderwelt und, weil sie seit Jahrhunderten von Geschlecht zu Geschlecht durch mündliche Tradition sich forterhalten, ein sehr altes Eigentum.

Über den Ursprung der Kinderreime und Spiele lässt sich nur im allgemeinen behaupten: das Meiste haben Mütter und Ammen und andere kindlich gebliebene Erwachsene zur Unterhaltung für die Kleinen erfunden, teils aus uralten Sagen und Mären geformt. Anderes rührt sichtlich von Kindern her, die damit ihre ersten Versuche zu reimen und zu erzählen machten, oder es ist wenigstens in seiner jetzigen Gestalt von Kindern umgebildet, wodurch es nicht selten örtliche und zeitliche Beziehung erhalten hat, die im Verlauf der Zeit und für fremde Gegenden unverständlich geworden ist. Diese Umwandlung ist das zweite Merkmal, das Kinder- und Volkslieder gemeinsam haben. Ein Einzelner war jederzeit der Verfasser solcher Lieder; dieser tritt aber mit seiner Person zurück, weil er doch nur das in Form brachte und aussprach, was im ganzen Volke lebte. Sein Produkt gefiel und wurde darum von der Gesamteit aufgenommen, weiter verbreitet, aber dabei je nach Bedarf oder Willkür um- gedichtet, d. h. abgeändert, weil das Kind den ursprünglichen Wortlaut vergessen hatte oder ein anderer Ausdruck ihm besser gefiel. So ist's gekommen, dass ein und dasselbe Thema in vielen Varianten in den verschiedenen Landschaften auftritt.