Geschichte des Liedes

Das Kinderlied

Kinderdichtung

Der vielfach durcheinander geworfene Inhalt sowie die lose Form der Kinderdichtungen machen eine Einteilung derselben unmöglich. Recht hübsch wäre es von Kinder-Lyrik zu reden, wozu Wiegenlieder, Kindergebete und Ringelreihen gehören, daneben von epischen Kinderdichtungen, wozu die Auszählreime mit ihren spaßigen Geschichten (Kinderballaden) zählen, dann mit den dramatisch gehaltenen Kinderspielen zu schließen. Aber wer will diese Klassifikation wagen, da viele Reime in mehrere Fächer passen?

An Alter wird die Kinderdichtung, wie solche aus Volksüberlieferung uns aufbewahrt ist, von keiner anderen übertroffen. Unwiderleglich ist durch gründliche Forschung dargetan, dass viele Kinderreime und -spiele ihre Entstehung dem Heidentum verdanken und, obwohl sie im Laufe der Zeit Umbildung erfuhren, noch heidnische Anschauungen bewiesen. Ihr mythischer Inhalt aber rückt sie in die Anfänge des Mittelalters hinaus und erwiesen ist, dass selbst die Form durch die Länge der Zeit nur wenig Veränderung erfahren hat.

Staunenerregend ist die weite Verbreitung und Übereinstimmung vieler Kinderreime durch alle Regionen Deutschlands, so dass man ein und denselben Reim oft in ungezählten Varianten, durch alle Mundarten Deutschlands, der Schweiz und Niederlande antreffen, sogar in dänischer, schwedischer, englischer und französischer Version nachweisen kann. So singt der kleine Pommer seinen "Jockel" und "Storch-Schnibel-Schnabel" und anderes gerade so gut, wie das Büble im Schwabenland, und die Kinder in Niedersachsen spielen ihre Ringelreihen und andere Spiele ganz so wie der kleine Tiroler. In allen Landstrichen unsers Erdteils, wo Germanenstämme gewohnt haben, kehrt unser ungemachtes und unbehütetes Kinderspiel in wahrer Zwillingsähnlichkeit wieder. Solche Übereinstimmung der Kinderdichtung bei allen Stämmen germanischer oder halbgermanischer Zunge weist entschieden auf ihr hohes Alter hin und lässt ihr Entstehen wenigstens vor die Zeit der Völkerwanderung setzen. Und wenn in deutschen Volkssagen, Volksliedern und Märchen sogar große Ähnlichkeit mit Dichtungen der Inder und Perser entdeckt worden ist, so deutet diese auf gemeinsamen Besitz in der Urheimat und auf die germanische Auswanderung aus Asien zurück. "Wir sind eines Stammes, eines Bluts" mit jenen begabten Orientalen.