Geschichte des Liedes

Das deutsche Volkslied

Vermenschlichung der Natur

Den Anschauungen des Volkes war es gemäß, die umgebende Natur zu beleben, sie dem menschlichen Treiben zu verähnlichen. Die Eule sitzt und spinnt, Nachtigallen fliegen auf Botschaft, das Mädchen unterhält sich mit der Haselstaude als einer Frau Haselin, und die Liebe hat sich eine ganze Blumensprache erdacht. Da sind Vergißnichtmein, Habmichlieb, Herzenstrost, Jelängerjelieber, Maßlieb; die Ungeduld verwünscht das Kraut Wegwarten, und die Zurückweisung hat ihr Kraut Schabab. Und welch eine Tiefe des Gemütes spricht sich in der reichen Fülle der Liebeslieder aus! Durchsichtig bis auf den Grund, lassen sie überall eine Handlung erkennen, ein Erlebnis, oder sie erzählen wohl auch geradezu eine Geschichte, welche ergreift und rührt. Wehmütig klingt es von Scheiden und Meiden, die Fremde ist weit, und die Zeit ist lang. "Der Stunden, der sind alsoviel, mein Herz trägt heimlich Leiden, wiewohl ich oft fröhlich bin." Das Leben verlangt seine Rechte, seine Arbeit, seine Pflichten, ja oft ein heiteres Gesicht - "man sieht so manch' fröhlich Gebärd' wohl aus betrübtem Herzen", - auch will der gesunde Sinn nicht entsagen, sondern mitleben. Der eine wagt es nur schüchtern und befangen, der Jungfrau sein Herz zu öffnen: "Ich kam zu ihr getreten, wie manch Gesell mehr tut, ich wollt' sie han gebeten, ich bot ihr meinen Gruß; ich ward zu einem Stummen, vor Scham da stund ich rot, bei allen meinen Tagen leid (litt) ich nicht größre Not!" - Ein zweiter singt, obgleich in der Fremde, sein jubelndes Glücksgefühl: "Ich hab' einen Ring an meiner Hand, den gäb' ich nicht ums deutsche Land, er kommt von ihren Händen!" Und das Mädchen daheim singt, obwohl betrübt, doch getrost: "Er zog mit meinem Willen nicht hin, doch war sein Herz mein eigen, viel Guts ich mich zu ihm versah, treu Dienst will ich ihm erzeigen. Noch ist der Knab' so wohlgemut, für ihn nähm' ich nicht s Kaisers Gut! Vergiss mein nicht in Treuen!" Und dann kommt nach Jahren das Wiedersehen bei der Linde im Tal, wo beide sich schieden. Das Mädchen erkennt in dem von der Sonne gebräunten, im Ernst der Erfahrung männlich gereiften Gesellen den Geliebten nicht wieder. Er prüft ihre Treue, findet sie standhaft, und das alte Glück kehrt doppelt zurück. Aber auch von Falschheit und Untreue, der die Welt voll ist, weiß das Lied zu singen. Da wird Abschied genommen, um leichtfertig zu vergessen, und mancher muss sich freiwillig von der Liebsten scheiden. "Hatte mir zu Freuden ausgesät, ein andrer hat mir's abgemäht." Aber so oft auch von blinder und gläubig hingebender Mädchenliebe gesungen wird, das Volkslied weiß auch von Weiberlist und Schlauheit zu singen, wodurch der Ruhmredige, der ihre Kunst ausplaudert, oder der Zudringliche gestraft wird. Lüsterne Mönchlein und eingebildete Schreiber werden gebührend abgeführt, ein kecker Reiter ist schon gefährlicher, dagegen erscheint ein schmucker Jäger fast unwiderstehlich.

Wirken diese Jägerlieder und Jägergeschichten, die der Volksgesang in großer Anzahl aufzuweisen hat, noch auf den modernen Hörer und Leser mit derselben Unwiderstehlichkeit, die von ihren Urhebern ausgegangen sein muss, so liegt ein Hauptgrund davon in dem musikalischen Element, das in ihnen besonders ausgebildet ist. Man wird sich daher eine vorwiegende musikalische Übung mit dem Weidwerk verbunden denken müssen, worauf auch das Horn, welches die Jägerei als ihr ausschließliches Instrument betrachtete, hinweist. Mochte dieses auch anfänglich nur den Zweck gegenseitigen Zurufens und Signalgebens zum Sammeln bei großen Jagden haben, so lag es doch nahe, die einfachen Tonformeln des Jagdhorns melodisch auszubilden. Eine bestimmte Formelsprache ist daher diesen Melodien, ja dem Waldhorn selbst für immer eigentümlich geblieben; der ursprüngliche Zweck weitschallenden Rufens konnte ihr, als die eigentliche Grundlage, durch keine Modulation genommen werden. Dem musikalischen Sinn entging dabei nicht, dass durch eine Begleitstimme der Klang melodisch gehoben wurde, und so fand das natürliche Gehör die Terz oder die Sext, und die Doppelstimmigkeit wurde zur Regel.

Auf dieser Entwickelung des Waldhornrufes beruhen die Melodien des Jägerliedes. Die freie Kraftentfaltung des edlen Weidwerks gibt dem Inhalte rasch atmendes Leben und Bewegung. Der Weidmann, der ein Reh suchte, findet gar oft in einem rehäugigen Mägdlein ein viel edler Gewild, und das Volkslied sagt, dass er nicht leicht einen Fehlschuss tut. Keckes Selbstbewusstsein ist daher ein Grundton des Jägerliedes. Vielgestaltig wie jedes menschliche und genossenschaftliche Verhältnis ist auch das Leben im Wald und aus der Heide; vorwiegend aber spiegelt sich in seinen Gesängen eine ungebundene und sprudelnde Lust des Daseins ab. Hier ist ein Waldesduft und eine Taufrische, der sich nichts vergleichen kann, und der Eindruck ist umso erquickender, als in diesen Stücken von einer gemachten Waldromantik gar nicht die Rede sein kann, sondern nur das wirkliche Naturleben anmutend aus ihnen widerklingt.