Ludwig van Beethoven

Ludwig van Beethoven, geboren am 15. oder 16. und getauft am 17. Dezember 1770 in Bonn, hat als Sohn eines liederlichen, durch Trunksucht immer weiter herunterkommenden Tenorsängers der kurfürstlichen Kapelle eine im Gegensatz zu Mozart wenig erfreuliche Kindheit gehabt. Der Vater, ein prahlerischer, aufgeblasener Mensch suchte den musikalisch hochbegabten Knaben frühzeitig abzurichten, um mit ihm Geld zu verdienen, sorgte aber nicht für einen geregelten Unterricht, so dass der junge Beethoven fast ganz auf das Selbststudium angewiesen war. Eine Besserung traf erst ein, seit sich der neue Organist Neefe des Zehnjährigen annahm und ihn bald soweit förderte, dass er ihn auf der Orgelbank vertreten konnte.

1783 erschienen seine ersten drei Klaviersonaten mit einer Widmung an den Kurfürsten im Druck. Als Cembalist der kurfürstlichen Kapelle angestellt, lernte er in engster Fühlung mit der Praxis die ganze damalige Singspiel- und Opernliteratur kennen, was für seine künstlerische Entwicklung von großer Wichtigkeit wurde.

Inzwischen war die wirtschaftliche Lage der Familie immer trostloser geworden, und als vollends die Mutter starb, war der junge Meister, auf dem die ganze Last der Verantwortung ruhte, fast verzweifelt. Hätten sich nicht gerade Freunde wie die Familie Breuning und der kunstverständige Graf Waldstein gezeigt, die den Schwergeprüften durch Rat und Tat wieder aufgerichtet hätten, so wäre dieser zusammengebrochen.

So anregend das geistige Leben in der kleinen Residenz war, für die Dauer konnte es dem sich gewaltig regenden Genius nicht genügen. Höchst willkommen war ihm daher die von Haydn anlässlich seiner Durchreise ausgehende Aufforderung, nach Wien zu kommen. 1792 verließ er mit unbeschränktem Urlaub seine Vaterstadt, um in der österreichischen Hauptstadt bei Haydn zu studieren. Dessen Unterricht aber brachte ihm schwere Enttäuschung, er begab sich daher heimlich in eine andere Schule, zuerst bei dem Singspielkomponisten Johann Schenk, dann bei Georg Albrechtsberger, Wiens gelehrsamer Theoretiker; auch versäumte er nicht, bei Salieri, einem Gluckschen Geisteserben, Studien in der Gesangskomposition zu treiben.

Bald gehörte Beethoven zu den besten Klavierspielern und fand in den aristokratischen Kreisen Wiens freundliche Aufnahme. Als Komponist fand er noch keine Beachtung, er wartete lange, ehe er etwas in Druck gab. 1795 erschien sein op. 1 (drei Klaviersolos), dann folgten die ersten Klaviersonaten, das Septett, Streichquartette und die erste Sinfonie.

Beethoven, der, seit er Bonn verlassen hatte, nie wieder eine Stellung angenommen hat, war ganz auf die Einkünfte aus seinen Werken und aus dem Unterricht, den er in den hohen Kreisen erteilte, angewiesen.

Mitten in seinem rastlosen Schaffen meldeten sich die ersten Anzeichen eines Gehörleidens. Von der tiefen Depression, die ihn bei dieser Entdeckung überfiel, gibt das sogenannte "Heiligenstädter Testament" (1802) erschütterndes Zeugnis. Aber Beethoven, von dem das stolze Wort stammt: "man muss dem Schicksal in den Rachen greifen", raffte sich auf und warf die schwere Sorgenlast von sich, um sich ganz seiner Kunst zu widmen. Von den Ideen der französischen Revolution ergriffen, sah er in Napoleon den Helden einer erträumten Weltrepublik und wollte ihm die dritte Sinfonie widmen. Als er aber von dessen Krönung zum Kaiser hörte, zerriss er in höchstem Unmut die Widmung und wandelte sie in "Sinfonia eroica composta per festiggiare il sovvenir di un grad uomo" um.

Die Aufführung seiner einzigen Oper "Fidelio" bereitete ihm viel Enttäuschungen, mehrfach hat er später das Werk umgearbeitet.

In rascher Folge entstehen seine großen Werke; ein großes Konzert im Jahr 1808, bei dem die 5. und 6. Sinfonie, die Chorfantasie, das G-Dur-Klavierkonzert und die C-Dur-Messe (alles in einem Programm) zur Aufführung kamen, brachte ihm große Huldigungen ein.

Während eines Sommeraufenthalt in Teplitz fand jenes legendenumwobene Zusammentreffen mit Goethe statt, wo sich der Demokrat und Republikaner über den Weimarer Hofmann und Minister weidlich ärgerte. Leider sind die Beziehungen zwischen den beiden Geistesheronen nie fester geworden, Goethe stieß das rauhe, unbeherrschte Wesen des Musikers ab, während dieser Zeit seines Lebens zu dem Dichterfürsten mit tiefster Verehrung emporsah.

Das Jahr 1812 war für Beethoven sehr ertragreich, brachte es doch hintereinander gleich zwei Sinfonien (7. und 8.) hervor. Größeren Erfolg aber als mit allen bisherigen Werken errang er mit seiner Schlachtmusik auf Wellingtons Sieg bei Victoria (1813), eine Befreiung, die heute bei diesem auf ein äußerlichen Effekt berechneten Werk nicht mehr aufrecht zu halten ist.

Seit dem Tode seines ebenfalls in Wien lebenden Bruders Karl (1815) bereitete ihm die Vormundschaft über seinen minderjährigen und missratenen Neffen Karl unendlichen Kummer. Inzwischen verschlimmerte sich auch sein Gehörleiden von Jahr zu Jahr und führte 1819 zu völliger Taubheit. Immer mehr zog er sich von den Menschen zurück, wurde - eine Folge der Krankheit - unwirsch und grob und galt als einsamer Sonderling, der auf stundenlangen Spaziergängen seinen musikalischen Gedanken nachhing. Die Werke aber, die er dann herausstellte, zeigen ihn noch immer ungebrochen in seiner Kraft. 1823 wurde seine schon fünf Jahre vorher begonnene e Missa solemnis vollendet, sein nach eigenem Geständnis vollkommenstes Werk. Gleich darauf brachte die "Neunte Sinfonie" den gewaltigen Schlußstrich seines sinfonischen Schaffens. Ab 1824 entstanden nach langer Pause die letzten Streichquartette (op.127, 130, 131, 135), jene Wunderwerke vergeistigter Musik, die, solange für ungenießbar gehalten, erst durch das geniale Joachimsche Streichquartett der Konzertmusik erschlossen worden sind.

Seit 1825 kränkelte der Meister. Im Dezember 1826 warf ihn eine Erkältung auf das Krankenlager, wo er noch drei Monate wie ein Riese gegen sein Leiden ankämpfte, bis ihn am 26. März 1827 der Tod erlöste, während draußen unter Hagel und Schnee ein Gewitter niederging.