Auf de schwäb'sche Eisebahne

Volkslied

Musiknoten zum Lied Auf de schwäb'sche Eisebahne

Liedtext

Auf de schwäb'sche Eisebahne
gibt's gar viele Haltstatione.
Stuttgart, Ulm und Biberach,
Meckebeure, Durlesbach!
Rulla, rulla, rullala,
Rulla, rulla, rullala.
Stuttgart, Ulm und Biberach,
Meckebeure, Durlesbach!

Auf de schwäb'sche Eisebahne
wollt amal a Bäu'rle fahre,
geht an Schalter, lüpft de Hut:
"Oi Billettle, seid so gut!"
Rulla, rulla, rullala,
Rulla, rulla, rullala.
Geht an Schalter, lüpft de Hut:
"Oi Billettle, seid so gut!"

Eine Geiß hat er sich kaufet
und daß die ihm nit entlaufet,
bindet sie de gute Ma
hinte an de Wage a.
Rulla, rulla, rullala,
Rulla, rulla, rullala.
Bindet sie de gute Ma
hinte an de Wage a.

"Böckli, tu nur woidle springe,
's Futter werd i dir scho bringe."
Setzt si zu seim Weible na
und brennt's Tabakpfeifle a.
Rulla, rulla, rullala,
Rulla, rulla, rullala.
Setzt si zu seim Weible na
und brennt's Tabakpfeifle a.

Auf de nächste Statione,
wo er will sei Böckle hole,
find't er nur no Kopf und Soil
an dem hintre Wagetoil.
Rulla, rulla, rullala,
Rulla, rulla, rullala.
find't er nur no Kopf und Soil
an dem hintre Wagetoil.

Do kriegt er en große Zorne,
nimmt de Kopf mitsamt dem Horne,
schmeißt en, was er schmeiße ka,
den Konduktör an Schädel na:
Rulla, rulla, rullala,
Rulla, rulla, rullala.
Schmeißt en, was er schmeiße ka,
den Konduktör an Schädel na.

"So, du kannst de Schade zahle,
warum bis d' so schnell gefahre!
Du alloin bis schuld dara,
daß i d'Goiß verlaure ha!"
Rulla, rulla, rullala,
Rulla, rulla, rullala.
Du alloin bis schuld dara,
daß i d'Goiß verlaure ha!"

So, jetzt wär das Lied gesunge,
's hätt' euch wohl in d'Ohre geklunge.
Wer's no nit begreife ka,
fang' no mal von vorne a!
Rulla, rulla, rullala,
Rulla, rulla, rullala.
Wer's no nit begreife ka,
fang' no mal von vorne a!

Der Texter des Scherzlieds Auf de schwäb'sche Eisebahne ist unbekannt. Das Lied soll erstmals von Tübinger Corps-Studenten 1853 nach einer aus Basel stammenden Melodie gesungen worden sein. Einen schriftlichen Beleg gibt es gemäß dem Volksliedforscher Heinz Rölleke erst ab 1888 in Basel.

Die Bahnlinie von Heilbronn - mit Umsteigen in Stuttgart - nach Friedrichshafen zum Bodensee existiert seit 1850; sie gehörte zu den Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen. Wie lange die Fahrt damals dauerte und wie viel sie kostete, ist mir nicht bekannt. Berücksichtigt man die damaligen vielen kleinen ›Haltstatione‹ dürfte die Reise fast einen halben Tag in Anspruch genommen haben. Heute ist man mit dem Interregio Express von Stuttgart in gut zwei Stunden in Meckenbeuren und bezahlt für eine einfache Fahrt mit dem Sparticket 19 Euro.

Während die Züge noch heute in Ulm, Biberach und Meckenbeuren Station machen, ist der Bahnhof Durlesbach, der zum Teilort Reute der Stadt Bad Waldsee (Landkreis Ravensburg) gehört, 1984 geschlossen worden. Durlesbach kommt - dem Streckenverlauf nach - zwar vor Meckenbeuren, aber auf Biberach musste Durlesbach des Reimes wegen herhalten.

In seinem Reisebericht Ein Winter in Spanien (Adolph Krabbe, Stuttgart 1855, 1. Band, S. 10) schreibt der Stuttgarter Autor Friedrich Wilhelm Hackländer 1855 über den Bahnhof Durlesbach: " … und die Station Turlesbach, letztere berühmt, weil hier außer den Conducteuren noch nie eine menschliche Seele aus- oder eingestiegen sein soll, so sagt nämlich die Tradition. ›Turlesbach‹ ruft der Zugführer und setzt gleich darauf hinzu ›fertig‹, worauf es ohne anzuhalten weiter geht“. Mehr zur Geschichte des Bahnhofs Durlesbach gibt es auf der Webseite Die Geschichte eines Bahnhofs.

Andererseits hat gerade das bis heute beliebte Lied Auf der schwäb‘sche Eisebahne diesen Bahnhof derart beliebt gemacht, dass 1990 der Bad Waldseer Künstler René Auer die Bahnhofsszene des Liedes in vier Bronzefiguren verewigte: Das Bäuerlein, der widerspenstige Geißbock, eine Bäuerin und der Kondukteur (Schaffner) stehen neben einer ausrangierten Kleinbahn als Eisenbahndenkmal. Und regelmäßig blasen die Reuter Durlesbach-Schalmeien ›ihr‹ Lied voller Inbrunst, obwohl sie wissen, dass der Bauer, der seine Geiß an den Zug anbindet, eigentlich den Oberschwaben persifliert.

Liedbetrachtung

Nachdem der Verfasser in der ersten Strophe von dem Streckenverlauf der schwäb‘schen Eisebahne berichtet hat, erzählt er von einem Bauern, der am Schalter Fahrkarten für sich (2.Strophe) und seine Frau (s. 4. Strophe) kauft. Als sprichwörtlich sparsamer Schwabe jedoch hat er kein ›Billett für seine ›Geiß‹ (eine Ziege) gelöst. Dass auch Vieh mitgenommen werden konnte, kann man einer anderen Textfassung entnehmen: "Auf de schwäb'sche Eisebahne / könne Kuh und Ochse fahre ….". Stattdessen bindet der Bauer die Geiß an den letzten Wagen an. Dabei denkt er nicht daran, dass, so langsam wie die Züge zu der Zeit auch fuhren, so ein Zug immer noch schneller ist, als eine Ziege laufen kann. Nachdem der Bauer dem Geißbock noch Mut zugesprochen hat, er solle nur weiter springen, das Futter werde er ihm schon bringen, setzt sich zu seiner Frau und zündet sich gemütlich ein Pfeifchen an.

Der Liedtext gibt keinen Aufschluss darüber, wo der Bauer und seine Frau eingestiegen sind. Daher ist es nicht möglich, die "nächste Statione", an der der Bauer seinen Geißbock losbinden will, zu benennen. Entscheidend aber ist, dass die Ziege das Tempo des Zuges nicht mithalten konnte und daher grausam gestorben ist, indem ihr Kopf vom Leib abgetrennt wurde.

Enttäuscht über den Tod seiner Ziege, die er wahrscheinlich auf dem Markt verkaufen wollte, wird der Bauer zornig. Er gibt dem Kondukteur die Schuld, dass der den Zug zu schnell hat fahren lassen, und voller Wut wirft er ihm den Schädel der Ziege an den Kopf und verlangt Schadensersatz. Weiter wird die Geschichte nicht erzählt. Doch man kann davon ausgehen, dass der Bauer seinen Schaden nicht ersetzt bekommen hat.

Die achte Strophe hat mit der Geschichte nichts zu tun; inhaltlich könnte sie unter jedem Volkslied aus Schwaben stehen. Sie erinnert an das aus Nordböhmen stammende Lied Jetzt fahrn wir übern See mit seiner in der letzten Strophe enthaltenen Endlosschleife:

Das Liedlein, das ist aus, das ist aus
Und wer das Lied nicht singen kann,
der fang’s von vorne an.

Rezeptionsgeschichte

Auf de schwäb'sche Eisebahne verbreitete sich schnell über das Schwabenland und Baden-Württemberg hinaus; einzelne Strophen wurden verändert, bis zu 20 Strophen wurden im Laufe der Zeit hinzugedichtet.

Das Lied ist in fast jedem Kinderliederbuch enthalten, und darüber hinaus in manchen Liedersammlungen für Jugendliche. Bereits 1914 wurde Auf de schwäb'sche Eisebahne in das Pfadfinderliederbuch des Deutschen Pfadfinderbundes aufgenommen, Liederbücher der Arbeiterjugend und - im Naziregime - der Hitlerjugend folgten. Wie beliebt das Lied war, zeigt sich auch darin, dass es Aufnahme in den weit verbreiteten Kilometerstein fand, der 1939 in der 7. Auflage erschien und - nach dem Zweiten Weltkrieg - auch in das Liederbuch der Freien Deutschen Jugend Leben, kämpfen, singen (10. Auflage 1964). In Westdeutschland gab es keinen Jugendverband, der das Lied nicht in sein Repertoire aufnahm. In Liedersammlungen für Erwachsene, wie z. B in Ernst Klusens zweibändigem Deutsche Lieder ist das Lied nicht vertreten, wohl aber in der Mundorgel (1968 bis 2013Textauflage über 10 Millionen, Notenauflage 4 Millionen).

Die Mundorgel weist nicht die obige letzte Strophe aus, dafür aber als Strophen zwei und drei:

Auf de schwäb‘sche Eisebahne
gibt es viel Restauratione,
wo man essen, trinken kann,
alles, was der Magen mag.

Auf de schwäb‘sche Eisebahne
braucht man keine Postillione.
Was uns sonst das Posthorn blies,
pfeifet jetzt die Lok‘motiv.

Das Deutsche Musikarchiv Leipzig weist in seinem Katalog 100 Tonträger aus, darunter sechs Schellackplatten mit dem Titel Auf de schwäb‘sche Eisebahne.

Betrachtet man die Langspielplatten und Compact Discs fällt auf, dass das Lied überwiegend von Chören interpretiert worden ist, z.B. von den Fischer Chören und dem Bodo Lucas Chor sowie den Regensburger Domspatzen und dem Tölzer Knabenchor. Aus der Reihe der Solisten ragen Vico Torriani und Tony Marshall hervor.

Zu den vorwiegend von regionalen Phonoproduzenten verlegten Tonträgern kommen fast alle großen Musikverlage und - mit hohen Auflagen - der Deutsche Schallplattenclub, Hör zu und der Bertelsmann Club hinzu.

Von den im DMA-Katalog aufgeführten Scherzliedern steht Auf der schwäb‘schen Eisebahne vor Mein Hut, der hat drei Ecken (65 Tonträger) und Eine Seefahrt, die ist lustig (49 Tonträger) in seiner Beliebtheit auf dem ersten Rang.

Georg Nagel, 31. Juli 2017