Auf, auf zum fröhlichen Jagen

Gottfried Benjamin Hancke (1724)

Der vollständige Text des Gedichts Jägerlied von Gottfried Benjamin Hanckes nach Magnus Böhmes Deutscher Liederhort, Band 3, S. 310f

Volksweise (18. Jh.)

Musiknoten zum Lied Auf, auf zum fröhlichen Jagen

Liedtext

Auf, auf zum fröhlichen Jagen,
Auf in die grüne Heid!
Es fängt schon an zu tagen,
Es ist die schöne Zeit!
Auf, bei den frohen Stunden,
Mein Herz ermuntre dich!
Die Nacht ist schon verschwunden,
Und Phöbus zeiget sich.

Seht, wie das Heer der Sterne
Den schönen Glanz verliert,
Und wie sie sich entfernen,
Wenn sich Aurora rührt!
Die Vöglein in den Wäldern
Sind schon vom Schlaf erwacht,
Und haben auf den Feldern
Ihr Morgenlied gebracht.

Wir rüsten uns zum Streite
Und jagen Paar und Paar;
Die Hoffnung reicher Beute
Versüßet die Gefahr.
Wir weichen nicht zurücke,
Obgleich ein wilder Bär,
Und noch ein großes Stücke,
Nicht ferner von uns wär.

Will gleich ein wilder Hauer
Mit seinen Waffen dräun,
Fängt man an ohne Schauer
Hussa! Hussa! zu schrein;
Damit das Ungeheuer,
Wenn es die Kugel brennt,
Schon nach empfangnem Feuer
In sein Verderben rennt.

Das edle Jägerleben
Vergnüget meine Brust;
Den kühnen Fang zu geben,
Ist meine größte Lust.
Wo Reh und Hirsche springen
Wo Rohr und Büchse knallt,
Wo Jägerhörner klingen,
Da ist mein Aufenthalt.

Frisch auf, zum fröhlichen Hetzen,
Fort in das grüne Feld!
Wo man mit Garn und Netzen
Das Wild gefangen hält.
Auf, ladet eure Röhren
Mit Pulver und mit Blei
Und macht der Jagd zu Ehren
Ein fröhlich Jagdgeschrei.

Sind unsre matten Glieder
Vom Sonnenglanz erhitzt,
So legen wir uns nieder,
Wo frisches Wasser spritzt,
Wo Zephyrs sanftes Blasen
Der Sonne Glanz besiegt,
Da schläft man auf dem Rasen,
Mit Anmut eingewiegt.

Das Gras ist unser Bette,
Der Wald ist unser Haus;
Wir trinken um die Wette
Das klare Wasser aus.
Kann man dem Schlaf nicht weichen,
So ruht man auf dem Klee,
Das Laub der hohen Eichen
Ist unser Kanapee.

Ein weibliches Gemüte
Hüllt sich in Federn ein,
Ein tapfres Jagdgeblüte
Muß nicht so träge sein.
Drum laßt die Faulen liegen,
Gönnt ihnen ihre Ruh:
Wir jagen mit Vergnügen
Dem dicken Walde zu.

Frisch auf, ihr lieben Brüder,
Ergreifet das Geschoß!
Auf, legt die Winde nieder,
Und geht aufs Wildpret los!
Erfrischt die matten Hunde
Durch frohen Zuruf an,
Und ruft aus vollem Munde,
So viel ein jeder kann.

Will gleich zu manchen Zeiten,
Blitz, Wetter, Sturm und Wind
Einander widerstreiten,
Die uns zuwider sind;
So sind wir ohne Schrecken
Bei allem Ungemach,
Und jagen durch die Hecken
Den schnellen Hirschen nach.

Auf, auf, zum fröhlichen Jagen gehört zu den bekanntesten Volksliedern in Deutschland. 1975 kam es nach einer repräsentativen Umfrage, durchgeführt vom Institut für musikalische Volkskunde Neuss (heute Institut für europäische Musikethnologie) auf den 2. Rang der bekanntesten Volkslieder in Deutschland stand (Ernst Klusen: Zur Situation des Singens in der Bundesrepublik Deutschland. II. Band. Die Lieder. Köln 1975).

Text und Melodie gehen zurück auf das französische Jagdlied Pour aller a la chasse faut être matinaux (Wenn man gehen will auf Jagd, so muss man früh aufstehn). Der deutsche Barockdichter Gottfried Benjamin Hancke (1695 bis 1750), lernte das Jagdlied am Hofe zu Lissa (Böhmen) des böhmischen Reichsgrafen Franz Anton von Sporck (1662 bis 1738), kennen. Der jagdbegeisterte Graf Sporck, 1695 Gründer des Internationalen Hubertus-Ordens, reiste oft zu Jagden nach Frankreich und brachte von dort das weitverbreitete Lied mit. Auf die Melodie, die auch in Kärnten bekannt war, dichtete Hancke 1723 Auf, auf zum fröhlichen Jagen mit elf Versen, von denen heute die überwiegende Mehrheit der mir in Archiven und als Druckausgabe zugänglichen Liederbücher drei Verse aufführt: 1. und 5. sowie dazwischen als 2. Strophe die Abwandlung:

Frühmorgens, als der Jäger
In grünen Wald 'neinkam,
Da sah er mit Vergnügen
Das schöne Wildbret an.
Die Gamslein Paar um Paare,
Sie kommen von weit her,
Die Rehe und das Hirschlein,
das schöne Wildbret schwer.

Die Melodie beginnt wie mit einem Jagdhorn geblasenen Signal: die Jagdgesellschaft wird aufgefordert, sich bereit zu machen. Ob es sich um eine Druckjagd, bei der das Wild von Treibern aus ihrem Einstand (jägersprachlich auch Druck genannt) handelt oder um eine Parforcejagd (eine Art Hetzjagd zu Pferde), bei der eine Hundemeute das Wild aufscheucht, erfahren wir zunächst nicht. Und scheint es zunächst nur auf Hasen zu gehen, als die „in der grünen Heid“ am meisten verbreitete Wildart, so ist dem zweiten Vers zu entnehmen, dass es auch in den grünen Wald hinein geht, in dem es Rehe und Hirsche gibt. Es ist also anzunehmen, dass es sich um eine Parforcejagd zu Pferde handelt. Eine höfische Jagdgesellschaft würde sich kaum erst auf der Heide und dann im Wald zu Fuß bewegt haben.

Das edle Jägerleben

Unabhängig davon vermittelt bereits der erste Vers die Vorfreude auf die Jagd. Die Jäger sind ganz früh aufgestanden, die "Nacht ist schon (gerade erst) verschwunden" und es herrscht gutes Wetter: "der Phöbus zeiget sich". Der Adel und der gehobenen Klerus, die zu der Zeit häufig von Fürsten und anderen betuchten Adeligen zur Jagd eingeladen wurden, waren gebildet genug, um zu verstehen, was mit Phöbus gemeint war, nämlich eine Windgottheit der Antike, die den milden Westwind verkörperte.

Das Freude, die die Jagd bereitet, drückt sich auch in der zweiten Strophe aus: "der Jäger sieht mit Vergnügen das schöne Wildbret an“. "Gamslein Paar um Paare" wird der Jäger wohl nicht gesehen haben, sind doch Gemsen Tiere des Hochgebirges; die hier erwähnten Gamslein sind nur durch die dichterische Freiheit zu erklären. Auch der Erklärungsversuch: "sie kommen von weit her" ist nicht glaubhaft, da Gemsen allein wegen der Beschaffenheit ihre Hufe sich in einem Wald nicht wohlfühlen würden. Wie sehr die Jagdlust angeregt wird, zeigt sich auch, dass der Dichter im selben Vers zum zweiten Mal auf "das schöne Wildbret" hinweist, auf die "schweren" Rehe und Hirsche, d.h., dass sie gut im Futter zu stehen.

"Das edle Jägerleben", von dem in der fünften Strophe die Rede ist, war im 17. und zum Teil im 18. Jahrhundert nicht immer edel. Bei sogenannten Gatterjagden wurde das Wild in Gatter oder in weiträumige Höfe getrieben. Die Jäger standen geschützt hinter Mauern oder saßen gar in kleine Jagdhütten und ballerten - anders kann man das nicht nennen – in die verzweifelt auszubrechende Herde, in die manchmal, um die Verwirrung unter den Tieren noch zu vergrößern, Hunde getrieben wurden.

Heutzutage ist diese Gatterjagd verboten, und man kann getrost den Jägern ihre "größte Lust" abnehmen, wenn "Büchse und Rohr knallen" und zum Halali, dem Ende der Jagd, erneut die Jagdhörner erklingen. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass Jäger auch Heger sind, die den Wald schützen, indem sie zu große Bestände an Rehen und Hirschen, die die jungen Triebe oder die Baumrinde abnagen, rechtzeitig durch Abschuss reduzieren.

Georg Nagel, 2. Juli 2016