Wir sind durch Deutschland gefahren

Volkslied (19. Jh.)

Volksweise (19. Jh.)

Musiknoten zum Lied Wir sind durch Deutschland gefahren

Liedtext

Wir sind durch Deutschland gefahren,
vom Meer bis zum Alpenschnee,
wir haben noch Wind in den Haaren
den Wind von den Bergen und Seen,
den Wind von den Bergen und Seen.

In den Ohren das Brausen der Ströme,
der Wälder raunender Sang,
das Geläut von den Glocken der Dome,
der Felder Lerchengesang.

In den Augen das Leuchten der Sterne,
das Flimmern der Heidsonnenglut.
Und tief in der Seele das Ferne,
das Sehnen, das nimmermehr ruht.

Und du, Kamerad, mir zur Seite,
so fahren wir durch das Land,
wir fahren die Läng und die Breite
durch Regen und Sonnenbrand.

Wir sind durch Deutschland gefahren
Vom Meer bis zum Alpenschnee
Wir werden noch weiter fahren
Um neue Lande zu sehn.

Wer den Text des Liedes geschrieben hat und von wem die Melodie stammt, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich ist es, wie manche Lieder der Jugendbewegung, am Lagerfeuer oder auf einer Fahrt entstanden, wobei einzelne Gruppenmitglieder jeweils einen Teil dazu beigetragen haben. Diesen, den Bündischen zuzurechnenden Dichtern, waren die Lieder der Jugendbewegung wohl bekannt (vgl. Interpretation zur dritten und vierten Strophe).

Volksliedforscher vermuten, dass das Lied um 1930 entstanden ist. Die große Zeit des Wandervogels war lange vorbei, und daher heißt es auch nicht wie einst in der Wandervogelhymne (Wolfgang Lindner) "Wir wollen zu Land ausfahren", sondern "Wir sind durch Deutschland gefahren". Zwischen den Entstehungsjahren dieser beiden Lieder liegen rund 20 Jahre; die jugendlichen Wandervögel sind in die Jahre gekommen.

So wie das Lied entstanden ist, so wurde es auf Fahrten, bei Gruppentreffen oder am Lagerfeuer gesungen und weitergetragen. Auffällig ist, dass es mit Ausnahme weniger Schulbücher in der Zeit des NS-Regimes in keinem Liederbuch auftaucht. Das scheinbar resignative Gedenken an jugendbewegte Zeiten hatte keinen Platz zwischen Vorwärts, vorwärts schmettern die hellen Fanfaren und Morgen marschieren wir in Feindesland oder Komm, komm lockt der Schritt, komm Kamerad, wir ziehen mit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg tauchte es zunächst auch nur in einigen Schulbüchern auf, bis sich dann die evangelische und katholische Jugend mit ihren Liederbüchern des Liedes annahmen. Und seitdem Wir sind durch Deutschland gefahren 1953 in der Mundorgel, dem Liederbuch mit der höchsten Auflage in Deutschland (2013 über 11 Millionen Textdrucke und rd. 3 Millionen mit Noten) Aufnahme fand, wurde das Lied bald in ganz Deutschland bekannt und in weiteren zahlreichen Liederbüchern veröffentlicht. Gesungen wurde es hauptsächlich in Nachfolgeorganisationen der Jugendbewegung, wie z.B. in verschiedenen Pfadfinderbünden und auch Wandervereinen. Dass das Lied auch gern gehört wurde und noch wird, zeigt der Katalog des Deutschen Musikarchivs Leipzig mit fast 100 Tonträgern; von Heino sind allein sechs LPs bzw. CDs mit diesem Lied auf den Markt gekommen.

Interpretation

Die neoromantischen Begriffe der "Wandervogelhymne" wie "Fluren", "Gipfel", "Gnome", "Zaubergestalt" sind hier in der ersten Strophe zum großen Teil einer realistischen Sprache gewichen. Nicht mehr von den "Gipfeln der Einsamkeit" und "springenden fremden Wassern" ist die Rede, sondern von "Bergen und Seen" und in der vierten Strophe "die Läng und die Breite". Aber in Erinnerung an die jugendbewegte Zeit "wir haben den Wind noch in den Haaren" tauchen dann doch wieder neoromantische Metaphern auf, z.B. "Alpenschnee" und "Heidsonnenglut".

Und in der zweiten Strophe hat man noch "das Brausen der Ströme" „ und "der Wälder raunender Sang" ebenso in den Ohren wie "der Felder Lerchengesang". Nachträglich wird auch hier das Wandern in der Natur idealisiert, aber es wurde auch auf "das Läuten der Dome" geachtet.

Ohne zu resignieren, denkt man in der dritten Strophe daran zurück, wie sich bei Nachtwanderungen "das Leuchten der Sterne" in den Augen widerspiegelte oder wie bei gleißender Sonne in der Heide die Thermik ein Flimmern hervorrief. Bei diesen Gedanken kommt das "nimmermehr ruhende Sehnen" nach der Ferne auf, vielleicht auch der Wunsch, noch einmal jung zu sein und Neues zu entdecken (vgl. Wir sind jung die Welt ist offen … unser Sehnen unser Hoffen).

Die vierte Strophe ist offensichtlich nachträglich eingefügt worden; dem unbekannten Verfasser war es wohl genug der Reminiszenzen und er benutzt daher die Gegenwartsform. Außerdem passt der Begriff "Kamerad" nicht in jugendbewegte Lieder. Mit einem "Kameraden" will er durch das Land fahren, diesmal kreuz und quer, "die Läng und die Breite". Und das unabhängig vom Wetter "durch Regen und Sonnenbrand", vergleichbar mit "ob heiter oder trübe, wir fahren in die Welt" wie es in der 2. Strophe des Liedes Aus grauer Städte Mauern heißt.

In der letzten Strophe wird die Eingangszeile noch einmal wiederholt, um sich dann selbst Mut zuzusprechen, dass es weitergeht. Die Rückbesinnung auf die gute alte Wandervogelzeit ist das eine; hier knüpft das Lied hoffnungsvoll an Wir wollen zu Land ausfahren an. Im Sinne von "die Welt ist offen" heißt es darum abschließend "Wir werden noch weiter fahren, um neue Lande zu sehn".

Georg Nagel, 18. Februar 2017